Kaum ein Ereignis der Antike hat die menschliche Vorstellungskraft so sehr beflügelt wie der Trojanische Krieg. Seit Homers Ilias vor etwa 2800 Jahren niedergeschrieben wurde, hat diese Geschichte von Helden, Göttern, Verrat und Krieg Generationen von Lesern fasziniert und bildete das Fundament der griechischen und römischen Kultur. Ob der Krieg tatsächlich stattgefunden hat, ist bis heute Gegenstand wissenschaftlicher Debatte, doch seine Wirkung auf die Literatur, Kunst und das Denken der westlichen Zivilisation ist unbestreitbar.
Die mythologische Ursache des Krieges beginnt mit einer göttlichen Intrige. Bei der Hochzeit des Peleus und der Meeresgöttin Thetis, der Eltern des Helden Achilles, erschien die Göttin der Zwietracht Eris mit dem goldenen Apfel der Schönsten. Hera, Athene und Aphrodite stritten darum, wem er gebühre. Der trojanische Prinz Paris sollte als Schiedsrichter entscheiden und wählte Aphrodite, die ihm als Belohnung die schönste Frau der Welt versprach. Diese Frau war Helena, Gemahlin des spartanischen Königs Menelaos. Paris entführte oder entfloh mit Helena nach Troja, und damit war der Krieg unvermeidlich.
Menelaos wandte sich an seinen Bruder, den mächtigen Agamemnon, König von Mykene und Herrscher über die griechischen Könige. Zusammen mobilisierten sie ein gewaltiges Heer aus den Fürsten und Helden des gesamten griechischen Raumes, das Homer als Achaier, manchmal auch als Danaer oder Argiver bezeichnet. Unter den Anführern befanden sich legendäre Krieger wie der unbesiegbare Achilles, der listenreiche Odysseus, der gewaltige Aias und der erfahrene Nestor. Die Flotte versammelte sich in Aulis, und nach göttlichen Prophezeiungen setzte das Heer nach Troja über.
Was folgte, war eine Belagerung von zehn Jahren. Trojas Mauern, die Homer als uneinnehmbar schildert, trotzten allen Angriffen. Die Ilias selbst beschreibt nur 51 Tage dieser zehnjährigen Belagerung, konzentriert auf den Zorn des Achilles und seine Folgen. Dieser hatte sich nach einem Streit mit Agamemnon um die Kriegsgefangene Briseis aus dem Kampf zurückgezogen. Erst als sein engster Freund Patroklos, der Achilles' Rüstung trug, vom trojanischen Prinzen Hektor getötet wurde, kehrte Achilles wutentbrannt in den Kampf zurück, tötete Hektor und entweihte dessen Leichnam, bis der alte König Priamos persönlich in das griechische Lager kam und seinen Sohn für ein Lösegeld zurückerbat.
Das Ende Trojas kam schließlich durch List. Auf Rat des klugen Odysseus bauten die Griechen ein riesiges hölzernes Pferd, in dem sich die tapfersten Krieger versteckten. Die griechische Flotte segelte scheinbar ab, und die Trojaner, überzeugt von ihrem Sieg, zogen das Pferd in die Stadt, obwohl die Prophetin Kassandra und der Priester Laokoon eindringlich warnten. In manchen Überlieferungen heißt es, das Pferd sei so groß gebaut worden, dass es nicht durch die Stadttore gepasst habe, sodass die Trojaner die eigene Stadtmauer niederreißen mussten, um es hereinzubringen. In der Nacht kletterten die Krieger aus ihrem Versteck, öffneten die Tore und ermöglichten dem gesamten griechischen Heer, in die Stadt einzufallen und Troja zu zerstören.
Die Frage, ob der Trojanische Krieg ein historisches Fundament besitzt, beschäftigt Forscher seit Jahrhunderten. In der Antike galt die Ilias als historischer Bericht, und verschiedene antike Autoren datierten das Ende Trojas auf Zeitspannen zwischen 1334 und 1135 vor Christus, wobei Eratosthenes 1184 beziehungsweise 1183 v. Chr. angab und die meisten Datierungen im späten 13. oder frühen 12. Jahrhundert v. Chr. lagen. Der Archäologe Heinrich Schliemann begann 1871 mit Ausgrabungen am Hügel Hisarlık Tepe im Nordwesten der heutigen Türkei, wo er tatsächlich mehrere übereinanderliegende Siedlungsschichten fand. Er identifizierte die Ruinen als das homerische Troja, und die moderne Forschung hat ihm zumindest insofern Recht gegeben, dass an diesem Ort eine bedeutende bronzezeitliche Stadt existierte.
Besonders interessant ist die Schicht Troja VIIa, die nach heutigen Erkenntnissen um die Mitte des 12. Jahrhunderts v. Chr. durch einen Brand zerstört wurde. Keramikfunde deuten stark darauf hin, dass diese Zerstörung nicht vor etwa 1180 v. Chr. stattgefunden haben kann, was gut mit den antiken Datierungen übereinstimmt. Die Vorgängerschicht Troja VIh war nach den Untersuchungen von Carl Blegen um 1300 v. Chr. durch ein Erdbeben zerstört worden, was manche Forscher mit Homers Erwähnung einer früheren Zerstörung in Verbindung bringen.
Bis heute lebt der Begriff des Trojanischen Pferdes fort als Metapher für eine täuschende List, die einem Feind zum Verhängnis wird. Die Geschichte hat Vergil zu seiner Aeneis inspiriert, Dante und Shakespeare beeinflusst, Maler und Bildhauer durch die Jahrhunderte beschäftigt und findet sich in der modernen Computerwelt als Name für schädliche Programme wieder. Ob mythisch oder historisch, der Trojanische Krieg bleibt ein Spiegel, in dem die Menschheit immer wieder Wahrheiten über sich selbst sucht und findet.
