guerras

Reconquista

Periode in der Geschichte der Iberischen Halbinsel

6 min01/01/2024
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Die Iberische Halbinsel war jahrhundertelang Schauplatz eines der längsten und vielschichtigsten Konflikte des Mittelalters – jenes Prozesses, den spätere Historiker als Reconquista bezeichnen sollten. Der Begriff selbst ist keine zeitgenössische Prägung, sondern wurde erst in der Neuzeit durch die französische Geschichtsforschung eingeführt und von der spanischen Historiographie übernommen. Als erste Verwendung gilt dem portugiesischen Mozaraber Sesnando Davides, der ihn in strategischen Aufzeichnungen aus dem Jahr 1080 nutzte.

Im Frühjahr 711 überquerte der Berber Tāriq ibn Ziyād mit seinem Heer die Meerenge bei Algeciras und Gibraltar, um das seit dem 5. Jahrhundert auf der Iberischen Halbinsel bestehende Westgotenreich zu unterwerfen. Im Juli desselben Jahres wurde das westgotische Heer in der vernichtenden Schlacht am Río Guadalete geschlagen; König Roderich fiel im Kampf. Binnen weniger Jahre hatten die Mauren die gesamte Halbinsel, einschließlich Asturiens, unter ihre Kontrolle gebracht.

Unter den westgotischen Adligen, die sich mit der neuen Herrschaft arrangierten, befand sich auch Pelayo, dessen Einflussbereich in Asturien lag. Asturien wurde damals von dem muslimischen Statthalter Munuza verwaltet. Nach einem persönlichen Zerwürfnis mit Munuza – Überlieferungen zufolge wegen einer Heiratsangelegenheit – begann Pelayo einen Aufstand in den abgelegenen Bergen Asturiens. Seine Anhänger wählten ihn zum König oder Fürsten. Im Jahr 722, nach anderen Forschern möglicherweise schon 718, besiegte er in der Schlacht von Covadonga ein maurisches Kontingent und legte damit den symbolischen Grundstein für die christliche Gegenbewegung.

Dieser Moment gilt als der traditionelle Beginn der Reconquista, auch wenn es sich dabei zunächst nicht um einen organisierten religiösen Feldzug handelte. Der Charakter des Unternehmens war lange Zeit pragmatischer Natur: Christliche und muslimische Herrscher verbündeten sich je nach politischen Interessen, schlossen Frieden, kämpften nebeneinander oder wechselten die Seiten. Das Leben des späteren spanischen Nationalhelden El Cid, der zeitweise für islamische Herrscher kämpfte, veranschaulicht diese Komplexität eindrücklich.

Das Zeitalter der Reconquista lässt sich grob in drei Phasen gliedern. Die erste Phase dauerte von den Anfängen in Asturien um 718 bis zur Rückeroberung Toledos im Jahr 1085. Toledo war die alte Königsstadt der Westgoten und besaß enorme symbolische wie strategische Bedeutung. Ihre Einnahme durch Alfons VI. von Kastilien markierte den ersten großen Durchbruch zugunsten der christlichen Reiche.

Die zweite Phase, die von 1086 bis 1212 reicht, war durch das massive Eingreifen nordafrikanischer Kräfte geprägt. Zuerst kamen die Almoraviden, dann die Almohaden – beides fundamentalistische Dynastien aus Nordafrika, die auf Bitten der muslimischen Fürsten der Halbinsel eingriffen und den christlichen Vormarsch zum Erliegen brachten. In dieser Phase nahmen die Auseinandersetzungen stärker den Charakter eines Religionskrieges an, auf beiden Seiten. Das Jahr 1212 brachte eine entscheidende Wende: In der Schlacht von Las Navas de Tolosa erlitten die Almohaden eine vernichtende Niederlage gegen das vereinigte Heer kastilischer, aragonesischer und navarrischer Truppen.

Die dritte Phase, die von 1213 bis 1492 andauerte, war durch ein weitgehend festgefahrenes Gleichgewicht gekennzeichnet. Die muslimische Präsenz wurde sukzessive auf ein vergleichsweise kleines Territorium im Süden der Halbinsel zurückgedrängt, dessen Kern das Emirat Granada bildete. Von der Mitte des 13. Jahrhunderts bis zum Ausbruch des Krieges von Granada im Jahr 1482 kam der christliche Vormarsch praktisch zum Stillstand. Die Nasriden-Dynastie in Granada konnte sich durch geschickte Diplomatie und Tributzahlungen über mehr als zwei Jahrhunderte halten.

Erst unter den Katholischen Königen Isabella I. von Kastilien und Ferdinand II. von Aragón wurde das Gleichgewicht endgültig gebrochen. Der Krieg von Granada begann 1482 und endete mit der Kapitulation der Stadt am 2. Januar 1492 – dem offiziellen Endpunkt der Reconquista. Muhammad XII., auch als Boabdil bekannt, übergab die Schlüssel der Alhambra. Nach der Überlieferung soll er beim Verlassen der Stadt in Tränen ausgebrochen sein, worauf seine Mutter geantwortet haben soll, er weine nun wie ein Weib um das, was er nicht wie ein Mann verteidigt habe.

Das Ende der Reconquista hatte weitreichende Konsequenzen. Noch im selben Jahr 1492 erließen die Katholischen Könige das Alhambra-Edikt, das die Ausweisung der Juden aus Spanien befahl. Die Muslime, die zunächst bleiben durften, wurden ab 1501 zur Zwangstaufe gedrängt und später als Moriscos verfolgt. Die gesellschaftliche und kulturelle Vielfalt, die al-Andalus in manchen Perioden ausgezeichnet hatte, wich einer rigorosen Homogenisierungspolitik.

Das Erbe der Reconquista ist vielschichtig und bis heute Gegenstand wissenschaftlicher Debatten. Kritiker des Begriffs weisen darauf hin, dass er ein einheitliches und gemeinsames religiöses Ziel aller christlichen Reiche suggeriert, das in Wirklichkeit nie existierte. Tatsächlich verliefen die Konfliktlinien nicht nur zwischen Christen und Muslimen, sondern auch quer durch beide Lager. Dennoch hat die Reconquista das kollektive Gedächtnis Spaniens und Portugals tiefgreifend geprägt und das Fundament gelegt, auf dem diese Nationen ihre spätere welthistorische Rolle als Seefahrernationen und Kolonialmächte aufbauten.

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