Als Dom Pedro II. am 2. Dezember 1825 in Rio de Janeiro zur Welt kam, ahnte niemand, dass dieser Knabe einmal mehr als fünfzig Jahre lang die Geschicke des größten Landes Südamerikas lenken würde. Mit vollem Namen Dom Pedro de Alcântara João Carlos Leopoldo Salvador Bibiano Francisco Xavier de Paula Leocádio Miguel Gabriel Rafael Gonzaga de Bragança e Habsburgo entstammte er dem Haus Braganza und war der einzig überlebende Sohn von Kaiser Pedro I. aus dessen erster Ehe mit Maria Leopoldine von Österreich, einer Tochter Kaiser Franz I.
Die Kindheit des Prinzen war von frühen Verlusten überschattet. Als sein Vater Pedro I. unter dem Druck des brasilianischen Parlaments am 7. April 1831 abdanken und nach Portugal zurückkehren musste, war der kleine Pedro gerade einmal fünf Jahre alt. Ein Regentschaftsrat übernahm die Staatsgeschäfte, bis der Junge herangewachsen sein würde. Doch die politischen Unruhen der 1830er Jahre, die von Aufständen und regionalen Revolten geprägt waren, trieben das Parlament dazu, ihn bereits am 23. Juli 1840 im Alter von vierzehn Jahren vorzeitig für volljährig zu erklären. Im Jahr darauf wurde er zum Kaiser von Brasilien gekrönt.
Die Ausbildung, die dem jungen Pedro zuteilwurde, war außergewöhnlich breit und sorgfältig. Ausgewählte Lehrer unterrichteten ihn in Spanisch, Englisch, Französisch und Deutsch, aber auch in Griechisch und Latein sowie in Naturwissenschaften und den Künsten. Im Laufe seines Lebens soll er insgesamt vierzehn Sprachen in Wort und Schrift beherrscht haben, darunter Arabisch, Hebräisch, Sanskrit, Chinesisch, Italienisch, Okzitanisch und Tupi. Der französische Dichter Victor Hugo bezeichnete ihn als einen Nachkommen Marc Aurels – ein Lob, das die gelehrte und nachdenkliche Art des Herrschers treffend charakterisiert.
Während seiner Regierungszeit, die über ein halbes Jahrhundert dauerte, erlebte Brasilien ein beispielloses Wirtschaftswachstum. Kaffee wurde zum Hauptexportprodukt des Landes, ab 1870 gefolgt vom aufstrebenden Kautschukhandel. Europäische Einwanderer strömten in großer Zahl ins Land. Pedro II. erkannte früh, dass eine moderne Infrastruktur Voraussetzung für wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung war. Er ließ ein weitverzweigtes Netz von Eisenbahnen, Telegraphen- und Telefonleitungen errichten und bescherte dem Land die ersten gepflasterten Straßen und Briefmarken. Das Telefon wurde ebenfalls unter seiner Regierung eingeführt.
Sein Spitzname „Oberlehrer der Nation" rührte von seiner leidenschaftlichen Förderung von Wissenschaft und Künsten. Privat interessierte er sich besonders für die Astronomie und ließ unter dem Dach seiner Sommerresidenz in Petrópolis – einer Stadt, die von Einwanderern aus deutschsprachigen Ländern erbaut worden war – eine kleine Sternwarte einrichten, in der er manche Nacht damit zubrachte, Himmelskörper zu beobachten. In einem anderen Flügel desselben Palastes richtete er eine Schule für Waisenkinder ein. Er war einer der Mitbegründer des Instituts Louis Pasteur in Paris und unterstützte persönlich den Bau des Bayreuther Festspielhauses. 1876 besuchte er Heinrich Schliemann bei seinen Ausgrabungen in Mykene in Griechenland.
Trotz seiner intellektuellen Ausrichtung musste Pedro II. auch als Feldherr agieren. Seine Regierung unterstützte den Sturz des argentinischen Diktators Juan Manuel de Rosas und führte von 1865 bis 1870 einen der vernichtendsten Kriege der südamerikanischen Geschichte: den Paraguayischen Krieg. Im Bündnis mit Argentinien und Uruguay kämpfte das Kaiserreich Brasilien in der sogenannten Tripel-Allianz gegen Paraguay unter Diktator Francisco Solano López. Der Krieg endete mit einem brasilianischen Sieg, kostete aber Paraguay geschätzt mehr als die Hälfte seiner Bevölkerung das Leben und hinterließ tiefe Narben auf beiden Seiten.
Mehrere Entwicklungen trugen schließlich zum Ende des Kaiserreichs bei. Eine wachsende republikanische Bewegung sah die Monarchie als unamerikanisch und anachronistisch an. Der Konflikt mit Teilen des Klerus schwächte die kirchliche Unterstützung für den Kaiser. Vor allem aber die Frage der Sklaverei spaltete das Land: Als seine Tochter und Regentin Isabella im Mai 1888 die Lei Áurea unterzeichnete und damit die Sklaverei abschaffte, verlor der Kaiser die Unterstützung der mächtigen Großgrundbesitzer, die jahrzehntelang das Rückgrat des Kaiserreichs gebildet hatten.
Am 15. November 1889 putschte das Militär unter Marschall Manuel Deodoro da Fonseca. Die Republik wurde ausgerufen, und Pedro II. wurde mitsamt seiner Familie ins Exil geschickt. Er nahm das Schicksal mit bemerkenswerter Würde hin und weigerte sich, im Exil politische Aktivitäten zu entfalten. Am 5. Dezember 1891, drei Tage nach seinem 66. Geburtstag, starb er in Paris. Er hinterließ ein Land, das in seiner Regierungszeit gewachsen, geeint und modernisiert worden war – und dessen Entwicklung ohne seine ruhige, beharrliche Hand kaum dieselbe Bahn genommen hätte.
Seine während zahlreicher Reisen gesammelten Dokumente und Briefe wurden von der UNESCO als Weltdokumentenerbe anerkannt. Die Nachwelt beschäftigt sich bis heute mit der Frage, ob Pedro II. als der letzte einer alten Ordnung oder als Wegbereiter des modernen Brasiliens zu verstehen ist. Wahrscheinlich war er beides: ein Mann des 19. Jahrhunderts, der dem Wandel seines Landes mit Verstand und gutem Willen diente, aber einer Welt entstammte, die unweigerlich verging.