An der nordafrikanischen Mittelmeerküste, auf einer Halbinsel rund zehn Kilometer östlich des modernen Tunis, erhob sich in der Antike eine der mächtigsten Städte der bekannten Welt. Karthago, von seinen phönizischen Gründern qart hadašt, neue Stadt, genannt, war über Jahrhunderte das Zentrum eines weitreichenden See- und Handelsimperiums, das das zentrale Mittelmeer dominierte und in unmittelbare Konkurrenz zu Rom trat.
Die Gründung Karthagos wird der Überlieferung nach auf die phönizische Stadt Tyros an der Levanteküste zurückgeführt. Den Gründungsmythos schmückte die Geschichte der Königin Dido aus, die nach dem Tod ihres Mannes aus Tyros floh und nach langen Irrfahrten an der nordafrikanischen Küste landete. Dort soll sie so viel Land erworben haben, wie eine Kuhhaut umfassen könne. Sie ließ die Haut in feine Streifen schneiden und umspannte damit einen Hügel, auf dem sie die Burg Byrsa erbaute. Der Byrsa-Hügel wurde tatsächlich zum Zentrum sowohl des vorrömischen als auch des späteren römischen Karthago.
Die geografische Lage der Stadt war strategisch außerordentlich günstig. Die Halbinsel, auf der Karthago lag, war im Norden von der Lagune Sebkha Ariana, im Osten vom Golf von Tunis und im Süden vom See von Tunis begrenzt. Lediglich im Westen verband eine schmale Landzunge die Stadt mit dem Hinterland, was sie zur Landseite hin leicht verteidigbar machte. Zugleich befand sich Karthago im Schnittpunkt wichtiger Seehandelsrouten: zwischen Gibraltar und der Levante sowie zwischen dem Golfe du Lion und dem Tyrrhenischen Meer. Diese Lage ermöglichte es der Stadt, den Seehandel im zentralen Mittelmeer zu kontrollieren.
Im 3. und 2. Jahrhundert vor Christus wurde das Verhältnis zwischen Karthago und der aufstrebenden Römischen Republik zur prägenden Konfliktlinie des westlichen Mittelmeers. In drei großen Kriegen, den sogenannten Punischen Kriegen, maßen sich die beiden Mächte. Der Begriff Punier leitet sich vom lateinischen poeni ab, das seinerseits auf die griechische Bezeichnung für die Phönizier zurückgeht und von den Römern ausschließlich für die Karthager verwendet wurde, meist in abwertendem Kontext.
Im Ersten Punischen Krieg von 264 bis 241 vor Christus kämpften Rom und Karthago um die Vorherrschaft auf Sizilien. Rom siegte und zwang Karthago zu einem harten Friedensschluss. Im Zweiten Punischen Krieg von 218 bis 201 vor Christus erreichte Karthago unter dem Feldherrn Hannibal Barkas seinen militärischen Höhepunkt. Hannibal überquerte mit seinem Heer, einschließlich Kriegselefanten, die Alpen und schlug die Römer in mehreren vernichtenden Schlachten, darunter bei Cannae im Jahr 216. Dennoch gelang es ihm nicht, Rom selbst einzunehmen. Der römische Feldherr Scipio Africanus übernahm die Initiative, trug den Krieg nach Nordafrika und besiegte Hannibal 202 vor Christus in der entscheidenden Schlacht bei Zama.
Nach dem Zweiten Punischen Krieg war Karthago geschwächt, aber noch lebensfähig. Doch der einflussreiche römische Senator Marcus Porcius Cato pflegte jede seiner Reden mit dem Satz zu beschließen: Ceterum censeo Carthaginem esse delendam, Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss. Dieser Forderung entsprach das dritte und letzte Aufeinandertreffen der beiden Mächte. Im Dritten Punischen Krieg von 149 bis 146 vor Christus belagerten römische Heere die Stadt. Nach monatelangem erbittertem Straßenkampf, in dem die Einwohner bis zum Letzten Widerstand leisteten, wurde Karthago vollständig dem Erdboden gleichgemacht. Das karthagische Reich wurde als Provinz Africa proconsularis in das Römische Reich eingegliedert.
Die Überlieferung, dass Rom die Stadt mit Salz bestreut habe, um jeden Wiederaufbau zu verhindern, ist eine spätere Legende ohne zuverlässige antike Grundlage. Tatsächlich ließ Julius Caesar etwa ein Jahrhundert nach der Zerstörung im 1. Jahrhundert vor Christus eine neue römische Stadt auf den Ruinen errichten. Dieses neue Karthago stieg rasch zu einer bedeutenden Großstadt auf und wurde zur Hauptstadt der Provinz Africa. Es war das Karthago, in dem der christliche Theologe Tertullian und der Kirchenvater Augustinus wirkten.
Das archäologische Ausgrabungsgelände Karthago liegt heute als Vorort im Großraum Tunis und wurde 1979 in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen. Die Ausgrabungen haben Reste beider Stadtphasen ans Licht gebracht, sowohl des phönizisch-punischen als auch des römischen Karthago. Besonders das sogenannte Tophet, ein Kultplatz, auf dem Urnen mit Gebeinen von Kindern gefunden wurden, hat intensive wissenschaftliche Debatten über religiöse Praktiken der Karthager ausgelöst. Karthago bleibt als Name ein Symbol für Aufstieg, Rivalität und Fall im Wettstreit der Mächte der Antike.
