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Turiner Grabtuch

Acheiropoieton

7 min01/01/2024
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In der Grabtuchkapelle des Turiner Doms, einem eleganten Barockbau aus dem späten 17. Jahrhundert, verwahrt die katholische Kirche eines der rätselhaftesten Objekte der Menschheitsgeschichte: das Turiner Grabtuch. Das Leinentuch misst 4,36 Meter in der Länge und 1,10 Meter in der Breite und zeigt auf seiner Oberfläche ein blasses, schwer zu deutendes Abbild eines menschlichen Körpers, sowohl von der Vorder- als auch von der Rückseite. Für Millionen von Gläubigen ist es das Leichentuch Jesu Christi, jenes Tuch, in das der Körper des Gekreuzigten vor seiner Grablegung eingewickelt wurde. Für Wissenschaftler hingegen ist es ein faszinierendes, aber höchst umstrittenes Artefakt, dessen Ursprung bis heute nicht abschließend geklärt ist.

Die ältesten unumstrittenen schriftlichen Quellen, die das Tuch erwähnen, reichen bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts zurück. Im Jahr 1353 erhielt der französische Ritter Geoffroy de Charny vom französischen König Johann II. dem Guten den Auftrag, in Lirey bei Troyes in der Champagne eine Stiftskirche zu erbauen. In dieser Kirche wurde das Grabtuch im Jahr 1357 erstmals öffentlich ausgestellt, was durch ein erhaltenes Pilgermedaillon aus jener Zeit dokumentiert ist. Von Anfang an zog das Tuch große Scharen von Gläubigen an, die in ihm eine direkte Verbindung zur Passion Christi sahen.

Die Authentizität des Tuches war jedoch schon kurz nach seiner ersten öffentlichen Präsentation Gegenstand heftiger Kontroversen. Der damalige Bischof von Troyes, Pierre d'Arcis, wandte sich im Jahr 1389 in einem Beschwerdebrief an den Gegenpapst Clemens VII. und erhob schwere Vorwürfe gegen die Kirche in Lirey. Darin beschuldigte er die Verantwortlichen, sie hätten „fälschlich und betrügerisch, in verzehrender Habgier und nicht aus dem Motiv der Hingabe, sondern nur aus Gewinnabsicht" ein „listig gemaltes bestimmtes Tuch" erworben, auf dem die Vorder- und Rückansicht eines Mannes dargestellt sei und das man fälschlicherweise als das echte Grabtuch Christi ausgebe. Dieser frühe Einspruch eines kirchlichen Würdenträgers sollte das Tuch durch die Jahrhunderte begleiten.

Infolge der Bedrohung durch marodierende Söldnerbanden wurde das Tuch 1418 von Kanonikern in eine Kapelle nach Saint-Hippolyte in Sicherheit gebracht, wo es für 34 Jahre verblieb. Im Jahr 1453 gelangte es durch Margaret de Charny, die Witwe des verstorbenen Grafen Humbert aus dem Haus Faucogney, in den Besitz des Hauses Savoyen, einer der mächtigsten Adelsdynastien Europas. Unter savoyischer Obhut wurde das Tuch auf Reisen mitgeführt und an verschiedenen Orten ausgestellt. Einmal jährlich wurde es an einem Ort namens „le Clos Pascal" den Gläubigen zur Verehrung gezeigt.

Im späten 19. Jahrhundert erlebte das Interesse am Turiner Grabtuch eine dramatische Wiederbelebung. Als 1898 erstmals fotografische Negative des Tuches angefertigt wurden, zeigte sich etwas Verblüffendes: Das Negativ des Fotos offenbarte ein plastisches, dreidimensional wirkendes Abbild eines menschlichen Antlitzes von außerordentlich eindringlicher Wirkung. Dieses Ergebnis überraschte sogar den Fotografen selbst und löste eine Welle des religiösen Enthusiasmus und wissenschaftlichen Interesses aus, die bis heute anhält. Das Tuch wurde zu einem der am intensivsten untersuchten archäologischen Objekte der Welt.

Besonders bedeutsam waren die Radiokohlenstoffdatierungen, die im Jahr 1988 unabhängig voneinander in drei renommierten Laboratorien durchgeführt wurden. Die Ergebnisse dieser Untersuchungen verwiesen auf das Mittelalter als Entstehungszeit des Tuches und legten einen Ursprung zwischen dem späten 13. und der Mitte des 14. Jahrhunderts nahe. Diese Befunde stimmten zeitlich bemerkenswert gut mit der ersten dokumentierten Erwähnung des Tuches im Jahr 1357 überein. Befürworter der Echtheit kritisierten die Datierungen jedoch und argumentierten unter anderem, die untersuchten Gewebeproben seien durch spätere Reparaturen oder Verunreinigungen verfälscht worden.

Aus dem 14. Jahrhundert sind zudem weitere kunstgewerblich gestaltete Grabtücher bekannt, ebenso die Technik der Leinenmalerei mit Temperafarbe, die Abbildungen mit ungewöhnlichen, transparenten Eigenschaften erzeugte. Diese historischen Parallelen stärken die Interpretation des Grabtuchs als mittelalterliches Kunstwerk. Die Debatte dreht sich jedoch weiterhin auch um medizinische und forensische Aspekte: Wundmale, Blutspuren und die Anordnung der Verletzungen auf dem Tuch werden von manchen Forschern als authentische Spuren einer Kreuzigung gedeutet.

Das Haus Savoyen bewahrte das Tuch Jahrhunderte lang. Im Jahr 1983 wurde es schließlich dem Heiligen Stuhl übereignet und kam damit offiziell in den Besitz der katholischen Kirche. Die Kirche selbst stuft das Tuch nicht als Reliquie im strengen Sinne ein, also nicht als einen materiellen Überrest des Körpers Christi, sondern als Ikone, als bedeutsames religiöses Bild. Dennoch wird es von zahlreichen Gläubigen als echtes Leichentuch Christi verehrt. Seit mehreren Jahrzehnten wird das Tuch nur zu besonderen Anlässen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Das Turiner Grabtuch bleibt damit ein Objekt, das wissenschaftliche Nüchternheit und tiefe religiöse Empfindung in eine schwer auflösbare Spannung versetzt. Es ist gleichzeitig ein Gegenstand der Verehrung, ein Forschungsobjekt und ein kulturelles Symbol für die Fragen, die an der Grenze zwischen Glauben und empirischer Erkenntnis stehen. Seine Geschichte spiegelt die komplexe Beziehung zwischen Religion, Kunst und Wissenschaft wider, die das christliche Abendland seit Jahrhunderten prägt.

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