civilizacoes perdidas

Minoische Kultur

Bronzezeitliche Kultur von Kreta

5 min01/01/2024
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Auf der Insel Kreta, inmitten des östlichen Mittelmeers, blühte vor mehr als viertausend Jahren eine Zivilisation, die als die früheste Hochkultur Europas gilt. Benannt nach dem mythischen König Minos, dem sagenhaften Herrscher von Knossos, trägt diese Kultur heute den Namen minoisch – eine Bezeichnung, die der Archäologe Arthur Milchhoefer 1883 endgültig prägte und die seither fest in der Wissenschaftssprache verankert ist. Dabei war es der Altphilologe Karl Hoeck, der bereits in seinen zwischen 1823 und 1829 entstandenen Schriften von einer „minoischen Zeit" gesprochen hatte.

Die minoische Kultur wird in drei große Phasen unterteilt. Die frühminoische Zeit reicht vom Beginn der ägäischen Bronzezeit bis etwa 2000 oder 1900 vor Christus und fiel damit mit den ersten Dynastien des Mittleren Reiches im pharaonischen Ägypten zusammen. Es folgte die mittelminoische Zeit von etwa 1900 bis 1600 vor Christus, und schließlich die spätminoische Zeit von etwa 1600 bis 1100 vor Christus. Eine allgemein anerkannte absolute Datierung all dieser Phasen ist in der Forschung bis heute nicht vollständig aufgestellt worden.

Die Entdeckung dieser Zivilisation war eine wissenschaftliche Sensation. Bis ins 19. Jahrhundert hatten Althistoriker den eigentlichen Beginn der griechischen Geschichte mit dem Aufkommen einer Schriftkultur in archaischer Zeit angesetzt. Als Quelle für die Kenntnis der griechischen Vorzeit diente in erster Linie die Mythologie. Das änderte sich grundlegend, als Heinrich Schliemanns Ausgrabungen in Mykene die Existenz einer vorgriechischen Hochkultur auf dem Festland belegten. Inspiriert von diesen Entdeckungen wandte sich der Archäologe Sir Arthur Evans Kreta zu und begann im Jahr 1900 mit systematischen Ausgrabungen in Knossos, wo bereits zuvor kleinere, unsystematische Grabungen stattgefunden hatten.

Evans legte die Überreste des sogenannten Palastes von Knossos frei und ließ auf eigene Kosten Teile des Komplexes wiederaufbauen – eine Entscheidung, die in der späteren Archäologie heftig diskutiert werden sollte. Er brachte den Fundort mit den Mythen um König Minos in Verbindung, darunter die Geschichte vom Labyrinth und dem Minotaurus. Auf Evans' Interpretation gehen unter anderem Vorstellungen von einem sakralen Königtum und einer betont friedlichen minoischen Gesellschaft zurück, die in der Folgezeit das populäre Bild dieser Kultur prägten.

Die minoische Kultur wird, wie die spätere mykenische, zu den Palastkulturen gezählt. Unter minoischen Palästen verstehen Forscher architektonische Großanlagen, die um einen zentralen Innenhof erbaut wurden. Diese Anlagen vereinten viele Funktionen in sich: Sie dienten religiösen Kulthandlungen, der Verwaltung von Gütern, ihrer Lagerung und Produktion. Welche genaue politische und wirtschaftliche Rolle diese Paläste in der minoischen Gesellschaft spielten, ist in der Forschung jedoch umstritten. Noch Arthur Evans hielt den Palast von Knossos für den Sitz eines Priesterkönigs. In den 1970er und 1980er Jahren wurden die Paläste vorwiegend als Zentren einer sogenannten Redistribution betrachtet, als lokale Lagerstätten, die die Umverteilung von Gütern an die Bevölkerung organisierten. Diese These gilt inzwischen als überholt, da die Lagerkapazitäten der Paläste für eine solche Funktion wohl nicht ausgereicht hätten.

Bekannt ist die minoische Zivilisation für ihre bemerkenswerte Kunst. Lebhafte Fresken zeigen Stiere, Meerestiere, Blumen und Menschen in dynamischer Bewegung und legen ein Bild nahe, das von Naturverbundenheit und Lebensfreude geprägt war. Die Keramik ist feinsinnig und technisch hochentwickelt. Goldschmuck und Siegelringe von außerordentlicher Qualität bezeugen einen hohen Wohlstand, der nicht zuletzt auf dem regen Seehandel im östlichen Mittelmeer beruhte. Die Minoer unterhielten Handelskontakte mit Ägypten, dem Nahen Osten und dem griechischen Festland.

Die Schrift der Minoer ist eines der großen ungelösten Rätsel der Altertumswissenschaft. Zwei Schriftsysteme sind bekannt: die noch nicht entzifferte Linearschrift A, die offenbar die einheimische Sprache der Minoer festhielt, und die Linearschrift B, die eine frühe Form des Griechischen darstellt und von den Mykenern auf dem Festland und später auch auf Kreta verwendet wurde. Die Sprache hinter der Linearschrift A bleibt bis heute unverstanden, was bedeutet, dass zahlreiche schriftliche Hinterlassenschaften der minoischen Zivilisation noch nicht gelesen werden können.

Um 1450 vor Christus erlebte die minoische Zivilisation einen dramatischen Einbruch. Viele Paläste auf Kreta wurden zerstört, und der Palast von Knossos fiel unter mykenischen Einfluss. Ob Naturkatastrophen wie der gewaltige Vulkanausbruch der Insel Thera, Invasionen vom griechischen Festland oder innere Unruhen für diesen Niedergang verantwortlich waren, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Um 1100 vor Christus endete die spätminoische Zeit, und die Hochkultur Kretas versank in einem Dunkel, aus dem sie erst durch die Archäologie des 20. Jahrhunderts wieder ans Licht gebracht wurde.

Das Erbe der minoischen Zivilisation war dennoch enorm. Ihre künstlerischen Stile, religiösen Symbole und handwerklichen Techniken beeinflussten die mykenische Kultur des Festlandes tiefgreifend, und durch sie floss minoisches Erbe in die klassische griechische Welt ein. Der Minotaurus-Mythos, das Labyrinth, die Figur des Königs Minos selbst – all diese Überlieferungen sind Niederschläge einer realen Zivilisation, die Europa zum ersten Mal den Weg in die städtische Hochkultur wies.

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