biografias

1874

Jahr

4 min01/01/2024
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Das Jahr 1874 steht in der europäischen Geschichte für einen bedeutenden Schritt auf dem langen Weg zu einer zivilisierteren Kriegsführung – es war das Jahr, in dem auf internationalem Parkett erstmals ernsthaft über verbindliche Regeln für den Krieg diskutiert wurde, und zugleich ein Jahr innenpolitischer Kämpfe, gesellschaftlicher Veränderungen und dramatischer Einzelereignisse.

Auf Initiative des russischen Zaren Alexander II. versammelten sich zwischen dem 27. Juli und dem 27. August 1874 Vertreter von fünfzehn europäischen Staaten in Brüssel zur sogenannten Brüsseler Konferenz. Ihr Ziel war es, verbindliche Grundsätze für die Führung von Kriegen zu erarbeiten. Das Ergebnis war die Deklaration über die Gesetze und Gebräuche des Krieges, ausgearbeitet vom Juristen Friedrich Fromhold Martens. Die Deklaration legte unter anderem ein Verbot des Einsatzes giftiger Substanzen in der Kriegsführung fest, verbot die Tötung wehrlosen oder sich ergebenden Gegners und enthielt detaillierte Regeln für Belagerungen und Bombardierungen. Obwohl sie nie völkerrechtlich bindend wurde, wirkte sie als Vorbild für die späteren Haager Friedenskonferenzen und als unmittelbare Vorlage für die Haager Landkriegsordnung – ein frühes Fundament des humanitären Völkerrechts.

In Deutschland stand das Jahr im Zeichen des Kulturkampfes zwischen dem protestantisch dominierten Bismarck-Reich und der katholischen Kirche. Am 4. Mai verabschiedete der Reichstag das Expatriierungsgesetz, eines der sogenannten Maigesetze, das es ermöglichte, widerspenstigen Geistlichen Aufenthaltsbeschränkungen bis hin zur Landesverweisung aufzuerlegen. Am 1. Juli trat das Reichspressgesetz in Kraft, das das Presserecht neu regelte und in Teilen bis 1966 gültig blieb. Am 13. Juli verübte der zwanzigjährige Böttchergeselle Eduard Kullmann, ein radikaler Katholik, in Bad Kissingen ein Attentat auf Reichskanzler Otto von Bismarck – das Attentat scheiterte, und der Opernsänger José Lederer konnte den Täter festhalten. Kullmann wurde zu vierzehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Bismarck nutzte den Vorfall propagandistisch für seine antikatholische Politik.

Am 10. Januar fand die zweite Wahl zum deutschen Reichstag statt, bei der die Wahlbeteiligung mit rund 61,2 Prozent deutlich höher lag als bei der Reichstagswahl von 1871. Erstmals zogen Abgeordnete aus dem Reichsland Elsaß-Lothringen in den Reichstag ein, wobei alle fünfzehn elsaß-lothringischen Wahlkreise von pro-französischen Regionalisten gewonnen wurden. Gewinner der Wahl waren die Nationalliberalen und das Zentrum, während konservative Parteien Verluste hinnehmen mussten. Die beiden sozialdemokratischen Parteien SDAP und ADAV errangen trotz ihrer Differenzen insgesamt neun Mandate. Staatliche Repressionsmaßnahmen, darunter Hausdurchsuchungen und die Verhaftung führender Mitglieder wie Wilhelm Hasenclever und Johann Most, beschleunigten ungewollt die Annäherung beider Parteien. Die Verhandlungen über eine Vereinigung begannen Mitte Oktober.

Auch im Bereich des Zivilrechts geschah 1874 Wegweisendes: Am 23. Januar verabschiedete der Preußische Landtag das Gesetz über die obligatorische Zivilehe, das in Preußen auch die Ehescheidung ermöglichte. Am 1. Oktober wurde im Rahmen des Kulturkampfes die obligatorische Zivilehe durch die Schaffung staatlicher Standesämter in Preußen flächendeckend eingeführt – eine tiefgreifende Säkularisierung des bürgerlichen Lebens.

Im konservativen Milieu regte sich Widerstand gegen die als verderblich empfundenen liberalen Zeitströmungen: Am 26. Februar gründeten dreißig grundbesitzende Adlige aus den preußischen Provinzen Brandenburg, Pommern, Preußen, Sachsen und Schlesien in Berlin die Deutsche Adelsgenossenschaft als konservatives Gegengewicht.

In Russland erhoben sich die Narodniki in einem spontanen und unorganisierten Aufstand, der rasch niedergeschlagen wurde – ein Vorläufer der revolutionären Bewegungen, die das Land in den folgenden Jahrzehnten erschüttern sollten. In der Schweiz wurde am 1. Januar Karl Schenk zum dritten Mal Bundespräsident, und am 19. April stimmte das Schweizer Volk bei einer Volksabstimmung für die Totalrevision der Bundesverfassung – ein politischer Kompromiss, der das Land modernisieren sollte. In Österreich begann am 5. April in Neudörfl der Gründungsparteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei, wenn auch Richtungskämpfe die endgültige Parteibildung noch für Jahre verzögerten.

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