Von allen Kriegen, die die Menschheit je geführt hat, war der Erste Weltkrieg der erste, der tatsächlich eine weltweite Dimension annahm. Von 1914 bis 1918 kämpften rund 40 Staaten gegeneinander, insgesamt standen annähernd 70 Millionen Menschen unter Waffen, und etwa 17 Millionen Menschen verloren ihr Leben in einem Konflikt, den die Zeitgenossen schlicht den Großen Krieg nannten, weil ihnen Worte für seine Ungeheuerlichkeit fehlten.
Der auslösende Funke kam am 28. Juni 1914 in Sarajevo. An jenem Sommermorgen wurden der österreichisch-ungarische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin Sophie von Gavrilo Princip erschossen, einem Mitglied der revolutionären Untergrundorganisation Mlada Bosna, die Verbindungen zu serbischen Regierungsstellen hatte oder haben sollte. Hinter dem Attentat stand das Ziel, Bosnien-Herzegowina von der österreich-ungarischen Herrschaft zu befreien und eine Vereinigung der Südslawen unter serbischer Führung voranzutreiben.
Was folgte, war eine Kettenreaktion diplomatischer und militärischer Schritte, die innerhalb von wenigen Wochen einen regionalen Konflikt in einen Weltkrieg verwandelten. Wien suchte für ein hartes Vorgehen gegen Serbien die Rückendeckung Berlins, weil man mit einem russischen Eingreifen als Schutzmacht Serbiens rechnete. Kaiser Wilhelm II. und Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg sagten Österreich-Ungarn Anfang Juli bedingungslose Unterstützung zu. Dieser sogenannte Blankoscheck markierte den Beginn der Julikrise. Serbien wiederum erhielt von Russland die Zusage militärischer Hilfe, und Frankreich bekräftigte seine Allianz mit Russland für den Kriegsfall. Als Serbien das austro-ungarische Ultimatum teilweise ablehnte, erklärte Wien am 28. Juli 1914 den Krieg.
Innerhalb weniger Tage weitete sich der Lokalkrieg zum Kontinentalkrieg aus. Deutschland erklärte Russland am 1. August und Frankreich am 3. August den Krieg. Der Schlieffen-Plan, der deutschen Kriegsplanungen seit Jahren zugrunde lag, sah vor, Frankreich schnell durch einen Angriff aus dem Nordosten zu besiegen und dabei die Neutralität Belgiens und Luxemburgs zu verletzen. Genau diese Entscheidung trieb Großbritannien am 4. August in den Krieg. Damit nahm der Konflikt globale Dimensionen an, denn das britische Weltreich zog seine Dominions von Australien bis Kanada mit in den Kampf.
Der erhoffte schnelle Sieg blieb aus. Der deutsche Vormarsch kam im September 1914 an der Marne zum Erliegen. Was folgte, war einer der grauenhaftesten Kriege in der Menschheitsgeschichte: ein Stellungs- und Grabenkrieg, der sich von der Nordsee bis an die Schweizer Grenze erstreckte und für vier Jahre kaum von der Stelle rückte. Materialschlachten von unvorstellbarem Ausmaß, wie jene bei Verdun und an der Somme, kosteten Hunderttausende von Menschenleben bei winzigen Geländegewinnen. Das Maschinengewehr, der Stacheldraht und die Artillerie hatten die Verteidigung so weit gestärkt, dass jeder Angriff zum Blutbad wurde.
Neue, erschreckende Kriegsmittel wurden in diesem Konflikt erstmals eingesetzt. Der Gaskrieg, der im Frühjahr 1915 begann, fügte den Soldaten grauenhafte Verluste durch Chlor und später durch Senfgas zu und hinterließ bleibende Gesundheitsschäden. Der uneingeschränkte U-Boot-Krieg, mit dem Deutschland die britischen Versorgungslinien unterbinden wollte, hatte weitreichende politische Konsequenzen: Die Versenkung des Passagierdampfers Lusitania und anderer Schiffe mit amerikanischen Staatsbürgern an Bord trieb die USA schließlich 1917 in den Krieg auf Seiten der Entente.
Im Osten verlief der Krieg dynamischer, bis die Oktoberrevolution 1917 Russland aus dem Konflikt riss. Mit dem separaten Friedensvertrag von Brest-Litowsk schied Russland aus dem Krieg aus, und Deutschland konnte seine Kräfte im Westen konzentrieren. Die Deutsche Frühjahrsoffensive 1918 erzielte zunächst spektakuläre Durchbrüche, verausgabte aber die letzten deutschen Reserven. Im Juli 1918 errangen die Alliierten in der Zweiten Marneschlacht endgültig die Initiative.
Versorgungsmängel infolge der britischen Seeblockade, der Zusammenbruch der Verbündeten Bulgarien, der Osmanischen und der Habsburger Monarchie sowie die militärische Lage an der Westfront überzeugten die deutsche Oberste Heeresleitung am 29. September 1918, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Am 11. November 1918 trat der Waffenstillstand in Kraft. Die politischen Konsequenzen waren gewaltig: Vier Imperien verschwanden von der Landkarte, das Deutsche, das Österreichisch-Ungarische, das Russische und das Osmanische Reich. Europa und die Welt wurden neu geordnet, doch die Friedensverträge, insbesondere der Versailler Vertrag, legten den Keim für den nächsten, noch verheerenderen Konflikt. Der Erste Weltkrieg hatte die Welt verändert, aber noch keinen dauerhaften Frieden gebracht.
