Susan Lee Sontag, geboren am 16. Januar 1933 in New York City als Susan Lee Rosenblatt, gehörte zu den bedeutendsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts. Ihr Werk, das Essays, Romane, Theaterstücke und Filmkritiken umfasste, veränderte die Art und Weise, wie die amerikanische Gesellschaft über Kunst, Kultur, Krankheit und Politik nachzudenken bereit war. Bis zu ihrem Tod am 28. Dezember 2004 in Manhattan blieb sie eine unbequeme, provokante und stets ernsthafte Stimme.
Susan wuchs als älteste Tochter von Jack Rosenblatt und Mildred Jacobsen auf. Beide Eltern waren jüdisch-europäischer Herkunft und betrieben ein Pelzhandelsunternehmen in China. Während die Eltern sich hauptsächlich in Tianjin aufhielten, wurden Susan und ihre jüngere Schwester Judith vom Kindermädchen Rose McNulty erzogen. Zunächst lebten die Mädchen bei den Großeltern väterlicherseits, später bei anderen Verwandten. Die Eltern hatten inzwischen ein Haus in Great Neck auf Long Island gekauft, hielten sich aber weiterhin meist in China auf.
Als Jack Rosenblatt 1938 in Tianjin an Tuberkulose starb, kehrte die Mutter nach New York zurück, verschwieg den Kindern jedoch vier Monate lang den Tod des Vaters. Dieser Verlust und seine verheimlichte Nachricht hinterließen tiefe Spuren. Die Familie zog zunächst nach Florida, doch das subtropische Klima Miamis verschlimmerte Susans schweres Asthma, das nach dem Tod des Vaters aufgetreten war. Ein Arzt hatte das Klima dort als heilsam empfohlen, doch das Gegenteil trat ein, und die Familie siedelte bald nach Tucson in Arizona über.
Ihr Biograf Daniel Schreiber berichtet, dass Susan bereits mit drei Jahren lesen konnte. Mit sechs begann das einzelgängerische Mädchen echte Bücher zu lesen. 1939 wurde sie eingeschult und nach wenigen Tagen direkt in die dritte Klasse versetzt. In der Schulzeit entdeckte sie die Reisebücher von Richard Halliburton und las alle erhältlichen Bände. Ihre spätere Lebenspartnerin Annie Leibovitz erklärte, dass diese Bücher Sontags lebenslange Reiselust ausgelöst hätten. Noch im Alter von 68 Jahren schwärmte Sontag von ihrer Sammlung antiquarischer Halliburton-Erstausgaben.
Susan studierte englische Literatur, Philosophie und Theologie an mehreren der renommiertesten amerikanischen und europäischen Universitäten: Berkeley, Chicago, Connecticut, Harvard und Oxford. Bereits als 20-Jährige lehrte sie Englisch in Connecticut und später Religionsphilosophie in New York. 1958 verbrachte sie erstmals einen längeren Studienaufenthalt in Paris, einer Stadt, die ihr intellektuelles Denken nachhaltig beeinflussen sollte.
Ab den 1960er-Jahren erschienen ihre meinungsstarken Essays über Kunst und Literatur in Zeitschriften wie Commentary und der Partisan Review. 1963 erschien ihr erster Roman, Der Wohltäter. Der eigentliche Durchbruch als Autorin gelang ihr 1964 mit dem Essay Notes on Camp, einem Schlüsseltext, der das Phänomen des Camp als ästhetische Sensibilität ernst nahm und damit eine völlig neue kulturkritische Perspektive eröffnete. Mit ihren Texten machte Sontag europäische Autoren wie Elias Canetti in den USA bekannt.
Zu den bedeutendsten kulturkritischen Werken Sontags zählen Über Fotografie und Krankheit als Metapher sowie die Fortsetzung Aids und seine Metaphern. Diese Bücher veränderten den öffentlichen Diskurs über Repräsentation, Wahrnehmung und den Umgang mit Kranken und Stigmatisierten grundlegend. In ihrem literarischen Spätwerk wandte sie sich dem historischen Roman zu: Der Liebhaber des Vulkans und In Amerika entstanden. Für letzteren erhielt sie den National Book Award.
Sontag trat auch als Theaterautorin und -regisseurin in Erscheinung, schrieb Filmkritiken und drehte selbst Filme. Sie setzte sich öffentlichkeitswirksam für die Menschenrechte ein und war als Kritikerin der kulturellen und gesellschaftlichen Verhältnisse sowie der US-Regierung bekannt. Als Vermittlerin zwischen Europa und den USA wurde sie mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Neben Mary McCarthy und Joan Didion galt Sontag als die femme de lettres Amerikas schlechthin. Sie wurde als eine der einflussreichsten Intellektuellen ihres Landes bezeichnet, eine Einschätzung, die bis heute Bestand hat.

