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Monsterwelle

Durch Überlagerung von Wellenfronten entstehende Welle sehr großer Höhe und kurzer Länge

5 min01/01/2024
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Seit Jahrhunderten erzählten Seeleute von Wellen, die scheinbar aus dem Nichts auftauchten und Schiffe wie Spielzeug verschluckten. Ihre Berichte wurden lange als Seemannsgarn abgetan, als Übertreibungen erschöpfter Männer in der Weite des Ozeans. Doch was die Fischer und Kapitäne beschrieben, war real: Monsterwellen, auch Riesenwellen oder Kaventsmänner genannt, sind außergewöhnlich hohe, einzelne marine Wasserwellen, die noch heute zu den gefährlichsten Naturphänomenen der Weltmeere zählen.

Der entscheidende wissenschaftliche Durchbruch kam erst 1995, als auf der Ölplattform Draupner in der Nordsee eine Welle messtechnisch erfasst wurde, die alle bis dahin geltenden Modelle sprengte. Von diesem Zeitpunkt an konnte die Wissenschaft das Phänomen nicht länger ignorieren. Im Rahmen des europäischen MaxWave-Projekts wurden anschließend mit den Umweltsatelliten ERS-1 und ERS-2 weltweite Radarmessungen durchgeführt. Das Ergebnis war verblüffend: Innerhalb von lediglich drei Wochen registrierten die Satelliten zehn Wellen, die eine Höhe von mehr als 25 Metern erreichten. Was man lange für unmöglich gehalten hatte, trat offenbar weit häufiger auf als vermutet.

Julian Wolfram von der Heriot-Watt Universität Edinburgh und sein Team führten auf der Draupner-Plattform über einen Zeitraum von zwölf Jahren systematische Radarmessungen durch. In diesem Zeitraum wurden 466 Monsterwellen registriert, eine Zahl, die selbst erfahrene Meeresforscher überraschte. Die Daten belegten, dass diese Phänomene keine seltene Ausnahme, sondern ein regelmäßiger Bestandteil des Meeresgeschehens sind.

Was eine Welle zur Monsterwelle macht, ist klar definiert: Sie muss die sogenannte signifikante Wellenhöhe, also den Mittelwert des höchsten Drittels der Wellen in einem gegebenen Seegang, um mindestens das Doppelte übertreffen. Dazu kommen charakteristische physikalische Merkmale, die sie von gewöhnlichen Sturmwellen unterscheiden. Monsterwellen haben eine vergleichsweise kurze Wellenlänge und eine relativ hohe Geschwindigkeit. Besonders markant ist ihre steile Vorderfront, die kaum Zeit zur Reaktion lässt.

Bisher sind drei Arten von Monsterwellen bekannt. Der klassische Kaventsmann, auf Englisch als rogue wave bezeichnet, ist eine große, relativ schnelle Welle, die nicht der Richtung des normalen Seegangs folgt und daher für Schiffsführer kaum vorhersehbar ist. Die sogenannten Drei Schwestern sind drei schnell aufeinanderfolgende Riesenwellen, zwischen denen die Wellentäler so eng und tief sind, dass ein Schiff keinen ausreichenden Auftrieb entwickeln kann. Es wird von der zweiten oder spätestens der dritten Woge überrollt. Ob dieses Phänomen immer exakt aus drei Wellen besteht oder ob Varianten mit zwei, vier oder fünf Wellen vorkommen, ist unter Forschern noch ungeklärt. Die dritte Art ist die sogenannte Weiße Wand, eine extrem steile Welle, von deren Kamm die Gischt herabsprüht und auf die unmittelbar ein tiefes Wellental folgt.

Die physikalische Zerstörungskraft dieser Wellen ist enorm. Während die meisten Schiffe auf einen Wasserdruck von maximal 150 Kilonewton pro Quadratmeter ausgelegt sind, kann ein direkter Treffer durch eine Monsterwelle Drücke von weit über 1.000 Kilonewton pro Quadratmeter erzeugen. Aufgrund der Eigenträgheit eines Schiffskörpers kann das Fahrzeug eine solche Welle nicht einfach überfahren. Stattdessen wird es regelrecht überrollt, der sogenannte Brecherwelleneffekt. Der Wasserschlag trifft dann in der Regel die Aufbauten des Schiffes, die für derartige Kräfte schlicht nicht konstruiert wurden.

Kleinere Schiffe können von Monsterwellen buchstäblich verschluckt oder zerschlagen werden. Bei größeren Schiffen brechen oft Fenster, Aufbauten werden demoliert, und das Fahrzeug wird manövrierunfähig. Selbst Großschiffe mit einer Länge von mehr als 200 Metern sind nicht sicher: Die trägen Schiffskörper werden durch die schnell wechselnden Belastungen extrem beansprucht und können unter Umständen auseinanderbrechen. Einige Forscher sind überzeugt, dass beim mysteriösen Versinken vieler Großschiffe Monsterwellen direkt oder indirekt die Ursache waren.

Das Problem verschärft sich durch die kurze Wellenlänge und die daraus resultierenden tiefen, schnell aufeinanderfolgenden Wellentäler. Das Schiff wird am Bug angehoben und durchbricht die Welle, um anschließend in ein steiles Tal zu stürzen, während Mittelteil und Heck noch in der Welle liegen. Diese Hebelwirkung erzeugt Biegekräfte, die den Schiffsrumpf gefährden können.

Monsterwellen treten nicht gleichmäßig über die Weltmeere verteilt auf. Sie konzentrieren sich besonders in Gebieten mit starken Meeresströmungen. Das Seegebiet südöstlich und östlich von Südafrika, wo der Agulhasstrom eine bedeutende Rolle spielt, ist ebenso berüchtigt wie die Gewässer rund um Kap Hoorn an der Südspitze Südamerikas. Auch Bereiche, in denen die Wassertiefe plötzlich abnimmt, gelten als besonders gefährlich für das Entstehen extremer Seegangsphänomene.

Die Erforschung der Monsterwellen steht, trotz der Fortschritte seit 1995, noch am Anfang. Die genauen physikalischen Entstehungsmechanismen sind nicht vollständig verstanden. Bekannt ist, dass verschiedene Faktoren zusammenwirken können, darunter konstruktive Überlagerung mehrerer Wellenzüge, Fokussierung durch Strömungen und die nichtlineare Wellenphysik. Das Wissen darum, dass diese Phänomene existieren und häufiger auftreten als gedacht, hat jedoch bereits die Anforderungen an den Schiffbau und die Sicherheitsstandards der Seefahrt beeinflusst. Die alten Seemannsgarn, so stellt sich heraus, waren Tatsachenberichte.

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