misterios

Atlantis

Mythisches Inselreich

7 min01/01/2024
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Kein Mythos der westlichen Zivilisation hat so viele Phantasien beflügelt, so viele Bücher gefüllt und so viele Expeditionen ausgelöst wie Atlantis. Dabei geht das Ganze auf eine einzige Quelle zurück: den antiken griechischen Philosophen Platon, der zwischen 428/427 und 348/347 vor Christus lebte und das saghafte Inselreich in der Mitte des 4. Jahrhunderts vor Christus in zwei seiner Dialoge einfließen ließ.

Platon beschreibt Atlantis in den um 360 vor Christus verfassten Dialogen Timaios und Kritias – letzterer blieb unvollendet. Nach dieser Schilderung war Atlantis eine mächtige Seemacht, deren Hauptinsel jenseits der Säulen des Herakles – des heutigen Gibraltar – lag. Von dort aus hatte das Reich große Teile Europas und Afrikas unterworfen. Nach einem gescheiterten Angriff auf Athen sei Atlantis schließlich um 9600 vor Christus infolge einer Naturkatastrophe "innerhalb eines einzigen Tages und einer unglückseligen Nacht" im Meer versunken.

Die Art, wie Platon die Geschichte einbettet, ist charakteristisch für seine literarische Methode. In der Rahmenhandlung berichtet Kritias, ein Gesprächspartner des Sokrates, von einer Geschichte, die er als Kind von seinem Großvater gehört hatte. Der Großvater wiederum hatte sie von dem berühmten athenischen Gesetzgeber Solon, der die Nachricht aus Ägypten mitgebracht haben soll. Dort habe er in der Stadt Sais von einem Priester der Göttin Neith aus geheiligten Schriften davon erfahren. An mehreren Stellen der Erzählung lässt Platon seinen Kritias betonen, die Geschichte sei keine Erfindung, sondern habe sich tatsächlich so zugetragen.

Ob das eine literarische Strategie Platons ist, um seiner philosophischen Fiktion mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen, oder ob tatsächlich eine mündliche Überlieferung dahintersteht, wird bis heute diskutiert. Althistoriker und Philologen gehen nahezu einhellig davon aus, dass Atlantis eine Erfindung Platons ist, die durch zeitgenössische historische Ereignisse und Erzählungen inspiriert wurde – möglicherweise durch die Erinnerung an den minoischen Vulkanausbruch auf Thera um 1600 vor Christus oder durch den Untergang verschiedener Kulturen im östlichen Mittelmeer. Platon nutzte den Mythos, um eine in seinem Hauptwerk Politeia entworfene Staatstheorie in dramatischer Form zu illustrieren: Atlantis repräsentiert den korrupten, machtgierigen Staat, der scheitert, während das bescheidene, tugendhafte Athen widersteht.

Bereits in der Antike war die Existenz von Atlantis umstritten. Während Autoren wie Plinius der Ältere die Möglichkeit bestritten, hielten andere – darunter Krantor, Poseidonios und Strabon – eine reale Grundlage für denkbar. Erste Parodien des Themas entstanden ebenfalls schon in der Antike, ein Zeichen dafür, dass der Stoff sowohl ernst genommen als auch belächelt wurde. Im lateinischen Mittelalter geriet der Mythos weitgehend in Vergessenheit, bis er in der Renaissance wiederentdeckt wurde, als europäische Gelehrte wieder Griechisch lesen konnten.

Die Renaissancefassung des Atlantis-Mythos entfachte neue Imaginationen. Der englische Staatsmann und Philosoph Francis Bacon entwarf 1627 in seiner Nova Atlantis eine utopische Inselgesellschaft, die auf den Grundsätzen rationaler Wissenschaft und Technik beruht. Diese Verbindung von Atlantis mit der Idee einer technologisch hochentwickelten Zivilisation sollte Generationen späterer Autoren prägen.

Mit dem 19. Jahrhundert nahm die Atlantis-Spekulation eine neue Qualität an. Der amerikanische Politiker und Schriftsteller Ignatius Donnelly veröffentlichte 1882 das Buch "Atlantis: The Antediluvian World", das zu einem Bestseller wurde und den Mythos mit zahlreichen Pseudowissenschaften verband. Seitdem haben Hunderte von Autoren versucht, Atlantis zu lokalisieren: im Atlantischen Ozean, im Mittelmeer, vor der spanischen Küste, auf den Kanarischen Inseln, in Irland, in Schweden, in der Antarktis – fast jede Region der Erde wurde irgendwann als möglicher Fundort vorgeschlagen.

Keine dieser Lokalisierungshypothesen hat einer ernsthaften wissenschaftlichen Prüfung standgehalten. Das Fehlen jeglicher archäologischer oder geologischer Evidenz für eine versunkene Hochzivilisation der von Platon beschriebenen Art hat die überwiegende Mehrheit der Wissenschaftler zu dem Schluss geführt, dass Atlantis niemals existierte. Gleichwohl hat der Mythos eine kulturelle Wirkungsmacht entfaltet, die weit über historische Fragen hinausgeht: Er spiegelt die zeitlose menschliche Faszination für verlorene Paradiese, für Zivilisationen, die einst groß waren und untergingen, und für die Möglichkeit, dass unter dem Boden der Meere noch unentdeckte Geheimnisse schlummern.

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