misterios

Voynich-Manuskript

Schriftstück in einer bislang unbekannten Schrift und Sprache

6 min01/01/2024
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Unter den rätselhaftesten Objekten, die die Geschichte der Menschheit hinterlassen hat, nimmt das Voynich-Manuskript einen besonderen Platz ein. Benannt nach Wilfrid Michael Voynich, einem polnisch-britischen Antiquar, der es im Jahr 1912 erwarb, handelt es sich um ein handschriftliches mittelalterliches Dokument, das in einer bis heute nicht entzifferten Schrift verfasst ist. Seit 1969 wird es unter der Signatur MS 408 in der Beinecke Rare Book and Manuscript Library der Yale University in New Haven, Connecticut, aufbewahrt.

Das Manuskript besteht aus rund 240 Pergamentseiten, von denen einige fehlen oder herausgetrennt wurden. Seine Illustrationen – botanische, anatomische und astronomische Darstellungen sowie Szenen mit badenden Figuren – sind mit Sorgfalt gezeichnet und lassen eine klare Struktur erkennen. Gleichzeitig bleibt ihr Inhalt im Dunkeln, da der dazugehörige Text nach wie vor jeder Entschlüsselung widersteht.

Die Datierung des Manuskripts ist durch Radiokarbon-Analysen vergleichsweise gut gesichert. Erst 2009 wurden an Instituten in Chicago und Arizona kleinste Proben von vier verschiedenen Seiten untersucht, und das Ergebnis war überraschend präzise: Das verwendete Pergament stammt mit hoher Wahrscheinlichkeit aus dem Zeitraum zwischen 1404 und 1438. Experten des McCrone-Forschungsinstitutes stellten zudem fest, dass die Zusammensetzung der verwendeten Farben für jene Zeit typisch ist. Auf der Grundlage von Details in den Illustrationen – insbesondere der Kleidung und der Haartracht der dargestellten Figuren sowie der charakteristischen Schwalbenschwanzzinnen – datieren die meisten Fachleute die Entstehung des Manuskripts auf den Zeitraum zwischen 1450 und 1520 und vermuten eine Entstehung in Norditalien, wo diese Zinnenform in jener Zeit vor allem belegt ist.

Die Überlieferungsgeschichte des Manuskripts ist ebenso lückenhaft wie faszinierend. Aus einem kaum leserlichen Namenszug auf der ersten Seite lässt sich schließen, dass der böhmische Hofpharmazeut Jakub Horčický z Tepence – latinisiert Jacobus Sinapius – das Manuskript zeitweise in Händen hatte oder besaß. Da er seinen Adelstitel erst ab 1608 trug, muss dieser Eintrag nach diesem Jahr entstanden sein. Ein mit dem Manuskript gefundener Brief des böhmischen Gelehrten Johannes Marcus Marci berichtet, dass Kaiser Rudolf II. des Heiligen Römischen Reiches das Manuskript für die damals außerordentlich hohe Summe von 600 Dukaten von einem unbekannten Händler erworben haben soll. Entweder war Horčický dieser Händler, oder – was wahrscheinlicher gilt – Rudolf II. hatte ihm das Manuskript zur Analyse anvertraut, da er als erfolgreicher Chemiker und Pharmazeut bekannt war. Eine in den Akten der kaiserlichen Hofkammer vermerkte Buchtransaktion in Höhe von 600 Gulden durch den Augsburger Arzt und Handschriftenhändler Carl Widemann könnte nach einer neueren Studie ebenfalls auf das Voynich-Manuskript verweisen.

Marci selbst berichtete weiterhin, Kaiser Rudolf habe geglaubt, der Autor des Manuskripts sei der englische Franziskanergelehrte Roger Bacon aus dem 13. Jahrhundert gewesen – ein Universalgelehrter, dem man übernatürliche Kenntnisse und Fähigkeiten nachsagte. Diese Zuschreibung hielt sich lange, wurde aber von der modernen Forschung verworfen, da das Pergament nachweislich aus dem 15. Jahrhundert stammt, also aus der Zeit nach Bacons Tod.

Der nächste bekannte Besitzer nach Marci war ein böhmischer Gelehrter und Alchemist namens Georg Barschius. Von ihm gelangte das Manuskript schließlich an Marci selbst, der es 1666 an den Jesuitengelehrten Athanasius Kircher nach Rom schickte, in der Hoffnung, dieser könne den Text entziffern. Kircher, der für seine Sprachkenntnisse und seinen Gelehrtendrang berühmt war, scheiterte ebenfalls. Nach Kirchers Tod blieb das Manuskript in der Bibliothek des Jesuitenkollegs Villa Mondragone bei Frascati, bis Voynich es 1912 entdeckte und erwarb.

Seither haben Kryptographen, Linguisten, Historiker und Computerwissenschaftler unzählige Entschlüsselungsversuche unternommen. Das Manuskript weist statistische Eigenschaften auf, die eine sinnlose Zeichenfolge unwahrscheinlich machen – die Häufigkeitsverteilung der Schriftzeichen ähnelt der natürlicher Sprachen. Manche Forscher glauben, es handele sich um eine bisher unbekannte Sprache oder Schrift; andere vermuten eine ausgeklügelte Verschlüsselung, einen absichtlich sinnlosen Text oder gar eine elaborierte Fälschung. Jede dieser Theorien hat ihre Befürworter und Kritiker. Bis heute hat keine Entschlüsselung einer fachlichen Überprüfung standgehalten. Das Voynich-Manuskript bleibt, was es seit seiner Entdeckung war: ein Monument des Rätsels, das seinen Inhalt mit ungebrochener Hartnäckigkeit für sich behält.

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