biografias

Thami El Glaoui

Pascha von Marrakesch (1918–1955)

4 min01/01/2024
Anúncio

Thami El Glaoui gehört zu den schillerndsten und umstrittensten Gestalten der marokkanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Als Pascha von Marrakesch und Oberhaupt des mächtigen Berberstammes der Glaoua verkörperte er eine Figur, die zwischen kolonialer Komplizenschaft und lokaler Herrschaftslogik stand – und die am Ende von eben jenen Kräften überrollt wurde, gegen die er sein Leben lang gekämpft hatte.

Die Herkunft Thami El Glaouis liegt im Dunkeln. Er wurde im Jahr 1870, nur wenige Tage alt, auf den Stufen der größten Moschee in Marrakesch aufgefunden. Vom einflussreichen Berberstamm der Glaoua aus Südmarokko wurde er adoptiert und aufgezogen. Diese außergewöhnliche Herkunftsgeschichte umgibt seine Person mit einem Hauch des Legendären, den er zeitlebens zu nutzen wusste.

Im Jahr 1918 übernahm Thami El Glaoui die Führung des Glaoua-Clans und wurde Pascha von Marrakesch – ein Amt, das er bis 1955 bekleiden sollte. Seine Herrschaft stützte sich auf ein enges Bündnis mit dem französischen Protektorat, das Marokko seit 1912 unter seiner Kontrolle hatte. El Glaouis profranzösische Politik war keine selbstlose Loyalität: Im Gegenzug für seine Unterstützung überließen ihm die Franzosen eine faktisch unabhängige Herrschaft über weite Teile Süd- und Südostmarokkos. Diese Herrschaft weitete er kontinuierlich aus, bis er schließlich etwa ein Achtel des gesamten Landes kontrollierte.

Um seine Macht zu sichern und zu demonstrieren, ließ El Glaoui mehrere imposante Festungen, sogenannte Kasbahs, errichten oder ausbauen. Zu den bekanntesten gehören die Kasbahs von Telouet, Ouarzazate, Skoura, Boumalne Dadès und Tinghir – steinerne Zeugen einer Herrschaft, die auf Pracht und Einschüchterung gleichermaßen setzte. Von seinem Herrschaftssitz in Telouet aus administrierte er ein riesiges Territorium mit einer Mischung aus traditioneller Stammesautorität und moderner Kollaborationsbereitschaft gegenüber den Franzosen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet die französische Kolonialherrschaft zunehmend unter Druck. Die marokkanische Nationalbewegung gewann an Stärke, und Sultan Muhammad V. signalisierte 1947 in seiner Rede von Tanger offen seine Sympathie für die Unabhängigkeitsbewegung. El Glaoui, dessen gesamte Macht auf dem Fortbestand des Protektorats ruhte, reagierte entschlossen: Im Februar 1951 rückte er mit seinen Truppen nach Fès und Rabat vor und zwang Muhammad V., die Nationalisten aus der Regierung zu entlassen. Paradoxerweise steigerte dieser Druck nur die Popularität des Sultans in der Bevölkerung.

1953 wohnte El Glaoui sogar der Krönung von Königin Elisabeth II. in London bei – ein Zeichen seines internationalen Renommees in kolonialen Kreisen. Im August desselben Jahres gelang ihm ein noch kühnerer Schritt: Mit einem neuen Feldzug nach Nordmarokko erreichte er, dass die französische Protektoratsverwaltung Muhammad V. absetzte und ins Exil schickte. El Glaoui befand sich auf dem Höhepunkt seiner Macht – doch dieser Höhepunkt war zugleich der Beginn seines Endes.

Frankreich erwies sich als nicht mehr in der Lage, die marokkanische Unabhängigkeitsbewegung aufzuhalten. Der Widerstand im Land wuchs, und der internationale Druck auf Paris nahm zu. 1955 mussten die Franzosen Muhammad V. aus dem Exil zurückrufen und wieder als Sultan einsetzen. El Glaoui, nun ohne seinen mächtigsten Verbündeten, war gezwungen, sich dem Sultan zu unterwerfen – eine demütigende Kapitulation für einen Mann, der jahrzehntelang als einer der mächtigsten Männer Marokkos gegolten hatte.

Mit der formellen Unabhängigkeit Marokkos im Jahr 1956 war El Glaouis politische Karriere endgültig beendet. Er starb noch im selben Jahr, am 23. Januar 1956, im Alter von 85 Jahren. Die Macht seines Clans in Südmarokko war gebrochen. Was blieb, waren die Kasbahs, die sein Herrschaftsgebiet noch heute markieren, und eine zwiespältige Erinnerung an einen Mann, der mit außergewöhnlichem Geschick die Machtkonstellationen seiner Zeit zu nutzen verstand, bis sie sich gegen ihn wendeten.

Sein Erbe setzte sich in unerwarteten Formen fort: Sein Sohn Hassan El Glaoui, geboren 1923, wurde ein angesehener Maler und lebte bis 2018. Sein unehelicher Sohn Si Brahim El Glaoui war von 1955 bis 1959 mit der französischen Autorin und Regisseurin Cécile Aubry verheiratet, bekannt durch die Kinderserie Belle und Sebastian. Ihr gemeinsamer Sohn Mehdi El Glaoui, geboren 1956, erlangte bereits als Kind Bekanntheit als Schauspieler in ebendieser Serie.

Anúncio
Anúncio

Lies diese und über 800 weitere Geschichten in der World in Stories App — kostenlos

Video-Geschichten, Shorts, Mysterien und „Was geschah heute“. Kostenlos laden, ohne Kreditkarte.

App kostenlos laden

iPhone, iPad & Android • PT, EN, ES, DE, FR

Related Stories