In den Tiefen des jordanischen Berglands, auf einer Höhe zwischen 800 und 1350 Metern, verbirgt sich eine der eindrucksvollsten Städte, die je von Menschenhand erschaffen wurden. Petra, die Felsenstadt der Nabatäer, liegt östlich der Aravasenke, auf halbem Weg zwischen dem Golf von Akaba und dem Toten Meer. Wer sie besucht, betritt zunächst einen schmalen Gebirgspfad oder durchquert den Siq – eine etwa 1,5 Kilometer lange Felsschlucht, die sich an ihrer engsten Stelle auf kaum zwei Meter Breite verengt. Am Ende dieser gewundenen Passage öffnet sich unvermittelt eine Welt aus rotem und orangefarbenem Sandstein, die die Vorstellungskraft bis heute herausfordert.
Der altgriechische Name Petra bedeutet schlicht „Fels" oder „Felsmassiv". Die arabische Bezeichnung al-Batrā' und das nabatäische Wort Reqmu, das so viel bedeutet wie „die Rote" oder „die Bunte", deuten auf das dominierende Merkmal dieser Stadt hin: den leuchtend gefärbten Sandstein, aus dem ihre berühmtesten Bauten direkt herausgehauen wurden. Monumentale Grabtempel, deren Fassaden in den nackten Fels gemeißelt sind, verleihen der Stadt ihr unverwechselbares Gesicht und machen sie zu einem einzigartigen Kulturdenkmal der Menschheitsgeschichte.
Die Nabatäer, ein arabisches Volk, das ursprünglich als nomadischer Stamm durch die Wüsten des Nahen Ostens zog, erkannten früh das außerordentliche Potenzial dieser Bergregion. Vom 5. Jahrhundert vor bis zum 3. Jahrhundert nach Christus bauten sie Petra zu einer der bedeutendsten Handelsstädte der antiken Welt aus. Neben Bosra in Syrien und der Metropole Hegra, dem heutigen Mada'in Salih in Saudi-Arabien, gehörte Petra zu den drei wichtigsten Städten ihres Reiches. Die günstige Lage am Kreuzungspunkt mehrerer Karawanenwege, die Ägypten mit Syrien und Südarabien mit dem Mittelmeer verbanden, machte die Stadt zu einem unverzichtbaren Knotenpunkt des Fernhandels.
Besondere Bedeutung hatte dabei die Weihrauchstraße, jene uralte Handelsroute, die vom Jemen aus an der Westküste Arabiens entlangführte und sich bei Petra in zwei Zweige teilte: einer verlief nordwestlich nach Gaza, der andere nordöstlich nach Damaskus. Über diese Wege strömten Waren von unschätzbarem Wert durch die Felsstadt. Gewürze aus Indien, Seide aus China, Elfenbein aus Afrika, Perlen aus dem Roten Meer und vor allem Weihrauch aus Südarabien – das Harz des Weihrauchbaums, das in der gesamten antiken Welt als kostbare religiöse Opfergabe und als Heilmittel begehrt war – wechselten hier die Hände. In umgekehrter Richtung gelangten Waren aus der Levante, etwa Goldschmiedearbeiten aus Aleppo, zu den Märkten des Jemen und Omans. Zwischenhandel und Zölle brachten den Nabatäern enorme Gewinne.
Zum Handelsglück trug maßgeblich die topografische Besonderheit von Petra bei. Die Stadt lag versteckt und gut geschützt zwischen schroffen Felswänden und war äußerst schwer zu nehmen. Doch der wohl bedeutendste Vorteil war das ausgeklügelte Wassersystem, das die Nabatäer im wasserarmen Bergland schufen. In den Fels gemeißelte Aquädukte und Terrakottarohre, die in die Felswände eingelassen und mit Gips abgedichtet wurden, leiteten Brauchwasser und Trinkwasser in die Stadt. Ein hochkomplexes System aus mehr als 200 Zisternen speiste sich aus sämtlichen bekannten Wasserquellen in einem Umkreis von mehr als 25 Kilometern. So entstanden in der Wüste eine künstliche Oase und damit die wesentliche Voraussetzung für das Wachstum und den Wohlstand der Stadt.
Die enge Verbindung von Fels und Wasser in dieser Region ließ eine Legende entstehen, die bis heute lebendig ist. Der biblischen Überlieferung zufolge soll Mose während des Exodus des Volkes Israel aus Ägypten an diesem Ort mit seinem Stab auf einen Felsen geschlagen und eine Quelle zum Sprudeln gebracht haben. Aus diesem Grund trägt die Region den Namen Wadi Musa, das Tal des Mose. Ob sich die biblische Geschichte tatsächlich hier ereignete, bleibt unbewiesen, aber die Verbindung zwischen der Wasserversorgung und dem religiösen Gedächtnis ist bezeichnend für den Ort.
Ob die Nabatäer ihre Hauptstadt wirklich Reqem nannten, ist historisch nicht abschließend geklärt. Flavius Josephus erwähnt in seinen Antiquitates Judaicae einen solchen Namen, doch gilt dieses Zeugnis als nicht völlig gesichert. Das Alte Testament seinerseits nennt im Buch Richter und im 2. Buch Könige einen Ort in Edom namens Sela, was ebenfalls „Fels" oder „Stein" bedeutet. Ob dieser Ort mit der Nabatäermetropole identisch ist, bleibt in der Forschung umstritten.
Nach dem Aufstieg Roms verlor Petra zunehmend an Bedeutung. Die römischen Handelsrouten verlagerten sich, und die Nabatäer gerieten in das Gravitationsfeld des Imperiums. Im Jahr 106 nach Christus annektierte Rom das Nabatäerreich und machte es zur Provinz Arabia Petraea. Petra existierte weiter, verlor aber seinen Status als eigenständige Handelsmacht. Erdbeben, Verschiebungen der Handelswege und schließlich der Aufstieg der arabischen Handelszentren sorgten für den allmählichen Niedergang der Felsenstadt. Im Mittelalter geriet sie für die westliche Welt nahezu in Vergessenheit.
Erst im Jahr 1812 stieß der Schweizer Entdecker Johann Ludwig Burckhardt als erster Europäer der Neuzeit auf die Ruinen der Stadt. Was er fand, erschütterte die Welt: Hunderte in den Fels gehauene Grabtempel, Tempel, Theater, Kolonnaden und Wasserleitungen – die überraschend gut erhaltenen Überreste einer einst blühenden Metropole. Die Bekanntschaft der westlichen Welt mit Petra hatte damit begonnen, und die Archäologen sollten in den folgenden Jahrzehnten immer neue Schichten dieses einzigartigen Erbes freilegen.
Am 6. Dezember 1985 wurde Petra in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen – eine Anerkennung, die ihrer außerordentlichen historischen und kulturellen Bedeutung gerecht wird. Die Stadt empfängt jährlich Hunderttausende von Besuchern aus aller Welt, die durch den schmalen Siq schreiten und beim ersten Anblick des Schatzhauses – des Khazneh, der berühmtesten Fassade Petras – sprachlos innehalten. Zu Recht gilt Petra als eine der eindrucksvollsten antiken Stätten auf Erden, ein Ort, an dem Menschenwille und Naturgewalt auf einzigartige Weise verschmolzen.
Bis heute sind bei Weitem nicht alle Geheimnisse Petras gelüftet. Archäologen schätzen, dass erst ein kleiner Bruchteil der Stadt tatsächlich ausgegraben wurde. Der Großteil der Felsmetropole ruht noch unter dem Sand des jordanischen Berglands, und jede neue Ausgrabungskampagne bringt weitere Funde zutage, die das Bild einer hochentwickelten, weltoffenen und kunstsinnigen Zivilisation vervollständigen – der Nabatäer, die aus der Wüste heraus eines der bedeutendsten Handelsreiche der Antike erschufen.