biografias

1956

Jahr

4 min01/01/2024
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Das Jahr 1956 markiert einen der dramatischsten Wendepunkte des Kalten Krieges. In der Sowjetunion brach Nikita Chruschtschow öffentlich mit dem Erbe Stalins, und die Erschütterungen, die diese Abkehr auslöste, pflanzten sich wie Wellen durch den gesamten Ostblock fort – mit blutigen Folgen.

Den 1. Januar des Jahres eröffneten drei Ereignisse, die unterschiedlicher kaum sein könnten: In der Schweiz übernahm Markus Feldmann das Amt des Bundespräsidenten. In Ottawa wurde das Gebäude der sowjetischen Botschaft durch einen Brand vollständig zerstört. Und in der DDR wurde der freie Verkauf von Kirchenzeitungen verboten. Am selben Tag erlangte der Sudan seine Unabhängigkeit von Großbritannien und Ägypten.

Der wichtigste außenpolitische Bruch des Jahres vollzog sich Ende Februar. Am 24. Februar billigte der XX. Parteitag der KPdSU die außenpolitische Linie Chruschtschows, die auf friedliche Koexistenz der politischen Systeme setzte. Am folgenden Tag aber hielt Chruschtschow seine berühmt-berüchtigte Geheimrede, in der er die Verbrechen der Stalinära schonungslos anprangerte: Massenmorde, Deportationen, Willkürherrschaft. Obwohl als vertraulich eingestuft, verbreitete sich der Inhalt der Rede rasch – und löste im gesamten Ostblock eine tiefe Erschütterung aus. Die Entstalinisierung war eingeläutet.

Die Erschütterungen ließen nicht lange auf sich warten. In Tiflis, der Hauptstadt der Sowjetrepublik Georgien, kam es zu Demonstrationen, die von den sowjetischen Behörden niedergeschlagen wurden. In Polen, in der Stadt Posen, erhob sich im Juni die Arbeiterschaft gegen die sozialistische Mangelwirtschaft – der Posener Aufstand, ebenfalls brutal beendet. Die folgenreichste Erhebung fand im Herbst statt: Der Ungarnaufstand begann im Oktober als studentische Demonstration und weitete sich rasch zur nationalen Volkserhebung aus. Die Sowjetunion reagierte mit Panzern. Tausende Menschen starben, Zehntausende flohen in den Westen. Die Hoffnung auf eine Lockerung des sowjetischen Griffs im Ostblock wurde brutal begraben.

Außerhalb des Ostblocks vollzog sich zeitgleich die Entkolonialisierung. Marokko erlangte am 2. März seine Unabhängigkeit von Frankreich. Am 1. Januar war bereits der Sudan unabhängig geworden; Tunesien sollte in demselben Jahr folgen. Der afrikanische Kontinent begann, sich von der europäischen Kolonialherrschaft zu befreien.

In Nigeria wurde am 15. Januar beim Dorf Oloibiri das erste Ölfeld entdeckt – ein Ereignis, das die wirtschaftliche und politische Zukunft des Landes nachhaltig prägen sollte, mit Reichtum für wenige und anhaltender Armut für viele.

In Deutschland begann auf beiden Seiten des Eisernen Vorhangs die militärische Wiederaufrüstung. Am 2. Januar rückten etwa 1500 Freiwillige als erste Angehörige der neuen Bundeswehr ein, der westdeutschen Nachkriegsstreitkraft. Am 1. März folgte die Gründung der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR. Die militärische Teilung Deutschlands war damit formal vollzogen und spiegelte die geopolitische Spaltung Europas wider.

In Württemberg eröffnete am 5. Februar 1956 der Stuttgarter Fernsehturm, das erste seiner Art in der Welt und ein technisches Wahrzeichen, das die Architektur der Nachrichtenübertragung veränderte. Afghanistan unterdessen unterzeichnete am 18. Februar ein neues Wirtschaftshilfeabkommen mit den USA, das den Wettbewerb der Supermächte um Einfluss in der Dritten Welt widerspiegelte.

Das Jahr 1956 war ein Jahr der Widersprüche. Es brachte Hoffnung auf Öffnung und Wandel in der Sowjetunion, aber auch die brutale Bekräftigung, dass diese Öffnung ihre Grenzen hatte. Es brachte Unabhängigkeit für afrikanische Völker, aber auch die blutigen Kosten des Kampfes gegen imperiale Strukturen – sowohl äußere als auch innere. Chruschtschows Geheimrede vom Februar hallte noch jahrzehntelang nach und blieb eines der einschneidendsten politischen Dokumente des 20. Jahrhunderts.

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