civilizacoes perdidas

Sumer

Historische Region in Mesopotamien; benannt nach der gleichnamigen Kultur des Volkes der Sumerer

6 min01/01/2024
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Zwischen Euphrat und Tigris, in der fruchtbaren Ebene des südlichen Mesopotamiens, entstand vor rund sechstausend Jahren etwas, das die Geschichte der Menschheit für immer verändern sollte. Das Gebiet, das heute im südlichen Irak liegt und sich vom antiken Nippur, etwa 180 Kilometer südlich des heutigen Bagdad, bis zum Persischen Golf erstreckte – dessen Küste damals noch etwas weiter nördlich lag als heute –, gilt als die Wiege der menschlichen Hochkultur. Die Sumerer nannten es ki-en-gir, das „Land der edlen Herren". Der Name Sumer, unter dem diese Zivilisation in die Geschichte eingegangen ist, geht auf das akkadische Wort šumerum zurück und bezeichnete sowohl das Land als auch seine Bewohner.

Die kulturelle Landschaft Sumers erstreckte sich vom 4. Jahrtausend bis ins 2. Jahrtausend vor Christus, eine Zeitspanne von nahezu zweitausend Jahren. In dieser enormen Epoche vollzog die Menschheit hier erstmals den Schritt von einer Stammesgesellschaft zur Hochkultur. Die Sumerer lebten in Stadtstaaten, die bisweilen Zehntausende von Menschen umfassten – eine für die damalige Zeit revolutionäre Form des Zusammenlebens, die eine neue Komplexität der sozialen Organisation erforderte und ermöglichte.

Die archäologische Sequenz Sumers beginnt mit der Uruk-Zeit, benannt nach der Stadt Uruk, in der erstmals eine unverwechselbare einfache Keramik gefunden wurde. Diese Phase dauerte mehr als tausend Jahre und wird in eine frühe, eine mittlere und eine späte Phase unterteilt. Besonders die Späte Uruk-Zeit ist im südlichen Mesopotamien gut belegt und zeigt ein rasches Bevölkerungswachstum sowie das Entstehen einer vierstufigen Gesellschaftshierarchie. Aus diffusen Siedlungen wurden Städte, aus losen Verbänden wurden organisierte Gemeinwesen. Erstmals entstanden Armeen und eine geregelte Kriegsführung.

Insgesamt gilt die Uruk-Zeit als die innovativste und folgenreichste Phase der mesopotamischen Geschichte in technologischer wie sozialer Hinsicht. Ihre Ausstrahlungskraft reichte bis in den Mittelmeerraum, nach Anatolien, in den Iran und an den Persischen Golf. Auf die Uruk-Zeit folgte der Zeitraum von Jemdat Nasr, der von etwa 3200 bis 2900 vor Christus dauerte. Das genaue geographische Verbreitungsgebiet dieser Kultur konnte bis in die jüngste Forschung nicht eindeutig bestimmt werden; vermutlich war es auf das Tal des Diyala und die sumerische Ebene beschränkt.

Eine der bedeutendsten Errungenschaften der Sumerer war die Schrift. Einige der ältesten Schriftzeugnisse der Menschheit wurden in sumerischen Stätten gefunden. Ursprünglich schrieben die Sumerer in einer keilschriftähnlichen Bilderschrift auf Tontafeln. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich daraus eine komplexere Silbenschrift, die als Keilschrift in die Geschichte eingegangen ist und später von zahlreichen anderen Völkern Mesopotamiens übernommen und weiterentwickelt wurde. Ihre eigene Sprache nannten die Sumerer emegi(r), was in etwa „die edle Sprache" oder „die Herrensprache" bedeutet.

Die Frühdynastische Zeit begann um 2900 vor Christus und endete mit der Machtergreifung des ersten akkadischen Königs im Jahr 2340 vor Christus. Diese fast sechshundert Jahre sind für die Erforschung des antiken Mesopotamiens von besonderer Bedeutung, da sich in dieser Periode das politische Konzept der Stadtstaaten erstmals klar herausbildete. Die Frühdynastische Zeit wird anhand von Veränderungen in der Keramik und bei den Zylindersiegeln in drei Phasen unterteilt. Jede dieser Phasen brachte neue Entwicklungen in Kunst, Architektur und Gesellschaftsordnung hervor.

Die sumerischen Stadtstaaten konkurrierten miteinander, verbündeten sich und bekämpften sich in einem ständigen Ringen um Ressourcen und Vorherrschaft. Städte wie Ur, Uruk, Lagasch, Nippur und Eridu erlangten zu unterschiedlichen Zeiten politische Dominanz. Nippur nahm dabei eine besondere religiöse Stellung ein, da hier der Haupttempel des Gottes Enlil stand, dessen Gunst für die Legitimation von Herrschaft als unverzichtbar galt. Wer Nippur kontrollierte, konnte Anspruch auf die Oberherrschaft über Sumer erheben.

Das religiöse Leben der Sumerer war von einer komplexen Götterwelt durchdrungen. Ihre Gottheiten verkörperten Naturkräfte und gesellschaftliche Ordnungsprinzipien zugleich. Tempel – die sogenannten Zikkurate, gestuften Kultterrassen – ragten über die Stadtlandschaft hinaus und fungierten zugleich als religiöse Zentren, Verwaltungsstellen und Wirtschaftsmittelpunkte. Die Priester spielten eine zentrale Rolle im gesellschaftlichen Gefüge, verwalteten Lager und Verteilungssysteme und waren Hüter des schriftlichen Wissens.

Mit der Expansion des akkadischen Reiches unter Sargon von Akkad ab 2340 vor Christus begann die sumerische Eigenstaatlichkeit zu schwinden, ohne dass die sumerische Kultur damit verschwand. Sie überlebte als prägendes kulturelles Substrat unter akkadischer, babylonischer und später assyrischer Herrschaft. Die sumerische Sprache, obwohl sie als gesprochene Volkssprache zunehmend durch das Akkadische verdrängt wurde, blieb als heilige Schrift- und Gelehrtensprache noch Jahrhunderte in Verwendung – vergleichbar dem Latein im mittelalterlichen Europa.

Das Erbe Sumers ist unermesslich. Die Keilschrift, das Rechtssystem, die Stadtplanung, die Bewässerungslandwirtschaft, das astronomische Wissen und nicht zuletzt die ersten epischen Dichtungen der Menschheit – darunter das Gilgamesch-Epos, das älteste erhaltene literarische Großwerk – sind Schöpfungen dieser Zivilisation. Sumer ist nicht nur der geographische Ursprung einer antiken Hochkultur, sondern der Ort, an dem die Menschheit grundlegende Werkzeuge ihrer eigenen Vergesellschaftung erfand.

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