civilizacoes perdidas

Etrusker

Antikes Volk in Mittelitalien

6 min01/01/2024
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Bevor Rom zur Weltmacht aufstieg, war das nördliche Mittelitalien das Reich eines anderen Volkes, dessen Ursprünge, Sprache und Kultur bis heute zu den faszinierendsten Rätseln der Altertumswissenschaft gehören. Die Etrusker – lateinisch Etrusci oder Tusci, griechisch Tyrsenoi oder Tyrrhenoi – besiedelten die Region des heutigen Toskana, Umbrien und Latium, die nach ihnen als Etrurien bezeichnet wird. Die etruskische Kultur ist in diesem Gebiet zwischen 800 vor Christus und der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts vor Christus archäologisch nachweisbar.

Ihren eigenen Namen gaben sich die Etrusker nach dem Bericht des griechischen Geschichtsschreibers Dionysios von Halikarnassos möglicherweise selbst als Rasenna. Allerdings vermutet die moderne Forschung, dass Dionysios die Bedeutung dieses Begriffs missverstand und es sich in Wirklichkeit um ein etruskisches Wort für „Volk" oder „Staatsgemeinschaft" gehandelt haben könnte – ähnlich dem lateinischen populus oder dem Begriff res publica. In älteren deutschen Texten begegnet gelegentlich auch die veraltete Form Etrurier.

Die Wurzeln der etruskischen Hochkultur liegen im Dunkeln. Seit etwa 1000 vor Christus blühte im Raum um Bologna die eisenzeitliche Villanovakultur, die vor allem durch ihre Nekropolen bekannt ist. Die Villanovaner verbrannten ihre Toten und bestatteten die Asche in hohen Urnen, die häufig einen helmartigen Deckel trugen und mit geometrischen Motiven verziert waren. Daneben gab es Hausurnen, die Wohnbauten nachbildeten. Als typische Grabbeigaben dienten Fibeln und Waffen. Im Laufe der Zeit breitete sich diese Kultur in die Toskana aus.

Auffällige Veränderungen vollzogen sich ab etwa 750 vor Christus: Die Zahl der Nekropolen wuchs, was auf ein deutliches Bevölkerungswachstum schließen lässt. In den Gräbern dieser Zeit häuften sich Importwaren, insbesondere aus Griechenland, und die Grabausstattungen wurden zunehmend reicher – ein Zeichen wachsenden Wohlstands. Gleichzeitig setzte sich die Körperbestattung gegenüber der früheren Brandbestattung durch. Mit diesen Veränderungen verbindet die Forschung das Aufblühen der eigentlichen etruskischen Kultur.

Die Herkunft der Etrusker gehört zu den hartnäckigsten Streitfragen der Altertumswissenschaft. Schon in der Antike standen sich zwei Theorien gegenüber. Die Einwanderungstheorie, die durch verschiedene genetische Analysen gestützt wird, verortete die Heimat der Etrusker im kleinasiatischen Lydien. Herodot berichtete von einer Auswanderung aus Lydien, die um 1000 vor Christus stattgefunden haben soll. Als Indizien galten die Verwandtschaft des Etruskischen mit einer auf Lemnos gefundenen Inschrift in lemnischer Sprache sowie Parallelen zum Lydischen. Auch der sogenannte orientierende Kunststil des frühen ersten Jahrtausends zeigt erstaunliche Ähnlichkeiten mit dem lydischen Raum. Erbgut-Untersuchungen an Rindern in der Toskana ergaben zudem, dass diese einst aus Kleinasien eingeführt worden waren. Forscher der Universität Turin, darunter Alberto Piazza, kamen 2007 zu dem Schluss, dass ein Drittel der mitochondrialen Allele der untersuchten toskanischen Bevölkerung denen der anatolischen entsprach und nicht der italischen.

Die etruskische Zivilisation organisierte sich in einem Verbund von Stadtstaaten, die eine gemeinsame Kultur, Religion und Sprache teilten, politisch aber eigenständig blieben. Der Zwölfstädtebund, ein religiös-politisches Bündnis, vereinte die bedeutendsten etruskischen Städte. Städte wie Veji, Tarquinia, Caere, Populonia und Volsinii entfalteten eine eindrucksvolle kulturelle Aktivität. Ihre Nekropolen sind reiche Fundstätten mit bemalten Grabkammern, deren Fresken Szenen des täglichen Lebens, von Gastmählern, Wettkämpfen und religiösen Riten zeigen.

Die etruskische Sprache ist eine der wenigen alteuropäischen Sprachen, die keine genetische Verwandtschaft mit den indoeuropäischen Sprachen aufweist. Trotz der Entzifferung des Alphabets, das von den Etruskern auf der Grundlage eines griechischen Alphabets entwickelt wurde, bleiben viele Texte inhaltlich schwer verständlich, da keine bekannte Sprachfamilie als Vergleichsbasis dient. Etwa 10.000 etruskische Inschriften sind überliefert, die meisten davon kurze Grab- und Weiheinschriften.

Die Römer lernten von den Etruskern – in vielerlei Hinsicht. Die Toga, bestimmte religiöse Praktiken wie die Eingeweideschau, das Konzept des Triumphs und möglicherweise die Grundlagen des Städtebaus gehören zu dem, was Rom von seiner nördlichen Nachbarkultur übernahm. Zwischen dem 8. und 6. Jahrhundert vor Christus standen mehrere Könige Roms etruskischer Herkunft oder Abstammung nahe. Die etruskische Kontrolle über Latium und Kampanien markierte den Höhepunkt ihrer Machtentfaltung.

Die römische Expansion brachte den Niedergang. Zwischen 300 und 90 vor Christus unterwarf Rom die etruskischen Städte eine nach der anderen. Die Bevölkerung erhielt schrittweise das römische Bürgerrecht, und die etruskische Kultur verschmolz mit der des Imperiums. Noch im 6. Jahrhundert nach Christus berichtet der byzantinische Historiker Prokop von Menschen, die sich als Etrusker bezeichneten. Doch da war die Welt, die sie einst geschaffen hatten, längst Geschichte – lebendig nur noch in den Grabkammern der Toskana und in den Spuren, die sie im Fundament der römischen Zivilisation hinterließen.

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