Der Holocaust ist das größte und systematisch geplante Verbrechen gegen eine Menschengruppe in der Geschichte der modernen Zeit. Als solcher bezeichnet er den Völkermord, den das nationalsozialistische Deutschland während des Zweiten Weltkriegs an den europäischen Juden verübte: Zwischen 5,6 und 6,3 Millionen Menschen, rund zwei Drittel aller damals in Europa lebenden Juden, wurden ermordet. Das Wort Holocaust leitet sich vom altgriechischen holókaustos ab, was vollständig verbrannt bedeutet, und bezeichnet ursprünglich ein vollständig auf Altären verbranntes Tieropfer. Im Hebräischen spricht man von der Shoah, der Katastrophe oder dem großen Unheil.
Die Grundlagen für dieses Verbrechen wurden über Jahre gelegt. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten unter Adolf Hitler 1933 begann ein schrittweiser Prozess der Ausgrenzung, Entrechtung und Vertreibung der Juden in Deutschland. Rassistische Gesetzgebung, beginnend mit den Nürnberger Gesetzen von 1935, degradierte jüdische Deutsche zu Bürgern zweiter Klasse, beraubte sie ihrer wirtschaftlichen Grundlage und ihres gesellschaftlichen Lebens. Die Nationalsozialisten sprachen zunächst von der Lösung der Judenfrage, womit sie die Ausgrenzung und erzwungene Auswanderung meinten.
Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs 1939 und der Besetzung großer Teile Europas durch Deutschland gerieten Millionen weiterer Juden in den Herrschaftsbereich des NS-Regimes. Die Vorstellung, alle Juden in ein bestimmtes Territorium zu konzentrieren, wurde zunächst ernsthaft verfolgt. Überlegungen zu Madagaskar oder dem Gebiet um Lublin zerschlugen sich jedoch. Die Ideen radikalisierten sich, und aus Vertreibung wurde Vernichtung.
Den endgültigen Entschluss zum Genozid fasste die nationalsozialistische Führung kurz nach Beginn des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion im Sommer 1941. Mit dem Einmarsch in die Sowjetunion setzten mobile Erschießungseinheiten, die sogenannten Einsatzgruppen der SS, ein. Sie ermordeten in den besetzten sowjetischen Gebieten in Massenschießungen Hunderttausende von Juden. Das Massaker von Babi Jar bei Kiew im September 1941, bei dem innerhalb von zwei Tagen über 33.000 Menschen erschossen wurden, steht stellvertretend für diese Phase des Massenmordes.
Ab 1942 wurden die Morde zunehmend industrialisiert. Auf der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 koordinierten hochrangige Vertreter des NS-Regimes die organisatorischen Details der Endlösung der Judenfrage. Sechs Vernichtungslager wurden im besetzten Polen errichtet: Auschwitz-Birkenau, Treblinka, Sobibor, Belzec, Chelmno und Majdanek. In diesen Lagern wurden die Opfer nach ihrer Ankunft, die meisten von ihnen aus dem gesamten besetzten Europa deportiert, unmittelbar in Gaskammern getrieben und mit Zyklon B oder Kohlenmonoxid ermordet. Das Lager Auschwitz-Birkenau, das größte dieser Vernichtungszentren, wurde nach dem Frankfurter Auschwitz-Prozess ab 1963 zum zentralen Symbol für den gesamten Holocaust.
Die SS, aber auch Teile der Wehrmacht und der deutschen Ordnungspolizei sowie Hilfskräfte aus den verbündeten Staaten und besetzten Ländern waren an der Durchführung des Genozids beteiligt. Juden wurden aus ganz Europa zusammengetrieben: aus Frankreich, den Niederlanden, Belgien, Griechenland, Italien, Ungarn, Rumänien und vielen anderen Ländern. Familien wurden auseinandergerissen. Wer nicht sofort ermordet wurde, kam als Zwangsarbeiter in die Lager, wo Hunger, Krankheit und willkürliche Gewalt herrschten.
Neben den Juden richtete sich die nationalsozialistische Vernichtungspolitik auch gegen andere Gruppen. Mehrere hunderttausend Sinti und Roma, die die Nationalsozialisten als Zigeuner und als minderwertigen Fremden betrachteten, wurden ebenfalls systematisch ermordet. Auch sowjetische Kriegsgefangene, Menschen mit Behinderungen, politische Gegner und Homosexuelle wurden Opfer des NS-Terrors. In seiner weitesten Bedeutung schließt der Begriff des Holocaust manchmal auch diese Gruppen ein.
Das Kriegsende im Mai 1945 brachte die Befreiung der noch lebenden Häftlinge. Sowjetische Truppen befreiten im Januar 1945 Auschwitz, amerikanische Truppen öffneten im April 1945 die Tore von Dachau und Buchenwald. Was die Soldaten in diesen Lagern vorfanden, war ein Bild der Verwüstung: Massengräber, lebende Skelette, Berge von Schuhen und Habseligkeiten der Ermordeten. Die Nürnberger Prozesse ab November 1945 schufen erstmals ein internationales Tribunal zur Ahndung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen.
Die Bezeichnung Holocaust begann erst nach und nach, sich als Begriff durchzusetzen. Die britische Zeitung News Chronicle verwendete das Wort bereits im Dezember 1942 für Hitlers Vernichtungsplan. In der amerikanischen Geschichtswissenschaft bürgerte es sich bis 1972 ein. Weltweit verbreitete es die Fernsehserie Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss ab 1978, auch in der Bundesrepublik Deutschland. Im Judentum und in Israel wird der Begriff Shoah bevorzugt, da das griechische Wort Holocaust aus dem religiösen Opferkult stammt und als problematisch gilt.
Der Holocaust hat das kollektive Gedächtnis der Menschheit dauerhaft geprägt. Er hat zu tiefgreifenden Veränderungen im internationalen Recht geführt, zur Entstehung des Begriffs des Genozids und zur Universellen Erklärung der Menschenrechte. In Deutschland ist die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit ein unverzichtbarer Bestandteil des nationalen Selbstverständnisses. Der Internationale Holocaust-Gedenktag wird weltweit am 27. Januar begangen, dem Tag der Befreiung von Auschwitz. Das Erinnern gilt als moralische Verpflichtung, damit ein solches Verbrechen nie wieder geschieht.