Als die Lusitania am 7. Mai 1915 um die Mittagszeit vor der Südküste Irlands von einem deutschen U-Boot versenkt wurde, dauerte es weniger als 18 Minuten, bis das einst größte Schiff der Welt in den Tiefen des Atlantiks verschwand. 1.198 Menschen kamen ums Leben. Das Ereignis erschütterte die Welt und veränderte den Verlauf des Ersten Weltkriegs.
Die Geschichte der Lusitania beginnt mit einem wirtschaftlichen und militärischen Wettbewerb an der Wende zum 20. Jahrhundert. Das Vereinigte Königreich, seit Ende des 17. Jahrhunderts die führende Seemacht, sah sich der wachsenden Konkurrenz des Deutschen Reichs und der USA ausgesetzt. Das Blaue Band für die schnellste Atlantiküberquerung war seit November 1897 in deutschen Händen gewesen; zuletzt hatte es 1904 das Schiff Kaiser Wilhelm II. auf der Ostfahrt errungen. Gleichzeitig kaufte die amerikanische International Mercantile Marine Company, die auf Initiative des Bankiers J.P. Morgan entstanden war, zahlreiche Reedereien auf, darunter auch die britische White Star Line, um sich eine Monopolstellung im Transatlantikverkehr zu sichern.
Die britische Reederei Cunard Line plante als Antwort den Bau zweier außergewöhnlicher Schiffe. Da sie das Vorhaben nicht allein finanzieren konnte, wandte sie sich an die britische Regierung und bat um ein günstiges Darlehen von 2,6 Millionen Pfund Sterling bei 2,75 Prozent Zinsen und einer Laufzeit von zwanzig Jahren. Am 13. August 1903 stimmte das Unterhaus der Vergabe zu. Im gleichen Jahr unterzeichneten die Admiralität und Cunard ein geheimes Abkommen, das den Bau zweier Schiffe vorsah, die auch für militärische Zwecke genutzt werden konnten. Die Schiffe mussten eine Mindestgeschwindigkeit von 24,5 Knoten erreichen, Aufstellungsmöglichkeiten für zwölf 6-Zoll-Kanonen besitzen, und ihre Maschinenräume sollten vollständig unterhalb der Wasserlinie und durch seitliche Kohlenbunker geschützt sein.
Der Schiffskonstrukteur Leonard Peskett entwarf die Lusitania. Der Auftrag zum Bau ging an die Werft John Brown & Company in Clydebank. Das Schiff wurde ab 1907 als Royal Mail Ship auf der Atlantikroute zwischen Liverpool und New York City eingesetzt und war bis zur Indienststellung seines Schwesterschiffs Mauretania das größte Schiff der Welt. Die beiden Turbinenschiffe setzten bei Abmessungen, Antrieb und Ausstattung völlig neue Maßstäbe im Schiffbau und stellten einen bedeutenden Schritt hin zum modernen Passagierschiff dar.
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 verschärfte sich die Lage im Nordatlantik dramatisch. Deutschland erklärte die Gewässer um die britischen Inseln zur Kriegszone und kündigte an, alle feindlichen Schiffe in diesem Gebiet zu versenken. Die deutsche Botschaft in Washington schaltete sogar Zeitungsanzeigen, in denen sie Reisende warnte, britische Schiffe zu besteigen. Viele nahmen die Warnung nicht ernst.
Am 1. Mai 1915 verließ die Lusitania den Hafen von New York mit 1.959 Menschen an Bord, darunter viele US-amerikanische Staatsbürger. Das Schiff trug zudem Kriegsmaterial, dessen genaue Zusammensetzung noch immer Gegenstand historischer Debatten ist. Am 7. Mai, kurz nach Mittag, befand es sich in ruhigem Fahrwasser nahe der irischen Küste, als Kapitän Walther Schwieger mit dem deutschen U-Boot U 20 das Schiff sichtete und um 14:10 Uhr einen Torpedo abfeuerte. Eine, möglicherweise zwei Explosionen erschütterten die Lusitania. Das Schiff neigte sich sofort stark auf die Backbordseite und sank in 18 Minuten.
Von den 1.959 Personen an Bord überlebten 761. Unter den Todesopfern befanden sich 128 US-amerikanische Staatsbürger. Dieser Umstand löste in den Vereinigten Staaten einen Sturm der Entrüstung aus. Präsident Woodrow Wilson, dessen Land zu diesem Zeitpunkt noch neutral war, schickte mehrere scharfe diplomatische Noten an Berlin. Die Proteste führten tatsächlich zur vorübergehenden Einstellung des uneingeschränkten U-Boot-Kriegs durch das Deutsche Reich, bis Deutschland im Februar 1917 den uneingeschränkten U-Boot-Krieg wieder aufnahm. Diese Entscheidung war letztlich ein wesentlicher Faktor für den Eintritt der USA in den Krieg im April 1917.
Gemessen an der Zahl der Todesopfer war die Versenkung der Lusitania der größte Schiffsverlust des Ersten Weltkriegs. Der genaue Hergang sowie der tatsächliche Inhalt der Fracht blieben lange Zeit umstritten. Erst jahrzehntelange Tauchexplorationen und die Freigabe von Archivmaterial brachten mehr Klarheit. Das Wrack liegt in etwa 93 Metern Tiefe vor dem Old Head of Kinsale an der irischen Küste und ist bis heute eine viel besuchte Tauchdestination und ein stiller Zeuge jener Tragödie.
