Am 13. Mai 1888 unterzeichnete die brasilianische Regentin Prinzessin Isabella ein Dokument, das aus nur zwei Artikeln bestand, aber die Grundlage der Gesellschaft eines ganzen Landes erschütterte: die Lei Áurea, das Goldene Gesetz. Mit diesem Gesetz, dem kaum zwei Sätze genügten, wurde die Sklaverei in Brasilien für erloschen erklärt und alle gegenteiligen Verfügungen aufgehoben. Brasilien war damit das letzte westliche Land, das den Sklavenhandel und die Sklaverei offiziell abschaffte.
Die Geschichte der Sklaverei in Brasilien reicht weit zurück. Seit dem 16. Jahrhundert waren Millionen von Afrikanern nach Brasilien verschleppt worden, um auf Zuckerrohr-, Baumwoll- und Kaffeeplantagen zu arbeiten oder in den Goldminen des Hinterlandes zu schuften. Das Kaiserreich Brasilien war im 19. Jahrhundert für weite Teile Europas und Nordamerikas eine wirtschaftliche und moralische Anachronismus; in anderen westlichen Ländern war die Sklaverei längst abgeschafft worden. Dennoch widersetzte sich ein mächtiger Teil der brasilianischen Oberschicht jeder Veränderung, denn Sklaven galten als lebende Betriebsmittel der Plantagenwirtschaft.
Erste gesetzliche Schritte in Richtung Abschaffung wurden bereits früher unternommen. Im Jahr 1871 verabschiedete die brasilianische Regierung das Lei do Ventre Livre, das Gesetz des freien Bauches, das festlegte, dass alle künftig von Sklavinnen geborenen Kinder als frei gelten sollten. Es war ein symbolischer Schritt, der die Sklaverei langfristig ausdünnen sollte, ohne die unmittelbare wirtschaftliche Abhängigkeit der Großgrundbesitzer anzutasten. Vierzehn Jahre später, 1885, folgte das Lei dos Sexagenários, das alle Sklaven über 60 Jahre in die Freiheit entließ – ein Gesetz, das man zynisch als Freilassung derer lesen konnte, deren Arbeitskraft ohnehin erschöpft war.
In den 1880er Jahren verdichtete sich der Druck auf das System erheblich. Der Abgeordnete Joaquim Nabuco hatte bereits 1878 die Brasilianische Gesellschaft gegen Sklaverei mitgegründet. 1883 verfasste der Schriftsteller und Aktivist José do Patrocínio das Manifesto da Confederação Abolicionista, das die politischen Ziele der Bewegung öffentlich formulierte. Liberale Politiker, viele von ihnen durch freimaurerische Ideale geprägt, machten sich im Parlament für die vollständige Abschaffung stark. Aber auch wirtschaftliche Argumente spielten eine Rolle: Immer mehr Großgrundbesitzer gingen dazu über, europäische Einwanderer als Lohnarbeiter einzustellen, da diese keine Fürsorgepflicht begründeten und billiger als der Unterhalt von Sklaven waren.
Gleichzeitig wuchs der innere Druck von unten. Entlaufene Sklaven sammelten sich in sogenannten Quilombos, freien Gemeinschaften im Landesinneren, von denen aus sie Überfälle auf Plantagen organisierten. Die Armee verbrachte mehr und mehr Zeit damit, entlaufene Sklaven aufzuspüren und zurückzubringen – eine Aufgabe, die zunehmend unbeliebt wurde. Das Zusammentreffen von Abolitionistenbewegung, wirtschaftlichen Interessen der Landbesitzer und dem Widerstand der Sklaven selbst machte die Aufrechterhaltung des Systems immer schwieriger.
Der Text der Lei Áurea wurde von Landwirtschaftsminister Rodrigo Augusto da Silva verfasst. Am 12. Mai 1888 nahm der brasilianische Senat das Gesetz als Nummer 3353 an. Am nächsten Tag, dem 13. Mai 1888, unterzeichnete Regentin Prinzessin Isabella das Dokument, da ihr Vater Kaiser Dom Pedro II. sich zu dieser Zeit in Europa aufhielt. Die Verkündung des Gesetzes vom Kaiserpalast aus löste spontane Freudenfeiern in Rio de Janeiro und anderen Städten aus. Isabella erhielt den Volkstitel A Redentora, die Erlöserin, und Papst Leo XIII. ehrte sie mit einer Goldenen Rose. Der 13. Mai wurde zum Dia do Mulato erklärt und wird noch heute in Brasilien begangen.
Durch das Gesetz wurden schlagartig rund eine Million Menschen aus der Sklaverei entlassen. Doch die Lei Áurea enthielt keine Übergangsregelungen, keine wirtschaftliche Unterstützung und keinen Landreformplan. Die ehemaligen Sklaven standen plötzlich frei, aber ohne Besitz, ohne Ersparnisse und ohne gesellschaftliche Strukturen, die ihnen den Weg in ein selbstbestimmtes Leben geebnet hätten. Viele blieben aus schierem Mangel an Alternativen auf denselben Plantagen, nun als schlecht entlohnte Lohnarbeiter.
Die politischen Konsequenzen des Gesetzes erschütterden das Kaiserreich selbst. Die Großgrundbesitzer, die sich um ihre Investitionen geprellt sahen, entzogen dem Kaiserhaus ihre Unterstützung. In Verbindung mit dem wachsenden Einfluss des Militärs und der republikanischen Bewegung legte die Lei Áurea den Boden für den Militärputsch vom 15. November 1889, der die Republik ausrief und die kaiserliche Familie ins Exil schickte. Das Goldene Gesetz hatte nicht nur die Sklaverei beendet – es hatte unwissentlich auch das Ende des Kaiserreichs eingeläutet.
Das historische Urteil über die Lei Áurea bleibt gespalten. Als Meilenstein der Humanität steht sie außer Frage; als sozialpolitisches Instrument bleibt sie unvollständig. Das brasilianische Erbe der Sklaverei – in Form wirtschaftlicher Ungleichheit, rassistischer Diskriminierung und sozialer Marginalisierung – war mit einem Zweizeiler nicht zu tilgen. Doch das Goldene Gesetz markiert einen historischen Wendepunkt: den Moment, in dem Brasilien offiziell anerkannte, dass kein Mensch das Eigentum eines anderen sein darf.