Am 15. April 1452 wurde in der kleinen toskanischen Ortschaft Vinci, unweit der Stadt Empoli, ein Kind geboren, das die Nachwelt als einen der universellsten Geister der Menschheitsgeschichte in Erinnerung behalten sollte. Leonardo di ser Piero da Vinci — der Namenszusatz „da Vinci" war kein Familienname, sondern lediglich ein Hinweis auf den Geburtsort — kam als unehelicher Sohn des damals 25-jährigen Notars Piero da Vinci und der 22-jährigen Magd Caterina zur Welt. Seine Eltern konnten nicht heiraten, da Caterina nicht standesgemäß war und keine Mitgift besaß.
Caterina entstammte vermutlich einer angesehenen, doch verarmten bäuerlichen Familie. Bereits eine frühe Biografie aus dem Jahr 1540 berichtet über seine Mutter: „Era per madre nato di bon sangue" — er sei von seiner Mutter aus gutem Blut geboren worden. Es existieren auch Hypothesen, wonach Caterina eine von Leonardos Vater befreite arabische oder zirkassische Sklavin gewesen sein könnte, da solche Personen damals tatsächlich zu Haushalten dieser Art gehörten; diese Theorie bleibt jedoch umstritten. Auf Vermittlung von Leonardos Großvater väterlicherseits, Antonio, heiratete Caterina ein Jahr nach Leonardos Geburt den Töpfereibesitzer Accattabriga di Piero del Vacca und bekam mit ihm fünf weitere Kinder. Leonardo wuchs derweil im Anwesen des Großvaters in Vinci auf.
Sein Vater Piero heiratete noch im Geburtsjahr Leonardos die 16-jährige Notarstochter Albiera und zog nach Florenz. Als erfolgreicher Notar zählte er die Familie de' Medici ebenso zu seinen Klienten wie Mitglieder der regierenden Signoria, des Rats des Stadtstaates Florenz. Leonardo selbst lebte ab 1457 bei der Familie seines Vaters und verbrachte den größten Teil seiner Jugend in Florenz, wo er früh sein Interesse an Musik, Zeichnen und Modellieren entdeckte.
Der entscheidende Wendepunkt in Leonardos Ausbildung kam, als sein Vater ihn um das Jahr 1469 — möglicherweise auch etwas früher — in die Werkstatt des Bildhauers, Malers und Goldschmieds Andrea del Verrocchio (1435–1488) brachte. Verrocchio war einer der bedeutendsten Künstler seiner Zeit in Florenz, und er erkannte sofort die außergewöhnliche Begabung des jungen Leonardo. In dieser Werkstatt lernte und arbeitete Leonardo etwa von 1469 bis 1477, Seite an Seite mit anderen bedeutenden Schülern wie Pietro Perugino, Domenico Ghirlandaio, Lorenzo di Credi und vermutlich auch Sandro Botticelli.
In den Werkstätten des 15. und 16. Jahrhunderts war es üblich, dass ein Meister Teile der Ausführung seinen Gesellen und Schülern übertrug. Das vermutlich früheste erhaltene Gemälde aus der Werkstatt Verrocchios, an dem Leonardo beteiligt war, ist „Tobias und der Engel", datiert auf etwa 1470 bis 1475. Kunsthistoriker nehmen an, dass Leonardo den Fisch in der linken Hand des Tobias, den Hund zu Füßen des Engels sowie den Haarschopf des Tobias gemalt haben könnte. Der Leonardo-Biograf Charles Nicholl sah in diesen Details eine Virtuosität, zu der Verrocchio allein nicht in der Lage gewesen wäre.
Nach dem Abschluss seiner Lehrzeit arbeitete Leonardo, nun etwa zwanzigjährig, weiter in Verrocchios Werkstatt. Doch sein Geist ruhte nie still. Schon früh begann er, eigene Ideen zu entwickeln, die weit über die Malerei hinausgingen: Er beschäftigte sich mit Anatomie, Mechanik, Hydraulik, Optik und der Beobachtung der Natur in einer Tiefe, die für seine Zeitgenossen kaum zu fassen war. Seine Notizbücher, in denen er Tausende von Zeichnungen und Gedanken festhielt, zeugen von einem Intellekt, der keine Grenzen zwischen Kunst und Wissenschaft kannte.
Um 1482 wechselte Leonardo nach Mailand, wo er in die Dienste von Ludovico Sforza trat. Dort schuf er einige seiner bekanntesten Werke, darunter das Wandgemälde „Das letzte Abendmahl" in der Kirche Santa Maria delle Grazie, das um 1495 bis 1498 entstand und bis heute als eines der meistdiskutierten Kunstwerke der Geschichte gilt. Die Darstellung des Moments, in dem Christus ankündigt, einer seiner Jünger werde ihn verraten, und die psychologische Tiefe jeder einzelnen Figur machten dieses Werk zu einem Meilenstein der Renaissancemalerei.
Noch berühmter ist jedoch das kleinformatige Porträt der „Mona Lisa", an dem Leonardo ab etwa 1503 arbeitete und das er bis zu seinem Lebensende nie aus den Händen gab. Das geheimnisvolle Lächeln der Dargestellten, der weiche Übergang zwischen Licht und Schatten — die von Leonardo entwickelte Technik des Sfumato — und die traumhafte Landschaft im Hintergrund ließen dieses Bild zum vielleicht bekanntesten Gemälde der Welt werden.
Leonardo war jedoch weit mehr als ein Maler. Als Ingenieur entwarf er Flugmaschinen, die dem Prinzip des Vogelflügelschlags nachempfunden waren, Panzerfahrzeuge, Hydraulikmaschinen und Brückenkonstruktionen. Als Anatom sezierte er Dutzende menschlicher Leichen und schuf anatomische Zeichnungen von einer Präzision, die für die damalige Zeit revolutionär war. In der Mechanik erkannte er Grundprinzipien, die erst Jahrhunderte später systematisch beschrieben wurden.
Seinen letzten Lebensabschnitt verbrachte Leonardo auf Einladung des französischen Königs Franz I. in Frankreich. Er lebte auf Schloss Clos Lucé bei Amboise, wo er den König als Gesprächspartner und Ideenlieferant begleitete. Dort starb er am 2. Mai 1519, im Alter von 67 Jahren. Die Legende, er sei in den Armen des Königs gestorben, ist zwar romantisch verklärt, belegt aber die tiefe gegenseitige Wertschätzung. Leonardo da Vinci hinterließ kein einziges vollständig ausgeführtes Bauwerk, keine Skulptur aus eigenem Auftrag und nur eine Handvoll vollendeter Gemälde — und dennoch veränderte er das Denken der Menschheit auf eine Weise, die seinesgleichen sucht.
