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Russisches Kaiserreich

Historischer Staat (1721–1917)

5 min01/01/2024
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Das Russische Kaiserreich zählte zu den gewaltigsten staatlichen Gebilden, die die Geschichte je hervorgebracht hat. Von der Annahme des Kaisertitels durch Peter den Großen im Jahr 1721 bis zur Ausrufung der Republik infolge der Februarrevolution im Jahr 1917 bestand dieses Reich fast zwei Jahrhunderte lang als absolute Monarchie im nördlichen Teil Eurasiens. Auf dem Höhepunkt seiner Ausdehnung Mitte des 19. Jahrhunderts stellte es das drittgrößte Reich der Weltgeschichte dar, übertroffen nur vom Britischen Weltreich und dem Mongolischen Reich, und zugleich das größte zusammenhängende neuzeitliche Herrschaftsgebiet überhaupt.

Das Territorium Russlands umfasste auf seinem Höchststand rund 22,7 Millionen Quadratkilometer, was beinahe einem Sechstel des gesamten Festlandes der Erde entsprach. In West-Ost-Richtung erstreckte es sich vom Schwarzen Meer und der Ostsee bis zum Pazifischen Ozean über knapp 10.000 Kilometer, von Norden nach Süden über fast 5.000 Kilometer. Diese schiere Ausdehnung machte das Kaiserreich zu einem Vielvölkerstaat, der Dutzende verschiedener Ethnien, Sprachen und Religionen unter einem Herrscherdach vereinte.

Die größte territoriale Ausdehnung erreichte das Reich zwischen 1742 und 1867, als es neben dem Kernland auch das Baltikum mit Estland, Lettland und Litauen, Finnland, große Teile Polens, Landstriche im Nordosten der heutigen Türkei sowie Alaska umfasste. Die Grenze des Kaiserreiches im Jahr 1917 berührte zehn Nachbarstaaten: Norwegen, Schweden, das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn, Rumänien, das Osmanische Reich, Persien, Afghanistan, China sowie das japanische Korea. Dazu grenzte es an zahlreiche Meere, darunter die Ostsee, das Schwarze Meer, das Kaspische Meer und den Pazifischen Ozean.

Das Reich war unmittelbarer Nachfolger des Zarentums Russland, das von 1547 bis 1721 bestanden hatte. Peter der Große, einer der reformfreudigsten und gleichzeitig rücksichtslosesten Herrscher der russischen Geschichte, ersetzte den Zarentitel 1721 durch den des Kaisers. Gleichwohl blieb im alltäglichen Sprachgebrauch innerhalb Russlands die Anrede Zar für den Herrscher üblich, sodass die Bezeichnungen Zarenreich und Kaiserreich nebeneinander gebräuchlich waren.

Das staatstragende Volk des Kaiserreiches waren die Russen, die sogenannten Großrussen, wobei die Ukrainer als Kleinrussen und die Belarussen als integraler Bestandteil eines dreieinigen russischen Volkes angesehen wurden. Aus früheren Zeiten stammten zahlreiche finno-ugrische und sibirische Stämme sowie turkstämmige Tataren, Tschuwaschen und Baschkiren als Teil des Reiches. Mit dem Erwerb der Ostseeprovinzen zu Beginn des 18. Jahrhunderts kamen baltische Völker und ein bedeutender deutschbaltischer Bevölkerungsanteil hinzu, der in der Folgezeit eine beachtliche Rolle in Verwaltung und Militär spielte.

Das europäische Territorium des Kaiserreiches umfasste neben dem russischen Kernland die Ostseegouvernements Estland, Livland und Kurland, Kongresspolen, Litauen, den größten Teil der heutigen Ukraine und Belarus sowie Moldau und Finnland, das als Großfürstentum eine Sonderstellung genoss. Im Kaukasus gehörten die Gebiete des heutigen Armenien, Aserbaidschan und Georgien zum Reich. In Zentralasien erstreckte sich die russische Herrschaft über das Generalgouvernement Turkestan und die Vasallenstaaten des Emirats Buchara und des Khanats Chiwa, was dem Territorium der heutigen Staaten Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan entspricht.

Bis zum Jahr 1867 gehörte auch Alaska als russische Kolonie zum Reich, bevor es in jenem Jahr an die Vereinigten Staaten veräußert wurde. Diese Entscheidung, die zu ihrer Zeit als weitsichtig galt, da Alaska als schwer zu verteidigende und wirtschaftlich wenig ertragreiche Randprovinz galt, sollte sich im Rückblick als einer der größten Landverkäufe der Geschichte erweisen. Zwischen 1797 und 1818 zählte außerdem die Herrschaft Jever als kleine Exklave in Nordwestdeutschland zum russischen Staatsgebiet.

Das Kaiserreich war im Innern stets von Spannungen durchzogen. Die riesige Ausdehnung, die ethnische und religiöse Vielfalt, die wirtschaftlichen Ungleichgewichte zwischen dem entwickelten Westen und den rückständigen östlichen Provinzen sowie die zunehmende Unzufriedenheit der Bauernschaft und des städtischen Proletariats bildeten einen permanenten Nährboden für soziale Unruhen. Revolutionäre Bewegungen und Attentate auf Herrscherfiguren prägten das 19. Jahrhundert. Zar Alexander II. fiel 1881 einem Attentat zum Opfer, nachdem er mit der Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahr 1861 eine weitreichende Sozialreform durchgesetzt hatte.

Das Ende des Kaiserreiches kam mit dem Ersten Weltkrieg und seinen verheerenden Folgen für die russische Gesellschaft. Millionen von Gefallenen, wirtschaftlicher Zusammenbruch und politisches Versagen der Romanow-Dynastie führten im Februar 1917 zur Revolution und zur Abdankung des letzten Zaren Nikolaus II. Sein Vorgänger Franz Joseph I. hatte das Reich von 1867 bis 1916 regiert, bevor ihm sein Großneffe Karl I. nachfolgte. Mit der Ausrufung der Republik und wenig später der bolschewistischen Machtergreifung endete eine fast zweihundertjährige Geschichte der kaiserlichen Autokratie.

Das Erbe des Russischen Kaiserreiches prägt bis heute die politische Geographie Europas und Asiens. Zahlreiche Grenzkonflikte und ethnische Spannungen im postsowjetischen Raum wurzeln in der komplexen Nationalitätenpolitik des alten Reiches. Die Architektur Sankt Petersburgs, die als Hauptstadt Europas geltende Ansicht vermittelte, zeugt noch immer von der Ambition Peters des Großen, Russland in die Reihe der führenden europäischen Mächte zu erheben.

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