Während der Erste Weltkrieg in seinen letzten Zügen lag, breitete sich eine Katastrophe anderer Art über die Welt aus. Die Spanische Grippe, verursacht durch einen außergewöhnlich virulenten Abkömmling des Influenzavirus vom Subtyp A/H1N1, wütete zwischen 1918 und 1920 in drei verheerenden Wellen und forderte bei einer Weltbevölkerung von rund 1,8 Milliarden Menschen nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation zwischen 20 und 50 Millionen Todesopfer. Manche Schätzungen reichen sogar bis zu 100 Millionen. In jedem Fall starben an der Spanischen Grippe mehr Menschen als im Ersten Weltkrieg durch Kriegshandlungen, bei dem etwa 17 Millionen Todesopfer zu beklagen waren.
Die Zahlen sind erschütternd. Insgesamt sollen rund 500 Millionen Menschen infiziert worden sein, was einer Sterblichkeitsrate von 5 bis 10 Prozent entspricht und damit dramatisch höher lag als bei gewöhnlichen saisonalen Grippewellen. Besonders rätselhaft war das Muster der Opfer: Während Grippeviren typischerweise vor allem Kleinkinder und ältere Menschen gefährden, raffte die Spanische Grippe vorwiegend junge Erwachsene im Alter zwischen 20 und 40 Jahren dahin. Als Erklärung wird heute ein sogenanntes Zytokinsturm-Phänomen diskutiert, bei dem das kräftige Immunsystem junger Erwachsener überreagiert und den Körper selbst schädigt.
Der Name „Spanische Grippe" ist in mehrfacher Hinsicht irreführend. Spanien war nicht der Ursprung der Pandemie, sondern wurde als neutrales Land im Ersten Weltkrieg zum Namensgeber, weil dort die Pressezensur vergleichsweise liberal war. Während die kriegführenden Mächte Berichte über das Ausmaß der Seuche unterdrückten, um die Moral nicht zu gefährden, berichteten spanische Zeitungen offen darüber. Als die Nachrichtenagentur Reuters am 27. Mai 1918 meldete, dass der spanische König Alfons XIII. erkrankt sei, hatte das Ausland bereits das Bild der Spanier als besonders schwer betroffene Nation. Am 29. Juni 1918 verkündete der spanische Gesundheitsdirektor Martín Salazar, ihm lägen keine Berichte über eine vergleichbare Krankheit im übrigen Europa vor, was die internationale Presse als weiteren Beleg für die besondere „Spanischheit" der Seuche interpretierte.
In Spanien selbst nannte man die Krankheit zunächst nicht Spanische Grippe, sondern „Soldado de Nápoles", zu Deutsch Soldat von Neapel. Der Name bezog sich auf ein Lied dieses Titels aus der Zarzuela La canción del olvido von Komponist José Serrano Simeón, das am 1. März 1918 in Madrid uraufgeführt worden war und sich in kürzester Zeit mit einer ähnlich schwindelerregenden Geschwindigkeit verbreitete wie wenig später die Grippe selbst. Spanische Beobachter vermuteten zu Recht, dass der Erreger aus Frankreich eingeschleppt worden war, da im Winter 1917/18 rund 24.000 Spanier in Frankreich arbeiteten, von denen bis zum Ausbruch der Epidemie 9.000 zurückgekehrt waren.
Die meisten Wissenschaftler nehmen heute an, dass die Pandemie ihren Ursprung in den Vereinigten Staaten hatte. Im Jahr 1918 befand sich Amerika in einem massiven militärischen Aufrüstungsprozess. In Ausbildungslagern wie Fort Riley im Bundesstaat Kansas wurden Zehntausende Soldaten auf den Kriegseintritt vorbereitet. In Fort Riley allein waren 50.000 Mann stationiert. Dort wurde am 4. März 1918 ein erster Soldat mit Fieber auf die Krankenstation eingeliefert. Binnen weniger Stunden erkrankten mehr als hundert weitere Soldaten mit ähnlichen Symptomen. In den darauffolgenden Wochen stiegen die Fallzahlen weiter an. Als im April weitere amerikanische Truppenverbände nach Europa einschifften, brachten sie das Virus mit über den Atlantik.
Das ursprüngliche Erregerreservoir des Virus bildeten Wasservögel, möglicherweise in Rekombination mit Gensegmenten aus Schweine-Influenzaviren. Die Pandemie verlief in drei Wellen. Die erste Welle im Frühjahr 1918 war noch relativ milde. Die zweite Welle im Herbst und Winter 1918/19 war bei weitem die tödlichste. Die dritte Welle im Winter 1919/20 war erneut weniger virulent. Zwischen den Wellen schien die Seuche abzuflauen, um dann mit erneutem tödlichem Schwung wiederzukehren.
Das Erbe der Spanischen Grippe reicht weit in die Geschichte der späteren Influenzapandemien. Varianten des Subtyps A/H1N1 verursachten 1977/78 den Ausbruch der Russischen Grippe und 2009 die sogenannte Schweinegrippe-Pandemie. Die Asiatische Grippe von 1957 und die Hongkong-Grippe von 1968 beruhten zwar auf anderen Subtypen, doch der überwiegende Teil ihrer internen Gene stammt vom Virus der Spanischen Grippe, weshalb diese Pandemie noch 2006 als „Mutter aller Pandemien" bezeichnet wurde. Diese genetische Kontinuität zeigt, wie tief der Erreger von 1918 in der Geschichte der Influenzaviren verwurzelt ist.
Die Spanische Grippe hinterließ tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis, auch wenn sie in der Erinnerungskultur des 20. Jahrhunderts lange im Schatten des Ersten Weltkriegs stand. Ganze Familien wurden ausgelöscht, Dörfer entvölkert. Die Krise offenbarte dramatische Defizite in der öffentlichen Gesundheitsversorgung und im internationalen Informationsaustausch. Politische Maßnahmen wie Quarantäne, das Schließen öffentlicher Orte und das Verbot großer Versammlungen wurden damals erprobt und liefern bis heute Lernstoff für die Reaktion auf Pandemien.

