Das Plasco-Gebäude war weit mehr als ein Hochhaus aus Glas und Stahl – es war ein Symbol des modernen Teherans, ein Wahrzeichen, das den Aufbruch des Irans in die Moderne des 20. Jahrhunderts verkörperte. Errichtet in den Jahren 1962 und 1963, galt es bei seiner Fertigstellung als das höchste Gebäude des gesamten Landes und prägte über Jahrzehnte hinweg die Silhouette der iranischen Hauptstadt.
Der Auftraggeber hinter dem ehrgeizigen Bauprojekt war Habib Elghanian, ein jüdisch-iranischer Geschäftsmann, der zu den einflussreichsten Unternehmerpersönlichkeiten seiner Zeit in Iran gehörte. Er benannte das Gebäude nach seinem Plastikherstellungsunternehmen Plasko, das ihm einen beträchtlichen Teil seines Reichtums eingebracht hatte. Dass ein jüdischer Unternehmer im Teheran der Schah-Ära ein derart markantes Gebäude errichten ließ, spiegelte die kosmopolitische und religiös diverse Gesellschaft wider, die das Iran jener Epoche prägte.
Das Gebäude erfüllte eine Doppelfunktion: Im Inneren befanden sich sowohl Wohn- als auch Geschäftsräume, die das Plasco zu einem lebendigen Teil des städtischen Alltags machten. Auf Straßenebene erstreckte sich ein Einkaufszentrum, das in einem separaten Vorbau aus dem Jahr 1939 untergebracht war – einem Gebäude, das also bereits vor dem eigentlichen Hochhaus an diesem Ort gestanden hatte und in das neue Ensemble integriert worden war.
Über Jahrzehnte hinweg blieb das Plasco-Gebäude ein lebendiger Treffpunkt im Herzen Teherans. Textilfirmen, Schneider, Händler und kleine Gewerbetreibende füllten die Etagen mit geschäftigem Treiben. Für viele Teheraner war das Plasco nicht nur ein Gebäude, sondern ein fester Bestandteil ihrer Biografie – ein Ort, an dem sie Stoffe kauften, Kleidung schneidern ließen oder einfach die pulsierende Atmosphäre der Stadt erlebten.
Im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts verlor das Plasco seinen Titel als höchstes Gebäude Irans, rangierte aber lange als das zweithöchste und behielt seinen Stellenwert als Wahrzeichen. Die Jahrzehnte hinterließen ihre Spuren an der Bausubstanz, und Experten hatten wiederholt auf Sicherheitsmängel und die altersschwache Infrastruktur hingewiesen. Doch trotz aller Mahnungen wurde das Gebäude weiter genutzt, weiter belebt.
Am 19. Januar 2017 änderte sich das für immer. An jenem Wintermorgen brach in den oberen Stockwerken des Plasco-Gebäudes ein Brand aus. Die Ursache lag vermutlich in einer elektrischen Fehlfunktion. Das Feuer verbreitete sich rasch, angetrieben durch jahrzehntealte Baumaterialien und die engen, mit Textilien und leicht brennbaren Waren gefüllten Räume.
Die Einsatzkräfte der Teheraner Feuerwehr reagierten schnell und rückten in großer Zahl an. Während die Flammen durch die Etagen zogen, gelang es den Helfern, sämtliche Besucher, Anwohner und im Gebäude tätigen Geschäftsleute in Sicherheit zu bringen. Die Evakuierung verlief ohne zivile Todesopfer – ein Umstand, der angesichts der Größe des Gebäudes und der schnellen Ausbreitung des Feuers als kleines Wunder gewertet wurde.
Doch während die Feuerwehrmänner die Flammen bekämpften, zeichnete sich das eigentliche Desaster ab. Rund vier Stunden nach Ausbruch des Brandes kollabierte das gesamte Hochhaus innerhalb weniger Sekunden in sich zusammen. Das Einsturzgeräusch war über weite Teile der Stadt zu hören. Die Erschütterung – physisch wie emotional – erfasste alle Zeugen des Geschehens.
In den Trümmern lagen dreißig Feuerwehrmänner begraben, die im Inneren des Gebäudes die Löscharbeiten koordiniert oder die vermeintlich letzten Winkel des Gebäudes nach Vermissten abgesucht hatten. Kein einziger von ihnen überlebte. Ihr Tod erschütterte Iran und löste eine landesweite Welle der Trauer aus. Die Feuerwehrmänner wurden als Helden geehrt, die ihr Leben für die Sicherheit anderer gegeben hatten.
Die Behörden handelten in den chaotischen Stunden rund um den Brand auch präventiv: Die benachbarten Botschaften des Vereinigten Königreichs, Deutschlands und der Türkei wurden während des Brandes evakuiert, um eine Gefährdung des diplomatischen Personals auszuschließen. Dies unterstreicht die zentrale Lage des Plasco-Gebäudes im Herzen der iranischen Hauptstadt.
In den Tagen und Wochen nach dem Unglück entbrannte eine heftige Debatte über Bausicherheit, städtische Infrastruktur und den Zustand historischer Gebäude in Teheran. Experten wiesen darauf hin, dass das Gebäude seit Jahren als brandgefährdet galt und entsprechende Warnungen ignoriert worden waren. Politische Verantwortlichkeiten wurden diskutiert, Konsequenzen gefordert.
Die Ruine des Plasco wurde in den folgenden Jahren abgetragen. An seiner Stelle entstand ein Neubau, der architektonisch an das Original erinnern sollte – ein Versuch, das Wahrzeichen zu bewahren und gleichzeitig modernen Sicherheitsstandards zu genügen. Doch für viele Teheraner ist das Original unwiederbringlich verloren: ein Stück Stadtgeschichte, das in Rauch und Trümmern verschwand.
Das Plasco-Gebäude steht heute sinnbildlich für die Spannung zwischen Moderne und Verfall, zwischen nostalgischer Stadtidentität und den Versäumnissen in der Bauerhaltung. Die dreißig Feuerwehrmänner, die ihr Leben verloren, werden als tragische Helden in Erinnerung behalten – und das Datum des 19. Januar 2017 bleibt in Teherans Stadtgedächtnis als Tag eingeschrieben, an dem ein Stück Vergangenheit unwiderruflich zusammenbrach.
