tragedias

Nuklearkatastrophe von Tschernobyl

Nuklearunfall in der Sowjetunion (1986)

6 min01/01/2024
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In den frühen Morgenstunden des 26. April 1986 erschütterte eine Explosion den Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl, nahe der ukrainischen Stadt Prypjat. Um 01:23 Uhr Ortszeit wurde der Reaktorkern zerrissen, und eine gewaltige Menge radioaktiver Stoffe stieg in die Atmosphäre auf. Was als routinemäßiger Sicherheitstest begann, entwickelte sich zur schlimmsten Nuklearkatastrophe in der Geschichte der zivilen Kernenergienutzung und erreichte die höchste Stufe der internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse, INES 7.

Der Test selbst hatte einen harmlosen Ausgangspunkt: Die Ingenieure wollten überprüfen, ob die im Nachlauf einer Turbine erzeugte Energie ausreichen würde, um die Kühlsysteme des Reaktors bei einem Stromausfall so lange zu versorgen, bis die Notstromaggregate anliefen. Es war kein ungewöhnliches Vorhaben, aber die Umstände seiner Durchführung sollten sich als fatal erweisen. Das Personal arbeitete unter Zeitdruck, hatte Schichten gewechselt, und die Kommunikation über bekannte Konstruktionsmängel des RBMK-Reaktors war unzureichend.

Der RBMK-Reaktor, ein graphitmoderierter, wassergekühlter Siedewasser-Druckröhrenreaktor sowjetischer Bauart, war ein Gigant seiner Zeit: zwanzigmal größer als westliche Reaktoren vergleichbarer Leistung, mit einer thermischen Leistung von 3200 Megawatt ausgelegt. Die Sowjetunion hatte diesen Reaktortyp nach dem Beschluss des Obersten Sowjets von September 1966 entwickelt. Bereits 1954 hatte das Land mit dem Kernkraftwerk Obninsk den weltweit ersten Reaktor zur zivilen Stromerzeugung in Betrieb genommen, und auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 hatte Igor Kurtschatow, der Vater der sowjetischen Atombombe, weitreichende Pläne zur Versorgung des Landes mit Kernenergie vorgestellt.

Als die Bedienungsmannschaft am Abend des 25. April 1986 den Test einleitete, sank die Reaktorleistung unerwartet stark ab. Um den Reaktor überhaupt noch betreiben zu können, wurden die Steuerstäbe fast vollständig herausgezogen, was eine äußerst instabile Konfiguration erzeugte. Dabei spielte eine entscheidende Schwäche des RBMK eine tödliche Rolle: Bei niedrigen Leistungsstufen besaß er einen positiven Dampfblasenkoeffizienten, was bedeutete, dass die Reaktivität bei zunehmendem Dampfanteil im Kühlwasser anstieg, anstatt zu sinken. Das Personal hatte von dieser Eigenschaft keine hinreichende Kenntnis.

Als der Testlauf begann und die Pumpen ihre Förderleistung reduzierten, stieg der Dampfanteil schlagartig an, die Reaktivität schoss unkontrollierbar hoch. Der Versuch, den Reaktor durch das manuelle Einfahren aller Steuerstäbe abzuschalten, scheiterte an einem weiteren Konstruktionsfehler: Die Graphitspitzen an den Stabenden verstärkten die Reaktivität beim Einfahren zunächst, bevor sie sie dämpften. Innerhalb von Sekunden stieg die Leistung auf das Vielfache des Auslegungswertes. Es kam zur Kernschmelze, zu einer Dampfexplosion und zur vollständigen Zerstörung der Reaktorhalle.

Das Feuer brannte über mehrere Tage. Feuerwehrleute und Kraftwerksmitarbeiter, die in der ersten Stunde eintrafen, waren sich der Strahlenbelastung nicht bewusst. Viele erhielten in kurzer Zeit tödliche Strahlendosen. Laut offiziellen Angaben starben 31 Kraftwerksmitarbeiter und Feuerwehrleute unmittelbar an den Folgen der Explosion und der Brandbekämpfung. Die eigentliche Tragweite der Katastrophe wurde jedoch erst über Tage, Wochen und Jahre sichtbar.

Die radioaktive Wolke zog vor allem in nordöstliche Richtung und kontaminierte große Teile der Ukraine, Weißrusslands und Russlands schwer. Durch Winddrift wurden auch Gebiete Ost-, Mittel- und Nordeuropas mit radioaktivem Niederschlag belastet. Die sowjetische Führung zögerte zunächst mit der Evakuierung der rund 49.000 Einwohner der Arbeiterstadt Prypjat; erst 36 Stunden nach der Explosion wurden die Menschen in Busse verladen und fortgebracht. Die Stadt ist bis heute verlassen.

In einem Radius von 30 Kilometern um das Kernkraftwerk wurde eine Sperrzone eingerichtet, die bis heute besteht. Über den zerstörten Reaktor errichteten Tausende von sogenannten Liquidatoren noch im Jahr des Unfalls einen provisorischen Schutzmantel aus Beton und Stahl, den sogenannten Sarkophag. Diese Aufräumarbeiter, deren Gesamtzahl in die Hunderttausende ging, wurden oft ohne ausreichenden Strahlenschutz eingesetzt und bildeten später eine der am stärksten betroffenen Bevölkerungsgruppen.

Die Zahl der Todesopfer bleibt bis heute umstritten. Die Informationspolitik der Sowjetunion war auf Geheimhaltung ausgerichtet, was eine vollständige Aufklärung der Langzeitfolgen erheblich erschwerte. Das Tschernobyl-Forum der Internationalen Atomenergie-Organisation schätzte im Jahr 2005 die langfristige Gesamtzahl der Todesopfer auf etwa 4.000. Andere Schätzungen, die auch indirekte Strahlenfolgen einbeziehen, gehen von mehreren Zehntausend Toten aus.

Von 2010 bis 2019 wurde über dem alten Sarkophag eine neue, gewaltige Schutzhülle errichtet, das sogenannte New Safe Confinement. Dieser Stahlfbogen, einer der größten beweglichen Bauwerke der Welt, sollte die radioaktiven Überreste für etwa 100 Jahre sicher einschließen. Im Jahr 2025 wurde die Konstruktion jedoch durch einen Drohnenangriff im Zuge des russischen Überfalls auf die Ukraine schwer beschädigt, was die Katastrophe erneut in den Fokus der Weltöffentlichkeit rückte.

Das Erbe von Tschernobyl ist vielschichtig. Die Katastrophe beschleunigte den Verfall der Sowjetunion, da sie Misstrauen gegenüber dem Regime schürte und enorme wirtschaftliche Ressourcen band. Weltweit führte sie zu einer verschärften Sicherheitskultur in der Nuklearindustrie und zu einer breiten gesellschaftlichen Debatte über die Risiken der Atomkraft. Die Sperrzone um das Kraftwerk ist inzwischen paradoxerweise zu einem Naturschutzgebiet geworden, in dem sich die Tierwelt trotz der Kontamination erholt hat.

Die Stadt Prypjat, einst modern und voller Leben, steht als stummes Mahnmal: Verrostete Fahrgeschäfte im Vergnügungspark, verlassene Schulen mit noch aufgeschlagenen Schulheften, Wohnblöcke, durch deren Fenster die Natur dringt. Tschernobyl ist zu einem Symbol für menschliche Hybris, technisches Versagen und die Langzeitfolgen nuklearer Unfälle geworden, dessen Schatten sich bis weit ins 21. Jahrhundert erstreckt.

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