François Félix Tisserand wurde am 13. Januar 1845 in Nuits-Saint-Georges im Burgund geboren, einer kleinen Stadt, die heute vor allem durch ihre Weine bekannt ist. Dass aus dem burgundischen Jungen einer der bedeutendsten französischen Astronomen des 19. Jahrhunderts werden sollte, deutete sich schon früh an. Tisserand studierte Mathematik und Physik an der renommierten École normale supérieure in Paris, dem Ausbildungsort der intellektuellen Elite Frankreichs.
1866 trat er als Adjunkt in die Pariser Sternwarte ein, eines der wichtigsten astronomischen Forschungszentren der Welt. Die Sternwarte war damals nicht nur ein Ort der Beobachtung, sondern auch ein Zentrum mathematischer Grundlagenforschung, und Tisserand brachte die Werkzeuge der Himmelsmechanik mit, die er in seinen Jahren an der École normale verfeinert hatte. 1873 erhielt er einen Ruf als Direktor der Sternwarte in Toulouse, wo er auch eine Professur übernahm. Die südfranzösische Universitätsstadt bot ihm Raum für die Verbindung von Beobachtungspraxis und theoretischer Forschung.
1878 wurde Tisserand in die Pariser Akademie der Wissenschaften (Académie des sciences) aufgenommen — eine der höchsten wissenschaftlichen Auszeichnungen, die Frankreich zu vergeben hatte. 1883 wurde er Nachfolger von Victor Puiseux auf dem Lehrstuhl für Himmelsmechanik an der Sorbonne in Paris, dem Lehrstuhl für das Fach, in dem er seine größten Beiträge leistete. 1884 wählte ihn die Göttinger Akademie der Wissenschaften zum korrespondierenden Mitglied — ein Zeichen dafür, dass sein Ansehen die Grenzen Frankreichs längst überschritten hatte.
1892 krönte Tisserand seinen institutionellen Aufstieg mit der Übernahme der Leitung der Pariser Sternwarte, jener Institution, der er einst als junger Adjunkt beigetreten war. Als Direktor initiierte er zwei Großprojekte, die weit über seine eigene Amtszeit hinauswirken sollten. Das erste war die Carte du Ciel, ein internationales Gemeinschaftsunternehmen mit dem ehrgeizigen Ziel, den gesamten Sternenhimmel photographisch zu kartieren. Das Projekt, an dem Sternwarten aus aller Welt beteiligt waren, war eines der ersten großen internationalen Kooperationsvorhaben der Astronomiegeschichte und spiegelt Tisserands Überzeugung wider, dass die Himmelskunde eine globale Gemeinschaftsaufgabe war.
Das zweite Projekt war der Atlas photographique de la lune, ein Photoatlas des Mondes, der für Jahrzehnte als wichtigstes astronomisches Nachschlagewerk zu unserem Trabanten galt. Erst die Mondlandungen der 1960er und 1970er Jahre machten ihn als Referenzwerk obsolet — bis dahin hatte Tisserands Initiative das Bild des Mondes für die wissenschaftliche Welt definiert. 1893 wurde er Mitglied der National Academy of Sciences der Vereinigten Staaten, 1894 in die Königlich Niederländische Akademie der Wissenschaften gewählt. Von 1893 bis 1895 stand er der Société astronomique de France als Präsident vor.
Tisserands bleibender theoretischer Beitrag ist das Tisserand-Kriterium, das er kurz vor seinem Tod entwickelte. Es erlaubt zu überprüfen, ob zwei zu verschiedenen Zeiten beobachtete Kometen identisch sind — also ob ein Komet, der nach einer engen Begegnung mit einem Planeten seine Bahn verändert hat, derselbe ist wie zuvor. Das Kriterium basiert auf einer Erhaltungsgröße der Bahnmechanik und ist noch heute in der Planetenforschung und bei der Klassifikation kleiner Körper des Sonnensystems in Gebrauch. Es zeugt von Tisserands Stärke: die Verbindung abstrakter Mathematik mit konkreten astronomischen Beobachtungsproblemen.
Félix Tisserand starb am 20. Oktober 1896 in Paris, nur 51 Jahre alt. Sein wissenschaftliches Vermächtnis ist vielfältig: Das vierbändige Traité de mécanique céleste, sein Hauptwerk, blieb für Generationen das Standardwerk der Himmelsmechanik im französischsprachigen Raum. Zu seinen Ehren wurden der Mondkrater Tisserand sowie der Asteroid (3663) Tisserand nach ihm benannt. 1899, drei Jahre nach seinem Tod, enthüllte seine Heimatstadt Nuits-Saint-Georges ein Denkmal zu seinen Ehren — eine Hommage an den Sohn der Stadt, der den Himmel vermessen hatte.
