London im Sommer des Jahres 1666 war eine der größten und geschäftigsten Städte der westlichen Welt. Mit geschätzten 300.000 bis 400.000 Einwohnern überragte es alle anderen britischen Städte bei weitem und zählte zur dritten Metropole in Westeuropa. Die Stadt war eng und organisch gewachsen, ein Gewirr aus Holzhäusern, engen Gassen und alten mittelalterlichen Strukturen, die noch immer der ursprünglichen Anlage der römischen Stadtmauer folgten. John Evelyn hatte London 1659 treffend als eine hölzerne, nördliche und ungeplante Ansammlung von Häusern beschrieben. Was das Leben in ihr lebendig machte, machte sie auch verletzlich.
Einige Monate zuvor hatte die Große Pest London heimgesucht und Zehntausende das Leben gekostet. Die Stadt stand unter dem Druck einer doppelten Bedrohung, als kurz nach Mitternacht in der Nacht zum 2. September 1666, in einer Bäckerei in der Pudding Lane, ein Feuer ausbrach. Der Bäcker Thomas Farriner hatte offenbar vergessen, seinen Ofen ausreichend zu löschen. Der Wind fachte die Glut an, und bald standen die benachbarten Holzhäuser in Flammen.
Die Reaktion des Lord Mayor, Sir Thomas Bloodworth, war zunächst verheerend zögerlich. Als er in der Nacht zum Brandort gerufen wurde und das Feuer begutachtete, soll er es mit dem berühmten Satz abgetan haben, eine Frau könnte es auspische. Er kehrte zu seinem Bett zurück. Diese fatale Unterschätzung kostete wertvolle Stunden, in denen man durch rechtzeitiges Abreißen von Häusern hätte Brandschneisen anlegen und das Feuer eindämmen können.
Am Sonntagabend, als schließlich großangelegte Abrissarbeiten angeordnet wurden, hatte der anhaltend starke Ostwind das Feuer längst zu einem Feuersturm angefacht, der solche Maßnahmen zunichtemachte. Am Montag fraß sich das Feuer nach Norden und weiter ins Herz der Stadt. Die Ordnung auf den Straßen brach zusammen. Gerüchte kursierten, dass verdächtige Ausländer Brände gelegt hätten, und die Ängste einer obdachlos gewordenen Bevölkerung richteten sich vor allem gegen Franzosen und Niederländer, die als Feinde Englands im seit 1665 andauernden Zweiten Englisch-Niederländischen Krieg galten. Große Einwanderergruppen wurden Opfer von Straßengewalt.
Am Dienstag hatte das Feuer beinahe die gesamte Stadt erfasst. Die ehrwürdige St. Paul's Cathedral, das beherrschende Wahrzeichen der Skyline, stand in Flammen und stürzte ein. Das Feuer sprang sogar über den River Fleet hinweg und bedrohte den Hof von König Karl II. im Whitehall Palace. Der König selbst griff persönlich in die Brandbekämpfung ein und ritt mit seinem Bruder, dem Herzog von York, an die Fronten des Feuers, um die Löscharbeiten zu koordinieren und die Moral der Bevölkerung zu stärken.
Der Wendepunkt kam durch zwei Faktoren zusammen. Einerseits ließ der starke Ostwind nach, der das Feuer so lange genährt und vorangetrieben hatte. Andererseits schuf die Garnison des Tower of London durch den gezielten Einsatz von Schießpulver wirksame Brandschneisen, die eine weitere Ausbreitung nach Osten verhinderten. In der Nacht zum Mittwoch, dem 5. September 1666, erlosch das Feuer schließlich.
Die Bilanz war verheerend. Die mittelalterliche City of London innerhalb der alten römischen Stadtmauer war vollständig zerstört. Über 13.000 Häuser waren vernichtet, dazu 87 Pfarrkirchen und zahllose öffentliche Gebäude. Etwa 100.000 Menschen hatten ihr Obdach verloren. Die Zahl der durch das Feuer unmittelbar getöteten Menschen wird allgemein als relativ gering eingeschätzt, obwohl manche Historiker diese Annahme in Frage stellen und darauf hinweisen, dass Arme und Mittelloser in den historischen Aufzeichnungen kaum Erwähnung fanden.
Die sozialen und wirtschaftlichen Folgen für die Stadt waren überwältigend. Karl II. förderte aktiv den Wegzug der Obdachlosen und ihre Ansiedlung an anderen Orten, da er eine Rebellion der besitzlos gewordenen Massen fürchtete. Radikale Vorschläge für den Wiederaufbau kamen von Persönlichkeiten wie dem Architekten Christopher Wren und dem Stadtplaner John Evelyn, die für ein modernes, nach geometrischen Prinzipien angelegtes London plädierten.
Letztlich wurde London jedoch im Wesentlichen entlang der alten mittelalterlichen Straßenverläufe wieder aufgebaut, die bis heute das Stadtbild prägen. Der Wiederaufbau vollzog sich aber nun überwiegend in Stein und Ziegel statt in Holz, was die Stadt langfristig widerstandsfähiger machte. Die neuen Kirchen, darunter die prächtige neue St. Paul's Cathedral nach Entwürfen von Christopher Wren, prägten das Stadtbild für Jahrhunderte.
Als Mahnmal an das Feuer wurde 1677 das Monument to the Great Fire of London eingeweiht, eine dorische Säule, deren Höhe von 62 Metern der Entfernung zu ihrem Standort von der Bäckerei in der Pudding Lane entspricht. Der Große Brand von London steht heute als einschneidendes Ereignis in der Stadtgeschichte, das zwar unermesslichen Schaden anrichtete, aber zugleich den Anstoß für eine grundlegende Erneuerung der englischen Hauptstadt gab und ihren Übergang in die Neuzeit markierte.
