Wilhelm Franz Canaris gehört zu den rätselhaftesten und widersprüchlichsten Figuren des Zweiten Weltkriegs. Als Admiral und Chef des militärischen Geheimdienstes der Wehrmacht diente er dem nationalsozialistischen Regime – und untergrub es zugleich im Verborgenen. Sein Leben war ein Spiel mit doppelten Identitäten, das er letztlich mit dem Tod bezahlte.
Am 1. Januar 1887 wurde Wilhelm Franz Canaris in Aplerbeck bei Dortmund geboren, als jüngstes von vier Kindern des Ingenieurs Carl Canaris und seiner Frau Auguste, geborene Popp. Der Vater war Technischer Leiter der Aplerbecker Hütte und leitete später als Vorstandsmitglied ein Hochofenwerk in Duisburg. Die Familie lebte in gehobenen bürgerlichen Verhältnissen, mit Gouvernanten aus England, einer Villa mit Park und eigenem Tennisplatz. Die Herkunft der Familie lässt sich bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen, mit Wurzeln in der Gegend von Sala Comacina am Comer See.
Der junge Canaris besuchte das Steinbart-Gymnasium, wo er als stiller, zurückgezogener Außenseiter auffiel. Schon früh zeigte er eine Neigung zu Heimlichkeit und Verschleierung – er experimentierte als Kind mit unsichtbarer Tinte und legte sich falsche Namen zu. 1905 legte er seine Reifeprüfung ab. Das Interesse an Strategie und Planung offenbarte sich bereits auf Schulausflügen, bei denen er dem Direktor bei der Organisation behilflich war.
Im Ersten Weltkrieg bewährte sich Canaris als Agent und U-Boot-Kommandant. Diese Erfahrungen prägten ihn dauerhaft: Er lernte den Wert von Täuschung, Netzwerken und verdeckten Operationen kennen. In der Zeit der Weimarer Republik arbeitete er eng mit den Freikorps zusammen, die gegen die Spartakisten kämpften. Zudem pflegte er Kontakte zur Organisation Consul, einer nationalistischen, antisemitischen und republikfeindlichen Terrororganisation – Verbindungen, die er im Verborgenen hielt.
Im Spanischen Bürgerkrieg spielte Canaris eine entscheidende Rolle bei der deutschen Unterstützung für General Francisco Franco. Er organisierte die Logistik der deutschen Militärhilfe für die Nationalisten und bewies dabei sein Talent für verdeckte Operationen auf höchstem Niveau. Diese Leistungen trugen maßgeblich zu seiner Beförderung bei.
Im Jahr 1935 übernahm Wilhelm Canaris die Leitung der Abwehr, des militärischen Geheimdienstes der Wehrmacht – ein Amt, das er bis 1944 innehaben sollte. In dieser Funktion war er an allen größeren Militäroperationen des Deutschen Reiches beteiligt. Er baute ein weitverzweigtes Netzwerk von Agenten auf und koordinierte geheimdienstliche Aktivitäten in ganz Europa und darüber hinaus.
Doch hinter der Fassade des loyalen Geheimdienstchefs begann sich früh ein anderes Bild zu formen. Ab 1938 unterstützte Canaris zahlreiche konservative Widerstandskämpfer, die dem NS-Regime kritisch gegenüberstanden. Zwischen 1938 und 1940 war er an Umsturzplänen beteiligt, die Hitler beseitigen sollten. Er nutzte die Abwehr als Schutzschild für Widerstandsmitglieder, verhalf verfolgten Juden zur Flucht und sabotierte gezielt Hitlers Befehle, ohne dabei aufzufallen.
In das Attentat vom 20. Juli 1944, das Claus von Stauffenberg mit seiner Bombe im Führerhauptquartier ausführte, war Canaris nicht direkt involviert. Dennoch hatte er die Netzwerke, die dem Widerstand Rückhalt gaben, über Jahre hinweg mitgeknüpft. Sein Tagebuch, das er akribisch führte, enthielt brisante Aufzeichnungen über seine Kontakte zum Widerstand.
Im Februar 1944 wurde Canaris als Abwehrchef entlassen, nachdem das Misstrauen gegen ihn gewachsen war. Die Abwehr wurde schrittweise in den SD, den Sicherheitsdienst der SS, integriert. Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 intensivierte die Geheime Staatspolizei ihre Ermittlungen gegen mutmaßliche Verschwörer. Bei Durchsuchungen wurde Canaris' Tagebuch gefunden – ein Fund, der seinen Kontakt zum Widerstand unwiderlegbar belegte.
Canaris wurde verhaftet und in die Hände der SS übergeben. Anfang April 1945, als der Zweite Weltkrieg bereits in seinen letzten Wochen stand und die Niederlage des NS-Regimes unabwendbar war, wurde er von einem SS-Standgericht im Konzentrationslager Flossenbürg zum Tode verurteilt. Am 9. April 1945 – gut einen Monat vor Kriegsende – wurde Wilhelm Canaris gehängt.
Die Nachwelt rang lange um eine einheitliche Bewertung seiner Person. War er ein Opportunist, der das Regime zunächst stützte und sich erst spät dem Widerstand zuwandte? Oder war er von Beginn an ein doppelter Agent, der systematisch gegen das NS-Regime arbeitete? Die Antworten bleiben bis heute teilweise im Dunkeln.
Was feststeht: Canaris ist eines der eindringlichsten Beispiele dafür, dass selbst innerhalb des Machtapparates des Dritten Reiches Figuren existierten, die das System von innen heraus zu unterlaufen versuchten. Seine Hinrichtung wenige Wochen vor dem Ende des Krieges macht sein Schicksal zu einem besonders tragischen Kapitel der deutschen Geschichte. Das Familienwappen der Canaris – mit Wurzeln in Norditalien, einem griechischen Zweig, der den Seehelden Konstantinos Kanaris hervorbrachte, und möglichen korsischen Verbindungen – spiegelt die europäische Vielfalt wider, die hinter einem Leben in Widersprüchen stand.
