Die Römische Republik, auf Lateinisch res publica, was wörtlich so viel wie öffentliche Sache oder Gemeinwesen bedeutete, bildete eine der folgenreichsten Staatsordnungen der Weltgeschichte. Sie entstand nach der angeblichen Vertreibung der Könige im Jahr 509 vor Christus und bestand bis zur Einrichtung des Prinzipats durch Augustus am 13. Januar 27 vor Christus. In dieser Zeitspanne von fast fünf Jahrhunderten verwandelte sich Rom von einer kleinen italischen Stadt in die Beherrscherin des gesamten Mittelmeerraums und schuf dabei ein Verfassungssystem, das politische Denker aller nachfolgenden Epochen beeinflusste.
Die Verfassung der Römischen Republik beruhte nicht auf einer geschriebenen Verfassungsurkunde im modernen Sinn, sondern auf einem Geflecht von Gewohnheitsrecht, Satzungen und Präzedenzfällen, die sich über Jahrhunderte herausbildeten. Polybios, der griechische Historiker des 2. Jahrhunderts vor Christus, beschrieb sie als Mischverfassung mit aristokratischen und gewissen demokratischen Elementen. Fünf tragende Prinzipien bestimmten das Regierungssystem: die Annuität, wonach alle Magistraturen nur für ein Jahr ausgeübt werden durften; die Biennität, die einen ämterlosen Zeitraum von zwei Jahren zwischen zwei Amtszeiten vorschrieb; das Iterationsverbot, das eine unmittelbar anschließende zweite Amtszeit ausschloss; das Kollegialitätsprinzip, das jedes Amt mit mindestens zwei gleichzeitig amtierenden Inhabern besetzte; und der cursus honorum, der vorschrieb, dass man zuerst das nächstniedrigere Amt bekleidet haben musste.
Der cursus honorum, der aber lange Zeit nicht gesetzlich festgeschrieben war, umfasste in aufsteigender Reihenfolge verschiedene Ämter. Am Beginn stand die Quaestur, die Verwaltung der Staatskasse und des Staatsarchivs. Es folgte die Ädilität mit der Polizeigewalt, Marktaufsicht und der Ausrichtung öffentlicher Spiele; dieses Amt musste nicht zwingend bekleidet werden, da viele Politiker alternativ das Volkstribunat übernahmen. Die Prätur war mit der Rechtsprechung und dem Recht zum eigenständigen Heereskommando verbunden. Den Höhepunkt bildeten die zwei gleichzeitig amtierenden Konsuln, die für die Leitung von Senat und Volksversammlungen, Rechtsprechung, Finanzverwaltung und Heeresführung verantwortlich waren und die unumschränkte Amtsgewalt des Imperiums maius besaßen.
In Krisenzeiten konnten Konsuln und Senat für ein halbes Jahr einen Diktator ernennen, der über das summum imperium verfügte und damit allen anderen Amtsträgern übergeordnet war. Einzig die Volkstribunen besaßen eine vergleichbare, als sakrosankt geltende Stellung. Das Tribunat war ursprünglich als Schutzinstrument der Plebejer gegen die Willkür der Patrizier entstanden; die Volkstribunen besaßen das Recht, per Veto Entscheidungen anderer Magistrate und selbst des Senats aufzuheben.
Das kultische Element spielte im öffentlichen Leben Roms eine gewichtige Rolle. Priester, Auguren und andere religiöse Amtsträger übten durch ihre rituellen Funktionen Einfluss auf die staatlichen Entscheidungsprozesse aus. Vorzeichen und Auspizien konnten politische Vorhaben legitimieren oder blockieren, was ihnen im politischen Kalkül der Zeit einen realen Stellenwert verschaffte. Die Trennung zwischen religiöser und staatlicher Sphäre, wie sie modernen Demokratien eigen ist, war der Römischen Republik fremd.
Die Ausdehnung der Republik geschah zunächst durch die Einigung der Apenninhalbinsel unter römischer Führung und dann durch die Punischen Kriege gegen Karthago, die Rom im 3. und 2. Jahrhundert vor Christus in eine Weltmacht verwandelten. Die Einbeziehung immer größerer Gebiete und Bevölkerungen in den römischen Herrschaftsbereich schuf jedoch Spannungen, die das republikanische System zunehmend überforderten. Heer und Provinzen wurden zu Machtbasen einzelner Feldherren, die mit ihren Legionen mehr Loyalität verbanden als mit dem Senat.
Das 1. Jahrhundert vor Christus war eine Epoche permanenter Bürgerkriege und Putschversuche. Sulla, Caesar, Pompeius, Crassus und später Mark Anton und Octavian stürzten die Republik von Krise zu Krise. Die Ermordung Caesars am 15. März 44 vor Christus, die seine Mörder als Befreiungsakt für die Republik feierten, löste einen weiteren Bürgerkrieg aus. Am Ende stand Octavian als alleiniger Sieger. Mit der Einrichtung des Prinzipats am 13. Januar 27 vor Christus und der Annahme des Ehrennamens Augustus beendete er die Republik formal, während er äußerlich ihre Institutionen bewahrte.
Das Erbe der Römischen Republik ist schwerlich zu überschätzen. Das Konzept einer auf Recht und Institutionen gegründeten Gemeinschaft, die Idee der Gewaltenteilung durch Kollegialität, das Rechtsprinzip und die lateinische Sprache als Trägerin des römischen Rechts haben die westliche Zivilisation bis in die Gegenwart geprägt. Moderne Demokratien haben bewusst auf die republikanischen Ideale Roms zurückgegriffen. Schon die Gründerväter der Vereinigten Staaten und die Architekten der Französischen Revolution sahen sich in der Tradition der res publica.
