In der Geschichte Brasiliens gibt es wenige Gestalten, die so tief im kollektiven Gedächtnis verankert sind wie Tiradentes – ein Mann, der mit dem Skalpell Zähne zog, als Soldat in bescheidenen Rängen diente und schließlich als Märtyrer der Freiheit ans Rad kam. Sein bürgerlicher Name war Joaquim José da Silva Xavier, und er wurde am 12. November 1746 auf der Fazenda do Pombal im heutigen Bundesstaat Minas Gerais geboren, als Sohn einfacher Leute in einer Kolonie, die dem portugiesischen Mutterland gegenüber keine Rechte besaß.
Das frühe Leben von Joaquim war von Verlusten geprägt. Bereits 1755, als er neun Jahre alt war, starb seine Mutter, und zwei Jahre später folgte ihr sein Vater nach. Der verwaiste Junge zog mit seinem Paten nach Vila Rica, der heutigen Stadt Ouro Preto, die damals das pulsierende Zentrum des goldreichen Kapitanats Minas Gerais war. Dort wurde er von einem Lehrer aufgezogen, der gleichzeitig als Chirurg tätig war. Von ihm erlernte Joaquim das Handwerk des Zahnziehens – ein Beruf, der ihm seinen legendären Spitznamen einbrachte: Tiradentes, zu Deutsch „Zahnzieher".
Doch das Zahnziehen war nur eine seiner vielen Tätigkeiten. Er arbeitete als Rinderhirt, als Bergmann und versuchte schließlich, im Militär Fuß zu fassen. Er brachte es bis zum Rang eines Fähnrichs in einer Kompanie, die im Forte da Vigia ihren Dienst versah. Eine weitere militärische Karriere blieb ihm jedoch verwehrt, denn in der starren Ständegesellschaft der portugiesischen Kolonie zählte die soziale Herkunft mehr als persönliche Fähigkeiten. Auch ein von ihm ausgearbeitetes Projekt zur Kanalisation in Rio de Janeiro scheiterte am Widerstand portugiesischer Beamter, die innovative Vorschläge von Kolonisten nur selten gerne sahen.
In seinen Reisen zwischen Vila Rica, der Hauptstadt von Minas Gerais, und Rio de Janeiro erlebte Tiradentes hautnah, wie sehr das Kapitanat unter dem Joch der Abgaben an Portugal litt. Die goldreichen Jahre waren vorbei: In den 1760er Jahren hatten die Goldfunde stark nachgelassen, und das Land, das einst unvorstellbaren Reichtum hervorgebracht hatte, veramte zusehends. Die drückenden Steuerpflichten gegenüber Lissabon ließen eine wachsende Unzufriedenheit entstehen, die sich in den Kreisen der gebildeten und besitzenden Klassen zu einer separatistischen Bewegung verdichtete.
Diese Bewegung nannte sich Inconfidência Mineira und scharte Intellektuelle, Priester, Juristen und Offiziere um sich. Das Vorbild war klar: die kürzlich gegründeten Vereinigten Staaten von Amerika, die bewiesen hatten, dass eine Kolonie das Mutterland abschütteln konnte. Die Ziele der Verschwörung umfassten die Unabhängigkeit von Portugal und – bemerkenswert für die Zeit – die Abschaffung der Sklaverei. Tiradentes schloss sich der Gruppe an und wurde zu einem ihrer zentralen Wortführer, der das Anliegen mit Feuereifer unter einfachen Soldaten und in der Bevölkerung verbreitete.
Doch die Verschwörung wurde verraten, bevor sie zur Tat schreiten konnte. Joaquim Silvério dos Reis, ein Mitverschwörer, der selbst in Schulden steckte und sich durch Denunziation Begnadigung erhoffte, informierte die portugiesischen Behörden. Die meisten Verschwörer wurden verhaftet, vor Gericht gestellt und zu Verbannung oder anderen Strafen verurteilt. Tiradentes jedoch war der einzige aus den Reihen des einfachen Volkes, der nicht adeliger oder kirchlicher Herkunft war. Ihn traf das härteste Urteil.
Am 21. April 1792 wurde Joaquim José da Silva Xavier in Rio de Janeiro hingerichtet. Der Vicomte von Barbacena, Luís António Furtado de Castro do Rio de Mendonça e Faro, hatte angeordnet, ihn zu hängen, zu vierteilen und die Teile seines blutigen Leichnams als warnendes Beispiel in den Straßen und Dörfern der Umgebung zur Schau zu stellen. Sein abgetrennter Kopf wurde auf dem Hauptplatz von Vila Rica aufgepfählt – einem Platz, der heute seinen Namen trägt: Praça Tiradentes. Das Königshaus feierte seinen Tod mit einer Messe und einem siebentägigen Fest. Ein Dokument wurde, einer Überlieferung zufolge, mit seinem Blut geschrieben.
Die unmittelbare Reaktion der Bevölkerung war verhalten; die portugiesische Macht schien unerschütterlich. Doch dreißig Jahre nach seiner Hinrichtung erklärte Brasilien seine Unabhängigkeit, im Jahr 1822. In der republikanischen Deutung der Nachfolgezeit wurde Tiradentes als erster und bedeutendster Nationalheld verehrt. Nach dem Sturz von Kaiser Pedro II. im Jahr 1889 und der Ausrufung der Republik erklärte die neue Regierung seinen Todestag, den 21. April, zum nationalen Feiertag – einen Status, den er bis heute besitzt.
Das Erbe des Tiradentes ist vielschichtig. Er war kein General, kein Adliger, kein Intellektueller im klassischen Sinne – er war ein Mann aus einfachen Verhältnissen, der das Handwerk des Zahnziehens gelernt hatte und dem sein Glaube an Freiheit und Würde teurer war als sein Leben. Dieser Aspekt seines Wesens macht ihn in der Volksseele Brasiliens so beständig präsent: Er verkörpert den einfachen Mann, der gegen eine übermächtige Ordnung aufsteht. Denkmäler, Schulen, Straßen und sogar eine ganze Stadt tragen seinen Namen, und sein Porträt hängt in Amtsstuben und Schulen des ganzen Landes.
Noch heute wird die genaue historische Figur des Tiradentes von Historikern diskutiert. War er ein visionärer Revolutionär oder ein naiver Idealist, der von seinen Mitverschwörern als Bauernopfer benutzt wurde? Die Tatsache, dass er als Einziger hingerichtet wurde, während die Anführer aus höheren Gesellschaftsschichten mit dem Leben davonkamen, legt nahe, dass sein Stand ihn schutzlos machte. Doch genau diese Schutzlosigkeit und sein Mut, sie zu ertragen, sind es, die seinen Platz im Herzen der brasilianischen Nation gesichert haben.
