Sokrates gehört zu den bemerkenswertesten Gestalten der abendländischen Geistesgeschichte. Er wurde um 469 v. Chr. im attischen Demos Alopeke geboren und verbrachte sein gesamtes Leben in Athen, jener Stadt, die im fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zum pulsierenden Mittelpunkt der griechischen Welt geworden war. Sein Tod im Jahr 399 v. Chr. durch den Schierlingsbecher sollte für kommende Generationen zu einem der bedeutendsten Symbole philosophischer Überzeugungstreue werden.
Das Athen des Sokrates war keine ruhige, behagliche Gelehrtenstube. Die Stadt stand unter dem Einfluss tiefgreifender politischer und sozialer Umwälzungen. Als Vormacht im Attischen Seebund hatte sie eine beispiellose kulturelle Blüte erlebt, die mit dem Peloponnesischen Krieg und dem Niedergang der Attischen Demokratie in ernsthafte Turbulenzen geriet. In diesem spannungsreichen Umfeld entfaltete sich das Denken des Sokrates, der keine Schriften hinterließ und dessen Gedanken ausschließlich durch seine Schüler, vor allem Platon und Xenophon, überliefert wurden.
Der römische Staatsmann Cicero beschrieb Sokrates als denjenigen, der die Philosophie vom Himmel auf die Erde herabgeholt habe. Damit meinte er die Abkehr von der ionischen Naturphilosophie, die noch bis etwa 430 v. Chr. durch Anaxagoras in Athen vertreten wurde. Anaxagoras hatte zwar mit seinem Vernunftprinzip auf Sokrates gewirkt, doch vermisste der jüngere Denker bei ihm die Anwendung der Vernunft auf die konkreten Fragen des menschlichen Lebens. Sokrates wandte den philosophischen Blick nach innen und auf die Gemeinschaft der Menschen.
Seine intellektuelle Umgebung war geprägt von der Bewegung der Sophisten, jener Gruppe wandernder Lehrer, die gegen Entgelt Rhetorik und praktische Lebensfähigkeiten unterrichteten. Sokrates teilte mit ihnen das Interesse an Fragen der Polis, der Rechtsordnung, der Sprache und der Bildung. Dennoch unterschied er sich grundlegend von ihnen: Während die Sophisten oft mit relativen Wahrheiten und überzeugenden Reden zufrieden waren, bestand Sokrates darauf, den Dingen auf den Grund zu gehen. Er suchte nicht das Überredende, sondern das Wahre.
Das wichtigste methodische Werkzeug, das Sokrates entwickelte, bezeichnete er selbst als Maieutik, die Hebammenkunst. Der Vergleich war bewusst gewählt: So wie eine Hebamme bei der Entbindung hilft, ohne selbst das Kind zu gebären, half Sokrates seinen Gesprächspartnern dabei, Erkenntnisse aus sich selbst hervorzubringen. Im Dialog stellte er scheinbar einfache Fragen wie "Was ist Tapferkeit?" oder "Was ist Gerechtigkeit?" und zeigte durch beharrliches Nachfragen, dass die zunächst gegebenen Antworten unzulänglich oder widersprüchlich waren.
Diese Methode führte häufig zu dem, was die Griechen Aporie nannten: einer echten Ratlosigkeit und dem Eingeständnis des Nichtwissens. Genau darin sah Sokrates einen philosophischen Fortschritt. Das berühmte Diktum, das ihm zugeschrieben wird, er wisse, dass er nichts wisse, war nicht Ausdruck von Resignation, sondern von intellektueller Redlichkeit. Nur wer seine eigene Unwissenheit erkenne, könne überhaupt beginnen zu suchen.
Das Verhältnis des Sokrates zu den Göttern Athens war kompliziert und sollte ihm schließlich zum Verhängnis werden. Er berichtete von einer inneren Stimme, dem sogenannten Daimonion, die ihn von bestimmten Handlungen abhielt. Außerdem hatte das Orakel von Delphi auf die Frage, ob jemand weiser als Sokrates sei, mit Nein geantwortet. Diese Aussage hatte Sokrates dazu bewogen, reiche und angesehene Männer zu befragen und festzustellen, dass keiner von ihnen wirklich weise war. Dadurch machte er sich viele Feinde.
Im Jahr 399 v. Chr. wurde Sokrates vor Gericht gestellt. Die Ankläger Meletos, Anytos und Lykon warfen ihm vor, die Götter zu missachten und die Jugend zu verderben. Viele Historiker sehen dahinter politische Motive, die mit den Nachwirkungen des Peloponnesischen Krieges und den oligarchischen Umstürzen in Athen zusammenhingen. Sokrates hielt eine glanzvolle Verteidigungsrede, die Platon in seiner Apologie überliefert hat, doch die Mehrheit der Geschworenen sprach ihn schuldig.
Obwohl Freunde und Schüler einen Fluchtplan ausgearbeitet hatten und ihm die Möglichkeit boten, Athen zu verlassen, weigerte sich Sokrates zu fliehen. Aus Respekt vor den Gesetzen der Stadt, der er sein ganzes Leben gewidmet hatte, blieb er in seiner Gefängniszelle. Bis zur Vollstreckung des Todesurteils verbrachte er die verbleibenden Tage im Gespräch mit Freunden und Schülern und erörterte philosophische Fragen über die Unsterblichkeit der Seele und das rechte Leben. Dann trank er den Schierlingsbecher.
Der Tod des Sokrates wurde zu einem der prägendsten Momente der Philosophiegeschichte. Fast alle bedeutenden Schulen der Antike beriefen sich auf ihn: die Kyniker, die Skeptiker, die Stoiker und natürlich die Akademie Platons. Im 16. Jahrhundert nannte ihn Michel de Montaigne den "Meister aller Meister", und der Philosoph Karl Jaspers schrieb, Sokrates vor Augen zu haben sei eine der unerlässlichen Voraussetzungen jeden ernsthaften Philosophierens.
Das Besondere an Sokrates liegt nicht zuletzt in dem Umstand, dass er selbst nichts aufschrieb. Was wir von ihm wissen, ist immer gefiltert durch die Feder anderer, und jede Rekonstruktion seines Denkens bleibt lückenhaft. Doch genau darin spiegelt sich etwas Wesentliches: Sokrates glaubte, dass echtes Wissen im lebendigen Gespräch entsteht, nicht in toten Buchstaben auf Papyrus. Das Gespräch war sein Medium, der Dialog seine Methode, die Wahrheitssuche sein Leben.
Sein Einfluss auf die Philosophie des Abendlandes kann kaum überschätzt werden. Die Denker vor ihm werden heute schlicht als Vorsokratiker bezeichnet, was zeigt, wie sehr sein Wirken als Zäsur in der Geschichte des Denkens wahrgenommen wird. Sokrates hat die Philosophie nicht nur inhaltlich verändert, sondern ihr eine neue Gestalt gegeben: die des suchenden, zweifelnden, unbequemen Gesprächspartners, der keine fertigen Antworten liefert, sondern immer neue Fragen stellt.