misterios

Nazca-Linien

Scharrbilder bei Nazca und Palpa in Peru

6 min01/01/2024
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In der peruanischen Küstenwüste, zwischen den Städten Nazca und Palpa, liegen über einer Fläche von 500 Quadratkilometern Hunderte von riesigen Zeichnungen im Erdreich, die die Menschheitsgeschichte vor ein Rätsel gestellt haben, das erst langsam eine Auflösung findet. Die Nazca-Linien – manchmal auch Nasca-Linien geschrieben – bestehen aus schnurgeraden Linien von bis zu 20 Kilometern Länge, aus Dreiecken, Trapezen und aus Figuren mit Ausmaßen von zehn bis zu mehreren hundert Metern: Affen, Vögel, Wale, und menschenähnliche Gestalten.

Das Verblüffendste an diesen Geoglyphen ist, dass sie nur aus großer Höhe – von umliegenden Hügeln oder, in ihrer vollen Größe, aus einem Flugzeug – als zusammenhängende Bilder erkennbar sind. Aus der Nähe betrachtet sind sie kaum mehr als flache Furchen im Wüstenboden, oft nur wenige Zentimeter tief. Entstanden sind sie durch das Entfernen der oberen, von einem rostroten Gemisch aus Eisen- und Manganoxiden überzogenen Gesteinsschicht – dem sogenannten Wüstenlack –, wodurch das darunter liegende hellere Sediment als beigefarbene Linien zum Vorschein kam. Teilweise wurden Linien auch durch aufgehäufte Steine aus der Umgebung markiert.

Der spanische Konquistador Pedro de Cieza de León erwähnte die Nazca-Linien bereits in seiner Chronik von Peru aus dem Jahr 1553, deutete sie jedoch irrtümlich als Wegmarkierungen. Auch der spanische Verwaltungsbeamte Luis Monzón, der sie 1586 beschrieb, hielt sie für Überreste alter Straßen. Die Vollständigkeit der Figuren blieb bis in das 20. Jahrhundert unbemerkt, weil die nötige Vogelperspektive fehlte.

Erst in den 1920er oder spätestens in den 1930er Jahren, als Flugzeuge die Nazca-Wüste regelmäßig überflogen, wurden die Geoglyphen in ihrer ganzen Ausdehnung wahrgenommen. Zunächst lösten die Beobachtungen von Piloten und Passagieren keine systematischen Nachforschungen aus. Im Jahr 1926 erforschte der Anthropologe Alfred Kroeber bei einer Peru-Expedition vor allem die Keramik der Nazca-Kultur; er bemerkte auch einige Bodenlinien und dokumentierte sie. Seine Texte, Fotografien und Zeichnungen wurden jedoch erst 1998 veröffentlicht. Ungefähr zur selben Zeit entdeckte der peruanische Archäologe Toribio Mejía Xesspe bei Wanderungen durch die umliegenden Hügel gerade Linien, Zickzacklinien und Trapezoide und interpretierte sie 1939 bei einer Konferenz in Lima als Straßen mit religiöser Bedeutung.

Der Historiker Paul Kosok von der Long Island University in Brooklyn kam 1940 nach Peru, um ursprünglich antike Bewässerungssysteme zu untersuchen. Er erkannte schnell, dass die Linien dafür nicht in Frage kamen, und wurde zum ersten Wissenschaftler, der sie einer breiteren internationalen Öffentlichkeit bekannt machte. Kosok übergab seine Erkenntnisse der deutschen Mathematikerin Maria Reiche, die ihr Leben der Erforschung und dem Schutz der Geoglyphen widmete und zur bekanntesten Fürsprecherin Nazcas wurde.

Über Jahrzehnte wurden die Nazca-Linien mit immer neuen Theorien erklärt: astronomisches Observatorium, Kultwege, Landebahnen für außerirdische Raumschiffe – letztere Idee populär gemacht durch Erich von Däniken in den 1960er Jahren, von der Wissenschaft jedoch nie ernst genommen. Eine systematische Erkundung und Vermessung, kombiniert mit archäologischen Grabungen zwischen 2004 und 2009, brachte weitaus nüchternere, aber überzeugende Erkenntnisse: Es handelt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Gestaltungen im Rahmen von Fruchtbarkeitsritualen, die zwischen 800 vor Christus und 600 nach Christus angelegt und durch periodische Klimaschwankungen veranlasst wurden.

Als Urheber der ältesten Figuren gilt die Paracas-Kultur, die von 800 bis 200 vor Christus blühte. Die jüngeren Geoglyphen wurden von der Nazca-Kultur zwischen 200 vor Christus und 600 nach Christus geschaffen. Die Schöpfer dieser Bilder lebten in den Tälern des Río Nazca, des Río Palpa und des Río Ingenio. Die nahe gelegene Pyramidenstadt Cahuachi gilt als religiöses Zentrum der Nazca-Kultur. Italienische Forscher um Rosa Lasaponara vermuten, dass ein System unterirdischer Wasserkanäle mit trichterförmigen Zugängen, sogenannte puquios, die Besiedlung der trockenen Region über so lange Zeit ermöglichte.

Die außergewöhnlichen Erhaltungsbedingungen der Wüste – kaum Regen, nahezu kein Wind, wenig menschliche Siedlungstätigkeit über Jahrhunderte – haben die Linien bis in die Gegenwart bewahrt. Heute gelten sie als UNESCO-Welterbe und sind durch strenge Schutzmaßnahmen gesichert, nachdem Straßenbau und in jüngerer Zeit Umweltaktivisten mit Traktoren Teile der Anlage beschädigt haben. Die Nazca-Linien bleiben eines der eindrucksvollsten Zeugnisse für die Kreativität und die religiöse Vorstellungskraft der vorkolumbianischen Kulturen Südamerikas.

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