tragedias

Erdbeben von Lissabon 1755

Erdbeben in Lissabon in Portugal

4 min01/01/2024
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Am frühen Morgen des 1. November 1755, einem Allerheiligentag, als die Gläubigen Lissabons sich auf dem Weg in die Kirchen befanden, erschütterte ein gewaltiges Erdbeben die portugiesische Hauptstadt. Um 9:40 Uhr begannen die Erde zu erzittern und die Gebäude zu schwanken. Das Beben dauerte nach Augenzeugenberichten drei bis sechs Minuten, riss dabei meterbreite Spalten in den Boden und verwandelte das prächtige Stadtzentrum in Trümmer. Es sollte das Auftakt einer dreigliedrigen Katastrophe werden, die Lissabon fast vollständig auslöschte.

Das Beben wird heute auf eine Stärke von etwa 8,5 bis 9 auf der Momenten-Magnituden-Skala geschätzt. Das Epizentrum wird im Atlantik, ungefähr 200 Kilometer südwestlich des Cabo de São Vicente, vermutet. Als geologische Ursache gilt die Plattentektonik der Azoren-Gibraltar-Bruchzone, an der die Afrikanische und die Eurasische Platte aufeinandertreffen. An dieser Stelle kann es zu heftigen vertikalen Bewegungen kommen, die besonders starke Tsunamis auslösen. Jüngste Untersuchungen des Meeresbodens vor Portugal deuten auf die Entstehung einer neuen Subduktionszone hin, die zu den historischen Beobachtungen passt.

Kaum hatte das erste Beben nachgelassen, brachen an zahlreichen Stellen der Stadt schwere Brände aus. Die Flammen fraßen sich durch ein Stadtbild aus engen Gassen und Holzbauten. Die Überlebenden des Erdbebens flohen in Panik in Richtung Hafen und zum Ufer des Flusses Tejo. Dort bot sich ihnen ein unheimliches Schauspiel: Das Meer war zurückgewichen und hatte einen mit Schiffswracks und verlorenen Waren bedeckten Meeresboden freigelegt, ein untrügliches Zeichen für einen bevorstehenden Tsunami. Etwa 40 Minuten nach dem Erdbeben überrollte eine gewaltige Flutwelle den Hafen und schoss den Tejo flussaufwärts, mitgerissen von zwei weiteren kleineren Wellen. Die Fluten löschten zwar die nahe dem Ufer brennenden Feuer, rissen aber gleichzeitig noch stehende Gebäude und Menschen in den Tod. Zwei Nachbeben, die jeweils etwa zwei Minuten anhielten, vollendeten die Zerstörung.

Die Bilanz war verheerend. Von den rund 275.000 Einwohnern Lissabons und der umliegenden Dörfer und Kleinstädte fielen 30.000 bis 100.000 der Katastrophe zum Opfer. Etwa 85 Prozent aller Gebäude der Stadt wurden zerstört. Unter den vernichteten Bauwerken befanden sich die berühmten königlichen Paläste und Bibliotheken, hervorragende Beispiele des manuelinischen Baustils des 16. Jahrhunderts. Der königliche Palast am Tejo-Ufer, auf der heutigen Praça do Comércio, brannte nieder, und mit ihm die staatliche Bibliothek mit über 70.000 Büchern sowie unersetzlichen Gemälden von Tizian, Rubens und Correggio. Verloren gingen auch die Aufzeichnungen von den Entdeckungsfahrten Vasco da Gamas und anderer portugiesischer Seefahrer, ein unwiederbringlicher Verlust für das kollektive Gedächtnis der Nation.

Fast alle Kirchenbauten Lissabons wurden zerstört, darunter die Kathedrale Santa Maria und die Basiliken von São Paulo, Santa Catarina, São Vicente de Fora sowie die Igreja da Misericórdia. Das erst kurz zuvor eröffnete große Opernhaus fiel den Flammen zum Opfer. Das Hospital Real de Todos os Santos verbrannte, wobei Hunderte Patienten in den Flammen umkamen. Die Statue des Nationalhelden Nuno Álvares Pereira ging ebenfalls verloren. Verschont blieb hingegen das historische Altstadtviertel Alfama und große Teile der Oberstadt. Bis heute stehen im Zentrum Lissabons die Überreste des Convento do Carmo, die man beim Wiederaufbau bewusst in ihrem ruinösen Zustand beließ, als steinernes Mahnmal der Katastrophe.

Die Katastrophe beschränkte sich nicht auf Lissabon. Besonders die Algarve im Süden Portugals wurde schwer getroffen. Flutwellen von mehreren Metern Höhe verwüsteten Städte und Dörfer an der Küste. Auch in Marokko, Spanien und bis weit nach Nordafrika hinein waren die Auswirkungen zu spüren.

Die politische Reaktion auf die Katastrophe war entscheidend für den weiteren Verlauf der portugiesischen Geschichte. König Joseph I. überließ die Leitung der Wiederaufbauarbeiten weitgehend dem Staatsminister Sebastião José de Carvalho e Melo, der später als Marquis von Pombal bekannt wurde. Pombal handelte schnell und entschlossen: Er ließ Tote begraben, Brände löschen und begann sofort mit der Planung einer neuen, erdbebensicheren Stadt. Die Baixa Pombalina, das neu erbaute Stadtzentrum Lissabons, ist ein frühes Beispiel städtebaulicher Planung und gilt als erste modern konzipierte Stadtanlage Europas.

Das Erdbeben hatte auch tiefgreifende intellektuelle Folgen. Es wurde zu einem zentralen Ereignis der europäischen Aufklärung und warf das Theodizeeproblem in aller Schärfe neu auf: Wie konnte ein gerechter und gütiger Gott eine solche Katastrophe zulassen, die ausgerechnet am Allerheiligentag tausende fromme Menschen tötete? Der Philosoph Voltaire verarbeitete das Ereignis in seinem berühmten Gedicht über Lissabon und später im satirischen Roman Candide. Die Naturkatastrophe gab darüber hinaus einen entscheidenden Anstoß zur Entwicklung der modernen Erdbebenforschung, da der Marquis von Pombal systematisch Fragebogen in ganz Portugal verschickte, um die Beobachtungen der Bevölkerung zu erfassen und wissenschaftlich auszuwerten.

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