Marie Amélie Françoise Hélène d'Orléans wurde am 13. Januar 1865 in Ham in England geboren — im Exil, das ihrer Familie nach der Revolution von 1848 aufgezwungen worden war. Als älteste Tochter von Robert d'Orléans, duc de Chartres, und dessen Gattin Françoise d'Orléans war sie Urenkelin des letzten französischen Königs Louis-Philippe I. und trug damit den schweren Ballast einer gestürzten Dynastienlinie in sich. Ihr jüngerer Bruder Jean, duc de Guise, sollte später von seinen Anhängern als französischer Thronprätendent verehrt werden.
Die Familie lebte im englischen Exil, bis der Sturz Napoléons III. im Jahr 1871 die Rückkehr nach Frankreich ermöglichte. Marie wuchs nun in der Welt der europäischen Hochadelsdynastien auf, in der Ehen sorgfältig diplomatisch geplant wurden und der Reichtum an Ahnen mehr galt als persönliche Neigung. Am 20. Oktober 1885 heiratete sie in einer standesamtlichen Zeremonie in Paris Prinz Waldemar von Dänemark, den jüngsten Sohn König Christians IX. Zwei Tage später folgte die kirchliche Trauung im Château d'Eu. Braut und Bräutigam waren Cousins vierten Grades — in den Adelskreisen Europas keine Seltenheit.
Marie konvertierte nicht zum lutherischen Glauben ihres Mannes, sondern behielt den römisch-katholischen Glauben bei. Die Kinder des Paares wurden entsprechend der dynastischen Regelung erzogen: Söhne im Glauben des Vaters, Töchter im Glauben der Mutter. Das Ehepaar bezog Schloss Bernstorff außerhalb von Kopenhagen, wo Waldemar geboren worden war. Dort lebte bereits Prinz Georg von Griechenland, ein Neffe Waldemars, der in die dänische Marine eingetreten war und unter des Onkels Schutz gestellt worden war. Georg sollte später an seine Verlobte Marie Bonaparte schreiben, dass er seitdem eine tiefe Verbundenheit zu Waldemar empfand.
Am Kopenhagener Hof, geprägt von protestantischer Steifheit und strenger Etikette, wirkte Marie wie ein Fremdkörper — und das war durchaus gewollt. Sie wurde als impulsiv, aktiv und geistreich beschrieben und brachte einen entspannteren Stil an den steifen dänischen Hof. Dänisch sollte sie nie fließend sprechen. Ihren Kindern gewährte sie eine freie Kindheit, und ihr kunstvoller, unkonventioneller Geschmack prägte den Haushalt spürbar. Sie ritt gerne, war die offizielle Patronin der Feuerwehr und ließ sich in dieser Eigenschaft sogar in einer Feuerwehruniform fotografieren. Nicht weniger ungewöhnlich für ihre Zeit: Sie ließ sich einen Anker auf den Oberarm tätowieren, ein Zeichen ihrer Unterstützung für die Marinekarriere ihres Mannes.
Marie war zudem eine ernstzunehmende Künstlerin. Sie malte und fotografierte und hatte bei den renommierten dänischen Malern Otto Bache und Frants Henningsen studiert. 1889, 1901 und 1902 nahm sie an Ausstellungen in Charlottenborg teil und war Mitglied der Dänischen Kunstakademie — ein Engagement, das weit über das gesellschaftliche Pflichtprogramm von Prinzessinnen hinausging.
Ihre politischen Aktivitäten waren für eine Adlige ihrer Zeit gleichfalls ungewöhnlich. Marie gehörte dem linken Flügel des politischen Spektrums an und scheute sich nicht, öffentlich Stellung zu nehmen. 1886 stimmte sie mit ihrer Zustimmung dazu, dass Waldemar den bulgarischen Thron ablehnte — ein bedeutsamer Schritt in der damaligen europäischen Diplomatiegeschichte. Sie beeinflusste zudem König Christian IX. dazu, die Reformen von 1901 anzunehmen, die zur Ernennung einer Venstre-Regierung führten und faktisch den Parlamentarismus in Dänemark einführten. Die französische Presse schrieb ihr Einfluss auf die französisch-russische Allianz von 1894 zu; auch die Beilegung des französisch-deutschen Kolonialstreits um Marokko im Jahr 1905 wurde ihr in manchen Kreisen zugeschrieben.
Marie d'Orléans starb am 4. Dezember 1909 auf Schloss Bernstorff, während ihr Mann und drei ihrer Söhne sich auf einer Reise in Indien befanden. Sie hinterließ fünf Kinder: die Prinzen Aage, Axel, Erik und Viggo sowie eine Tochter. Sie war 44 Jahre alt. Eine Frau, die zwischen den Welten lebte — zwischen Frankreich und Dänemark, zwischen Exil und Hof, zwischen Kunst und Politik — und in all diesen Bereichen Spuren hinterließ, die weit über das hinausgingen, was ihre Zeit von einer Prinzessin erwartete.
