Sophie Taeuber-Arp war eine der vielseitigsten und bedeutendsten Künstlerinnen der europäischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts. Als Malerin, Bildhauerin, Textilgestalterin, Architektin und Tänzerin überschritt sie beständig die Grenzen zwischen den künstlerischen Gattungen und schuf ein Werk, das in seiner Konsequenz und formalen Reinheit bis heute beeindruckt.
Sophie Henriette Gertrud Taeuber wurde am 19. Januar 1889 in Davos-Platz geboren, als fünftes Kind des aus Preußen stammenden Apothekers Emil Taeuber und seiner Frau Sophie Taeuber-Krüsi, einer Appenzellerin aus Gais. Die Tochter galt zunächst als Deutsche, doch nach dem frühen Tod des Vaters – er starb an Tuberkulose, als Sophie erst zwei Jahre alt war – nahm die Mutter die Schweizer Staatsbürgerschaft an und zog mit ihr nach Trogen. Dort wuchs Sophie in der von ihrer Mutter geführten Pension Taeuber auf.
Ihre künstlerische Ausbildung begann 1906 an der Textilabteilung der École des arts décoratifs in St. Gallen, einer Institution, die am 11. November 1867 von der Industrie- und Handelskammer St. Gallen und Appenzell gegründet worden war. Ihr Lehrer Johannes Stauffacher, der ab Mai 1888 an der Schule das Fach „Stilisieren und Componieren unter besonderer Berücksichtigung der Bedürfnisse der Industrie" unterrichtete, prägte ihre handwerkliche Grundlage. Von 1910 bis 1914 studierte sie an der Debschitz-Schule in München sowie zwischenzeitlich 1912 und 1913 an der Kunstgewerbeschule in Hamburg bei Maria Brinckmann. Im Sommer 1914 erhielt sie ihr Münchener Diplom und zog anschließend zu ihrer Schwester Erika Schlegel nach Zürich.
In Zürich öffneten sich neue künstlerische Horizonte. Neben ihrer Tätigkeit als Kunsthandwerkerin begann Taeuber 1915 eine Tanzausbildung bei Rudolf von Laban und seiner Assistentin Mary Wigman. In mehreren Sommern tanzte sie mit der Laban-Gruppe auf dem Monte Verità oberhalb von Ascona, einem Treffpunkt der europäischen Lebensreformbewegung. Im August 1917 nahm sie dort an dem von Laban inszenierten großen Sonnenfest teil, zusammen mit Mary Wigman, Katja Wulff, Suzanne Perrottet und anderen.
Das Zürich jener Jahre war das Zentrum einer anderen, ungleich radikaleren Kunstbewegung: des Dadaismus. Am 5. Februar 1916 eröffnete das Cabaret Voltaire unter der Leitung von Hugo Ball und mit Mitwirkung von Emmy Hennings, Tristan Tzara, Marcel Janco, Richard Huelsenbeck, Hans Arp und anderen gleichgesinnten Künstlern. Dort trat Sophie Taeuber als Ausdruckstänzerin auf und brachte in die oft krawalligen Dada-Abende eine eigene körperliche und rhythmische Präsenz. Belegt sind zwei Soloauftritte in Dada-Veranstaltungen, darunter einer zur Eröffnung der Galerie DADA am 29. März 1917.
Auf einer Ausstellung in der Galerie Tanner hatte Taeuber Hans Arp kennengelernt, der sie in den Kreis der Dadaisten einführte. Beide lehnten traditionelle Kunstformen und Materialien ab und begannen gemeinsam mit elementaren Formen zu arbeiten. Aus der künstlerischen Partnerschaft wurde eine Lebensgemeinschaft. Während des Ersten Weltkrieges, in dem die Schweiz neutral blieb, trat Taeuber 1915 dem Schweizerischen Werkbund bei, dem sie bis 1932 angehörte.
Ab Mai 1916 leitete sie die Textilklasse an der Kunstgewerbeschule Zürich. Bis 1929 unterrichtete sie dort mit dem Ziel, Kunst, Gestaltung, Handwerk und Alltag auf schöpferische Weise zu verbinden und die Grenzen zwischen den Gattungen aufzuheben. Ihr Kollege Max Bill würdigte später, dass sie bestrebt gewesen sei, ihren Schülerinnen „einen Begriff von den Problemen der Zeit zu vermitteln, so dass diese nicht ins sinnlos Kunstgewerbliche abglitten." Diese Lehrtätigkeit bildete rund zwölf Jahre lang die finanzielle Grundlage für ihren und Hans Arps gemeinsamen Lebensunterhalt.
Sophie Taeuber-Arp blieb vom Anti-Rationalen des Dada weitgehend unberührt. Ihre eigene künstlerische Entwicklung führte sie zu einer strengen, rhythmisch-geometrischen Formensprache, die sie als eine der wichtigsten Vertreterinnen der konkreten Kunst des 20. Jahrhunderts ausweist. Ihr Werk verband formale Klarheit mit kreativer Sensibilität und erlangte eine Strahlkraft, die weit über ihre eigene Generation hinauswirkte. Sie starb in der Nacht vom 13. auf den 14. Januar 1943 in Zürich und hinterließ ein Schaffen, das in seiner Konsequenz und Schönheit zeitlos geblieben ist.



