Rauf Raif Denktaş gehört zu den prägendsten und umstrittensten Figuren in der modernen Geschichte Zyperns. Sein Leben und sein politisches Wirken sind untrennbar mit dem Zypernkonflikt verknüpft – einem der langwierigsten und bis heute ungelösten Territorialkonflikte Europas.
Denktaş wurde am 27. Januar 1924 in Paphos auf Zypern geboren, damals noch unter britischer Kolonialherrschaft. Er wuchs im türkisch-zyprischen Teil der Bevölkerung auf und sollte zeitlebens deren Interessen als sein politisches Mandat betrachten. Seinen juristischen Abschluss erwarb er in London, wo er an der ehrwürdigen Lincoln's Inn zum Barrister ausgebildet wurde. Diese britisch geprägte Ausbildung schärfte seinen Sinn für Recht und Verfahren, ließ ihn aber nicht weniger entschlossen werden, wenn es um die Selbstbehauptung der türkischen Zyprioten ging.
Seit den 1950er Jahren gehörte Denktaş zur politischen Führungselite des türkisch-zyprischen Bevölkerungsteils und prägte den Umgang mit der griechisch dominierten Republik Zypern, die 1960 ihre Unabhängigkeit erlangte. Die Spannungen zwischen den beiden Volksgruppen eskalierten rasch. In den Jahren zwischen 1964 und 1968 wurde ihm von der griechisch kontrollierten Regierung in Nikosia das Betreten der Insel verweigert – eine persönliche Demütigung, die sein Misstrauen gegenüber jeder gemeinsamen zyprischen Staatlichkeit dauerhaft vertiefte.
Der entscheidende Einschnitt kam im Jahr 1974. Nach einem von Griechenland unterstützten Putsch gegen Erzbischof Makarios III. intervenierte die Türkei militärisch im Norden der Insel. Die De-facto-Teilung Zyperns war die Folge. Griechische Zyprioten flohen oder wurden aus dem Norden vertrieben, türkische Zyprioten aus dem Süden. Denktaş nutzte die neue Realität politisch: 1975 rief er den Türkischen Föderativstaat von Zypern aus und wurde dessen Präsident. Er regierte ihn bis 1983.
Am 15. November 1983 vollzog Denktaş den folgenreichsten Schritt seiner Karriere. Er erklärte die Türkische Republik Nordzypern (TRNZ) für unabhängig. Die internationale Gemeinschaft reagierte mit nahezu einhelligem Protest. Der UN-Sicherheitsrat verurteilte die Unabhängigkeitserklärung als rechtlich ungültig. Bis heute erkennt nur die Türkei die TRNZ an – ein Status, der sich während der gesamten Amtszeit von Denktaş und bis in die Gegenwart nicht geändert hat.
Von 1973 bis 1974 hatte Denktaş das Amt des Vizepräsidenten der Republik Zypern innegehabt. Diese knappe Phase gemeinsamer Institutionalität blieb die letzte greifbare Berührung mit dem Gedanken einer zyprischen Einheit unter einem Dach. Als gewählter Präsident der TRNZ führte er das nordzipriotische Gemeinwesen von 1983 bis 2005 – über zwei Jahrzehnte der Isolation, internationaler Nichtanerkennung und diplomatischer Blockade.
In den Verhandlungen zur Wiedervereinigung galt Denktaş als entschlossener Gegner weitreichender Kompromisse. Er bestand auf einer weitgehenden Autonomie Nordzyperns und lehnte Vorschläge ab, die aus seiner Sicht die Sicherheit der türkisch-zyprischen Bevölkerung gefährdeten. Dieses Beharren brachte ihm in weiten Teilen der internationalen Gemeinschaft den Ruf eines Bremsers ein. Befürworter sahen in ihm hingegen einen Schutzwall gegen das, was sie als griechisch-zyprische Dominanz betrachteten.
Den letzten großen Test seiner politischen Karriere stellte der Annan-Plan dar – ein von den Vereinten Nationen ausgearbeitetes Wiedervereinigungskonzept. Denktaş hatte seinen Verbleib im Amt vom Ergebnis des Referendums abhängig gemacht, das am 24. April 2004 stattfand. Das Ergebnis überraschte die Welt: Die Bevölkerung Nordzyperns stimmte dem Plan mit großer Mehrheit zu – die griechischen Zyprioten lehnten ihn ab. Denktaş hielt Wort: Er erklärte, bei den Präsidentschaftswahlen im April 2005 nicht mehr anzutreten, und trat von der politischen Bühne ab.
Sein Sohn Serdar führte das politische Erbe des Vaters fort und blieb in der zyprisch-türkischen Politik aktiv. Rauf Denktaş selbst zog sich ins Privatleben zurück, blieb aber eine moralische Instanz im Norden der geteilten Insel.
Im Mai 2011 erlitt Denktaş einen schweren Schlaganfall und wurde an der Klinik der Universität des Nahen Ostens nördlich von Nikosia behandelt. Seine letzten Monate verbrachte er schwer erkrankt. Am 13. Januar 2012 starb Rauf Denktaş in Lefkosia an Multiorganversagen, 87 Jahre alt. Für die türkischen Zyprioten war er ein Nationalheld, ein Vater ihrer Staatlichkeit. Für seine Kritiker blieb er der Mann, der eine Lösung des Zypernproblems über Jahrzehnte verhinderte.
Sein Leben umspannte fast das gesamte 20. Jahrhundert und reichte in das 21. hinein. Es spiegelt die ganze Komplexität eines Konflikts wider, der bis heute keine endgültige Lösung gefunden hat.


