civilizacoes perdidas

Teotihuacán

Archäologischer Fundplatz in Mexiko

6 min01/01/2024
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Im Zentralen Hochland von Mexiko, etwa 45 Kilometer nordöstlich der heutigen Hauptstadt Mexiko-Stadt, erhebt sich eine der eindrucksvollsten prähistorischen Ruinenlandschaften Amerikas. Teotihuacán – der Name, den die Azteken dieser verlassenen Stätte gaben und der so viel bedeutet wie „der Ort, wo man zu einem Gott wird" – war zwischen 100 und 650 nach Christus das dominierende kulturelle, wirtschaftliche und militärische Zentrum Mesoamerikas. Auf ihrem Höhepunkt beherbergte die Stadt vermutlich rund 100.000 Einwohner und war damit neben der Mayastadt Caracol eine der größten Städte auf dem amerikanischen Kontinent und eine der größten der gesamten damaligen Welt.

Das Gebiet des heutigen Teotihuacán war bereits seit dem 6. Jahrhundert vor Christus dauerhaft bewohnt. Es liegt im Tal von Teotihuacán, einem Gebiet von gut 500 bis 600 Quadratkilometern, das im Norden durch erloschene Vulkane und im Süden durch ein Gebirge mit Gipfeln von bis zu 2800 Metern Höhe begrenzt wird. Durch das Tal fließt der Río San Juan, der saisonal durch Quellen gespeist wird. Das Klima ist warmgemäßigt; zwischen 1921 und 1968 wurden eine durchschnittliche Jahresniederschlagsmenge von 550 Millimetern und eine Jahresdurchschnittstemperatur von 14,8 Grad Celsius gemessen. Der Winter beginnt üblicherweise im Oktober und dauert bis in den Mai; die Regenzeit dauert bis Oktober.

Für die Landwirtschaft ist das Tal nur bedingt geeignet. Während der Ostteil flachgründige Böden und wenig Wasser aufweist, bietet der Westteil tiefere Alluvialböden und ganzjährig wasserführende Quellen am San Juan. Doch die Region verfügte über wertvolle Rohstoffe: Obsidian am Ostrand des Tals, Kalkstein, Tonminerale und verschiedene Vulkangesteine. Dieser Obsidian war ein begehrtes Handelsgut im gesamten mesoamerikanischen Raum und trug wesentlich zum Reichtum der aufblühenden Stadt bei.

Das Wachstum Teotihuacáns beschleunigte sich durch den Untergang der Stadtanlage Cuicuilco, die durch einen Vulkanausbruch zerstört wurde. Viele ihrer Bewohner siedelten sich in Teotihuacán an und verstärkten den demographischen Aufschwung. Die Stadt entwickelte sich in einem geplanten Rasterplan, dem alle Bauten akribisch folgten. Selbst der Río San Juan wurde durch Kanalisierung dem Stadtgitter angepasst. Diese konsequente Stadtplanung spricht für eine starke Zentralgewalt und ein hohes Maß an organisatorischer Kapazität.

Die Hauptachse der Stadt ist die sogenannte Straße der Toten – auf Nahuatl miccaotli –, die die Stadt in einer leichten Abweichung von 15 Grad und 30 Minuten nach Osten in Nord-Süd-Richtung durchzieht, ohne sie jedoch vollständig zu durchqueren. Entlang dieser Allee reihten sich Tempel, Palastanlagen und Plattformen aneinander. Den nördlichen Abschluss bildete die Pyramide des Mondes; weiter im Süden erhob sich die Sonnenpyramide, eines der voluminösesten Bauwerke der vorindustriellen Welt. Auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung nahm das Stadtgebiet eine Fläche von mehr als 20 Quadratkilometern ein.

Die Identität der Erbauer Teotihuacáns ist bis heute nicht zweifelsfrei geklärt. Da die Schrift der Stadt noch wenig verstanden ist, beruhen die meisten Erkenntnisse auf archäologischen Funden. Es ist bekannt, dass die Bevölkerung ethnisch gemischt war und Menschen unterschiedlichster Herkunft die Stadt bewohnten. Teotihuacán war ein Handelszentrum von kontinentaler Reichweite: Einflüsse der Stadt finden sich in Kunstwerken und Architekturelementen in weit entfernten Regionen Mesoamerikas, etwa in Oaxaca und im Mayatiefland.

Ab etwa 650 nach Christus begann die Bedeutung Teotihuacáns zu schwinden. Archäologische Befunde zeigen, dass um 750 nach Christus wesentliche Teile der Stadt in Brand gesetzt wurden – ob durch innere Aufstände, externe Feinde oder eine Kombination beider Faktoren, ist ungeklärt. Die Stadt wurde weitgehend verlassen. Ihre kulturellen Einflüsse jedoch prägten Zentralmexiko noch bis zur Ankunft der Spanier im 16. Jahrhundert fort.

Als die Azteken im 14. Jahrhundert ins Hochland von Mexiko einwanderten, fanden sie Teotihuacán bereits als Ruinenstadt vor, die seit Jahrhunderten verlassen war. Dennoch sahen sie in ihr einen heiligen Ort von überragender Bedeutung. Sie benannten die Stätte und machten sie zum Gegenstand ihrer Mythologie. Die spanischen Conquistadoren, die im 16. Jahrhundert das Aztekenreich zerstörten, erkundeten die Ruinen. Systematischere Ausgrabungen begannen ab etwa 1900, und am 30. März 2015 wurde Teotihuacán in das Internationale Register für Kulturgut unter Sonderschutz der Haager Konvention aufgenommen.

Seit 1987 gehört die archäologische Stätte zum UNESCO-Weltkulturerbe. Sie ist heute einer der meistbesuchten Orte Mexikos und ein unverzichtbarer Bezugspunkt für das Verständnis der präkolumbischen Kulturen Amerikas. Der Ort, an dem man nach Azteken-Glauben zu einem Gott wird, ist damit selbst in der Moderne zu einem Ort der Ehrfurcht geblieben – einem Monument menschlicher Schöpfungskraft, das Stille und Größe zugleich ausstrahlt.

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