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Zerfall der Sowjetunion

Politischer Prozess

6 min01/01/2024
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Der Zerfall der Sowjetunion gehört zu den folgenreichsten politischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts. In weniger als zwei Jahren löste sich das weltgrößte Staatsgebilde auf, das über sieben Jahrzehnte lang als scheinbar unzerstörbares Bollwerk des Kommunismus gegolten hatte. Was als Versuch begann, ein marodes System zu reformieren, endete mit dessen vollständigem Untergang und der Entstehung fünfzehn unabhängiger Staaten.

Die Wurzeln des Zusammenbruchs reichen tief in die 1980er Jahre. Zu Beginn dieses Jahrzehnts war die Sowjetunion mit einer schier unüberwindlichen Anhäufung von Problemen konfrontiert. Die Wirtschaft stagnierte, die Produktivität war erschreckend gering, und die Versorgung der Bevölkerung mit Konsumgütern des alltäglichen Lebens ließ schwer zu wünschen übrig. Der Investitionsstau war in nahezu allen Bereichen immens, doch die Ressourcen flossen ungebremst in das aufgeblähte Militär, das im erbitterten Rüstungswettbewerb mit dem Westen stand. Bei Schlüsseltechnologien wie Mikroelektronik, Lasertechnologie und Informatik hatte die UdSSR den Anschluss an die westliche Welt längst verloren. Um notwendige Importe zu finanzieren, war man zunehmend auf Rohstoffexporte, vor allem Erdöl und Erdgas, angewiesen – eine gefährliche Abhängigkeit von schwankenden Weltmarktpreisen.

Politisch herrschte eine Erstarrung, die an Lähmung grenzte. Das Politbüro war mit Männern der Aufbaugeneration besetzt, die um 1910 geboren worden waren und ein Generationswechsel hatte schlicht nicht stattgefunden. Dieser inoffiziell als „Rat der Greise" bekannte Führungszirkel war vorrangig damit beschäftigt, die eigene Machtbasis zu sichern, und hatte kaum noch Kontakt zur Lebenswirklichkeit der gewöhnlichen Bevölkerung. Strikte Kommandostrukturen, weitverbreitete Korruption und undurchdringliche Seilschaften vergifteten das politische Klima. Öffentliche Kritik wurde systematisch unterdrückt, Oppositionelle konsequent ausgeschaltet. Die Mehrheit der Bevölkerung hatte sich still mit den Verhältnissen abgefunden.

Doch es gab Ereignisse, die selbst die staatliche Propaganda nicht restlos verschleiern konnte. Der sowjetische Einmarsch in Afghanistan im Jahr 1979 entwickelte sich zusehends zu einem blutigen Desaster, das die Schwäche der Militärmacht entblößte. Die Nuklearkatastrophe im Kernkraftwerk Tschernobyl am 26. April 1986 wurde zum Symbol des Systemversagens: Sie offenbarte in aller Schärfe das in der sowjetischen Bürokratie tief verwurzelte Ausmaß an Verantwortungslosigkeit und blindem Obrigkeitsgehorsam.

Die entscheidende Wende brachte die Wahl Michail Gorbatschows zum Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU im Jahr 1985. Gorbatschow leitete sofort Wirtschaftsreformen unter dem Schlagwort „Uskorenije" – Beschleunigung – ein. Als diese nicht die erhofften schnellen Erfolge zeitigten, erhöhte er das Reformtempo. Mit der Perestroika, dem Umbau des Systems, strebte er eine grundlegende Erneuerung der sowjetischen Wirtschaft und Gesellschaft an. Begleitet wurde dieser Prozess von der Glasnost, der Öffnungspolitik, die mehr Transparenz und Redefreiheit ermöglichen sollte.

Diese Reformen hatten jedoch eine Eigendynamik, die Gorbatschow weder steuern noch aufhalten konnte. In den Unionsrepubliken erwachten nationale Bewegungen und Unabhängigkeitsbestrebungen. Den Anfang machte Litauen, das am 11. März 1990 als erste Sowjetrepublik seine Unabhängigkeit erklärte. Die Spirale der Desintegration setzte sich fort. Im August 1991 versuchten hardliner-Kommunisten mit einem Putsch in Moskau, die Entwicklung zu stoppen – doch der Coup scheiterte kläglich und beschleunigte den Auflösungsprozess erst recht.

Den formellen Schlusspunkt setzte ein Treffen im weißrussischen Bialowieza-Urwald. Am 8. Dezember 1991 unterzeichneten die Präsidenten Russlands, der Ukraine und von Belarus – Boris Jelzin, Leonid Krawtschuk und Stanislau Schuschkewitsch – die sogenannten Belowescher Vereinbarungen. Darin wurde unmissverständlich festgestellt, dass die UdSSR als völkerrechtliches Subjekt sowie als geopolitische Realität ihre Existenz beendet habe. Gleichzeitig wurde der Gründungsvertrag der Sowjetunion von 1922 außer Kraft gesetzt und die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, die GUS, ins Leben gerufen. Am 21. Dezember 1991 bestätigten die Führerinnen und Führer der übrigen Unionsrepubliken – mit Ausnahme der drei baltischen Staaten und Georgiens – diesen Beschluss in der Erklärung von Alma-Ata.

Michail Gorbatschow, der letzte Präsident der UdSSR, trat am 25. Dezember 1991 von seinem Amt zurück. Einen Tag später, am 26. Dezember 1991, erklärte der Oberste Sowjet formal die Auflösung der Union. Damit endete nicht nur die Geschichte eines Staates, sondern auch der Kalte Krieg, der fast ein halbes Jahrhundert die internationale Politik beherrscht hatte. Fünfzehn neue Staaten traten das Erbe an – mit unterschiedlichem Gepäck aus Geschichte, Ethnizität und politischer Tradition, von denen einige bis heute mit den Folgen jenes dramatischen Zusammenbruchs ringen.

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