Am Ufer des Euphrat, etwa 90 Kilometer südlich des heutigen Bagdad, erhob sich einst eine Stadt, die im kollektiven Gedächtnis der westlichen Welt wie kaum eine andere fortlebt. Babylon – auf Akkadisch Bābilim, „Tor Gottes" – war die Hauptstadt Babyloniens und zwischen 1800 und 140 vor Christus eine der bedeutendsten Metropolen der antiken Welt. Heute liegen ihre Ruinen im Gouvernement Babil im Irak und wurden unter anderem zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom deutschen Archäologen Robert Koldewey teilweise freigelegt.
Der Name der Stadt war selbst in der Antike Gegenstand von Deutungen und Fehldeutungen. Das Sumerogramm KÁ.DINGIR.RAKI, das in Keilschrift geschrieben wurde, setzt sich aus den Elementen für „Tor", „Gott" und einem Genitiv- sowie einem Städtedeterminativ zusammen. Ab Anfang des zweiten Jahrtausends vor Christus bürgerte sich die babylonische Entsprechung Bābilim ein, auf der auch die griechische Form Babylṓn basiert. In der hebräischen Bibel wurde der Name mit dem Verb balal, „verwirren", in Verbindung gebracht – eine volksetymologische Deutung, die auf den Mythos vom Turmbau zu Babel und der Sprachverwirrung anspielt, aber keine echte etymologische Klärung darstellt.
Erste Erwähnungen Babylons finden sich bereits gegen Ende des 3. Jahrtausends vor Christus, doch die Stadt blieb zunächst unbedeutend. Die erste große Wende kam mit Šumu-abum, dem Begründer der Ersten Dynastie von Babylon, der zwischen 1894 und 1881 vor Christus regierte und die Stadt zum Verwaltungszentrum seines Reiches erhob. Den ersten Höhepunkt erlebte Babylon jedoch unter König Hammurapi I., der von 1792 bis 1750 vor Christus herrschte und als der bekannteste altbabylonische Herrscher gilt. Unter ihm dehnte sich das babylonische Reich weit aus, und die Stadt erlebte eine erste kulturelle und wirtschaftliche Blütezeit.
Diese Phase endete abrupt durch die Eroberung der Stadt durch die Hethiter unter König Muršili I. Das genaue Datum dieses Ereignisses ist nicht sicher überliefert; nach der mittleren Chronologie wird es auf 1595 vor Christus datiert, nach der ultrakurzen Chronologie des Forschers Gasche auf 1499. Šamšu-ditana, der letzte Herrscher der Ersten Dynastie, fiel mit ihr. Nach dem Einfall der Hethiter setzen schriftliche Dokumente fast vollständig aus. Die nächsten überlieferten Texte stammen bereits aus der Zeit der Kassiten-Herrschaft und sind vermutlich rund hundert Jahre später anzusetzen.
Die Kassiten übernahmen die Macht über Babylon und hielten sie für etwa 400 Jahre – eine bemerkenswert lange Herrschaft für die turbulente Geschichte Mesopotamiens. Im 14. Jahrhundert vor Christus, unter König Kuri-galzu I., der von 1390 bis 1370 vor Christus regierte, erlebte die Stadt erneut eine Phase der Blüte. Babylon blieb durch all diese Wechsel das religiöse und kulturelle Zentrum Babyloniens, auch wenn es politisch unter verschiedene Herrscher fiel.
Seinen zweiten und größten Glanz erlangte Babylon unter dem neubabylonischen König Nebukadnezar II., der von 605 bis 562 vor Christus regierte. Unter ihm entstanden die berühmten Hängenden Gärten – eine der Sieben Weltwunder der Antike –, der eindrucksvolle Ischtar-Tempel, das monumentale Ischtar-Tor und der prächtige Palast. Babylon war zu dieser Zeit eine der größten Städte der Welt und ein Zentrum von Handel, Gelehrsamkeit und religiösem Leben. In diese Ära fällt auch die Deportation eines Teils der jüdischen Bevölkerung nach Babylon, die in der Bibel als „Babylonische Gefangenschaft" beschrieben wird und das Bild der Stadt im westlichen kulturellen Gedächtnis für Jahrtausende prägte.
Im Jahr 539 vor Christus fiel Babylon kampflos an die Perser unter Kyros dem Großen. Babylon blieb unter persischer Herrschaft eine bedeutende Verwaltungsstadt, verlor aber seine Rolle als Hauptmacht des Zweistromlandes. Als Alexander der Große 331 vor Christus einzog, empfingen ihn die Babylonier als Befreier. Alexander wählte Babylon als Hauptstadt seines gewaltigen Reiches und plante umfangreiche Bauprojekte – sein früher Tod im Jahr 323 vor Christus setzte diesen Plänen jedoch ein Ende. In den folgenden Jahrhunderten unter griechischer und anschließend parthischer Herrschaft sank die Stadt langsam zu einem Ruinenfeld herab.
Das kulturelle Erbe Babylons reichte weit über seinen eigenen Untergang hinaus. Die babylonische Astronomie und Mathematik waren für die Antike wegweisend; das System der 60-teiligen Zeitrechnung, das wir bis heute verwenden – 60 Minuten in einer Stunde, 360 Grad im Kreis –, geht auf babylonische Tradition zurück. Der Codex Hammurapi, eine der ältesten systematischen Gesetzessammlungen der Welt, zeugt von einem hochentwickelten Rechtssystem. Babylon ist nicht nur eine versunkene Stadt – es ist ein Symbol für menschliche Ambition, Macht und das Vergehen aller Größe.
