civilizacoes perdidas

Göbekli Tepe

Steinzeitlicher Fundort in Anatolien in der Türkei

6 min01/01/2024
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Auf dem höchsten Punkt einer langgestreckten Bergkette in Südostanatolien, 15 Kilometer nordöstlich der türkischen Stadt Şanlıurfa, erhebt sich ein unscheinbarer Hügel, der die Grundannahmen über den Ursprung menschlicher Zivilisation erschüttert hat. Göbekli Tepe – auf Türkisch „bauchiger Hügel", auf Kurdisch Girê Mirazan, „Hügel der Wünsche" – ist der Name dieser Erhebung, auf der sich die derzeit ältesten bekannten Großbauten der Menschheit befinden. Mit seinen etwa 15 Metern Höhe und einem Basisdurchmesser von rund 300 Metern ist der Hügel kein natürliches Geländemerkmal, sondern ein Tell – eine durch wiederholte Besiedlung und Aufschichtung entstandene künstliche Erhebung.

Der Ort wurde erstmals 1963 vom amerikanischen Archäologen Peter Benedict im Rahmen eines Survey-Projekts der Universitäten Istanbul und Ankara als steinzeitliche Fundstelle identifiziert. Benedict vermerkte damals auch, dass sich auf dem Hügel ein muslimischer Friedhof befinde – was vermutlich der Grund war, warum er dem Fundort keine weitere Beachtung schenkte, da islamische Friedhöfe in der Regel nicht ausgegraben werden dürfen. So blieb Göbekli Tepe für weitere drei Jahrzehnte aus dem wissenschaftlichen Blickfeld.

Das änderte sich im Oktober 1994, als der deutsche Archäologe Klaus Schmidt bei einem Besuch des Hügels in Steinwällen Bruchstücke von Pfeilern entdeckte, die den T-förmigen Pfeilern ähnelten, die er von Ausgrabungen in Nevalı Çori kannte. Schmidt konnte den von Benedict vermuteten Friedhof nicht finden und erkannte, dass die vermeintlichen Grabsteine in Wirklichkeit Fragmente prähistorischer Steinbauten waren. Infolgedessen wurde das Nevalı-Çori-Projekt des Deutschen Archäologischen Instituts nach Göbekli Tepe verlagert, das seitdem von einem Langzeitprojekt des Instituts in Kooperation mit dem Museum Şanlıurfa ausgegraben wird.

Was die Ausgräber im Laufe der folgenden Jahre freilegten, war spektakulär. Aus der ersten Nutzungsphase, die bis in das 10. Jahrtausend vor Christus zurückreicht – dem frühen Präkeramischen Neolithikum A –, stammen sieben der bislang ausgegrabenen Steinanlagen. Ihr markantestes Merkmal sind die sogenannten T-Pfeiler: massive, T-förmige Kalksteinsäulen, die mit kunstvoll herausgearbeiteten Plastiken und Reliefs versehen sind. Die dargestellten Motive zeigen überwiegend gefährliche und wehrhafte Tiere – Schlangen, Löwen, Füchse, Wildschafe und Vögel – sowie Tiere, die als Beute geeignet waren. Einige Pfeiler zeigen zudem menschliche Arme und Hände, was von vielen Forschern als Hinweis auf eine anthropomorphe Darstellung gedeutet wird.

Die ältesten Anlagen sind in kreisförmiger Formation errichtet. Jeweils zwei größere zentrale Pfeiler stehen sich im Inneren gegenüber, umgeben von bis zu neun äußeren Pfeilern, die ringförmig angeordnet sind. Geophysikalische Untersuchungen lassen vermuten, dass sich unter dem Erdboden noch etwa 20 weitere solche Bauten befinden, mit jeweils rund elf Pfeilern pro Anlage. Damit wäre Göbekli Tepe in einem Ausmaß bebaut, das alle bisherigen Funde weit übertrifft.

In der zweiten Nutzungsphase, die dem Präkeramischen Neolithikum B zugeordnet wird und von etwa 8800 bis 7000 vor Christus dauerte, fanden sich Anlagen mit deutlich kleineren Pfeilern, die nun auch in rechteckiger Formation aufgestellt wurden. Ob diese Bauten mit Dächern versehen waren und damit als Wohnräume oder Stätten zeremonieller Tätigkeiten gedient haben könnten, ist Gegenstand aktueller Forschung. In den nachfolgenden Epochen wurde der Ort offenbar aufgegeben; das jüngste auf dem Südplateau entdeckte Gebäude datiert erst wieder in die römische Zeit.

Die Bedeutung von Göbekli Tepe für das Verständnis der menschlichen Geschichte ist kaum zu überschätzen. Die Anlage wurde von Jägern und Sammlern errichtet, die – soweit bekannt – noch keine Landwirtschaft betrieben. Die bisher vorherrschende These, dass der Ackerbau die Voraussetzung für Sesshaftigkeit und damit für den Bau monumentaler Strukturen war, wird durch Göbekli Tepe erstmals grundlegend in Frage gestellt. Klaus Schmidt formulierte die Gegenthese, dass es möglicherweise der Bau solcher Heiligtümer war, der die Sesshaftwerdung und den Übergang zur Landwirtschaft erst auslöste – nicht umgekehrt.

Darüber hinaus belegt die Anlage, dass kleine Jäger-und-Sammler-Gruppen bereits vor zwölftausend Jahren in der Lage waren, politische Organisationen zu bilden und gruppenübergreifend zu kooperieren, um monumentale Bauten zu errichten. Der für die Errichtung notwendige Arbeitsaufwand wäre von einer einzelnen Gruppe nicht zu leisten gewesen. Göbekli Tepe gilt daher als archäologischer Beleg für kognitive und soziale Fähigkeiten des frühen Homo sapiens, die bis zu seiner Entdeckung vielfach unterschätzt wurden. Seit etwa 2020 wird die Bedeutung der Anlage in der Wissenschaft intensiv und teils kontrovers diskutiert – ein Zeichen dafür, dass dieser stille Hügel in der anatolischen Hochebene noch lange nicht alle seine Geheimnisse preisgegeben hat.

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