Paul Feyerabend war einer der unbequemsten und originellsten Denker des zwanzigsten Jahrhunderts. Als Wissenschaftsphilosoph stellte er grundlegende Annahmen über die Methode und die Legitimation wissenschaftlichen Wissens in Frage und wurde damit zur polarisierenden, aber unvermeidlichen Stimme in den Debatten seiner Zeit.
Er wurde am 13. Januar 1924 in Wien geboren, in einer Stadt, die zu jenem Zeitpunkt noch immer den Nachhall des untergegangenen Habsburger Reiches spürte und in der politische Spannungen die Luft vergifteten. Sein Großvater väterlicherseits war das uneheliche Kind einer Haushälterin namens Helena Feierabend, die das y in den Familiennamen einführte. Seine Eltern hatten nach dem Ersten Weltkrieg und der Inflation lange gewartet, bevor sie ihr einziges Kind bekamen; seine Mutter war bei seiner Geburt bereits vierzig Jahre alt. Sie war Näherin und nahm sich am 29. Juli 1943 das Leben. Sein Vater, ursprünglich aus Kärnten, hatte als Offizier der Handelsmarine gedient und arbeitete später als Beamter in Wien.
Die Familie lebte in einem Arbeiterviertel, der Wolfganggasse, wo Straßenmusikanten, skurrile Verwandte, Illusionisten und hitzige Streitereien zum Alltag gehörten. In seiner Autobiographie erinnerte sich Feyerabend an eine Kindheit, in der Magie und mysteriöse Ereignisse nur durch einen leichten Perspektivwechsel vom trostlosen Alltag getrennt waren – eine Erfahrung, die sein späteres philosophisches Denken prägen sollte.
Der katholisch erzogene Feyerabend besuchte das Robert-Hamerling-Realgymnasium und zeigte besondere Stärken in Physik und Mathematik. Mit dreizehn Jahren baute er gemeinsam mit seinem Vater ein Teleskop und wurde Beobachter für das Schweizerische Institut für Sonnenforschung. Er war ein unersättlicher Leser, bevorzugte Kriminal- und Abenteuerromane sowie Theaterstücke. Zur Philosophie kam er nach eigener Auskunft durch Zufall: beim Kauf billiger Gebrauchsbücher landeten gelegentlich Werke von Platon, Descartes oder dem Materialisten Georg Büchner in seinem Stapel, die er aus Neugier oder weil er dafür bezahlt hatte, dann eben las.
Seine akademische Karriere begann er als Dozent für Wissenschaftsphilosophie an der University of Bristol, wo er von 1955 bis 1958 lehrte. Danach wechselte er an die Universität von Kalifornien in Berkeley, an der er über drei Jahrzehnte lang tätig sein sollte, von 1958 bis 1989. Feyerabend gilt heute neben Karl Popper, Thomas S. Kuhn und Imre Lakatos als einer der bedeutendsten Wissenschaftsphilosophen des zwanzigsten Jahrhunderts, auch wenn oder vielleicht gerade weil er die Positionen seiner Kollegen oft vehement angriff.
Sein bekanntestes Werk, Wider den Methodenzwang, erschien 1975 und löste in der Fachwelt einen Sturm der Entrüstung aus. Feyerabend argumentierte darin, dass es keine allgemeingültigen methodischen Regeln für wissenschaftliche Untersuchungen gebe. Der Versuch, solche Regeln aufzustellen und durchzusetzen, hemme den Fortschritt eher, als dass er ihn fördere. Seine Schlussfolgerung, die er unter dem provokanten Schlagwort Anything goes formulierte, war keine Aufforderung zur Beliebigkeit, sondern eine erkenntnistheoretische These: Wissenschaftlicher Fortschritt ist historisch gesehen durch Regelverletzungen und nicht durch Regelgehorsam vorangetrieben worden.
In Erkenntnis für freie Menschen von 1978 vertiefte Feyerabend diese Überlegungen und wandte sie auf die Fragen der Wissenschaftspolitik und des Verhältnisses zwischen Wissenschaft und Gesellschaft an. Er trat für eine Trennung von Staat und Wissenschaft ein, ähnlich wie für die Trennung von Staat und Kirche. Wissenschaft, so sein Argument, solle nicht als privilegierte Wahrheitsinstanz behandelt werden, sondern als eine von mehreren Möglichkeiten, die Welt zu verstehen.
In späteren Werken wie Wissenschaft als Kunst von 1984, Irrwege der Vernunft von 1987 und dem postum 1999 erschienenen Vernichtung der Vielfalt bewegte er sich an der Schnittstelle zwischen Wissenschaftsgeschichte, antiker Philosophie, Kunstphilosophie und Ethik. Sein letztes Werk, die Autobiographie Zeitverschwendung, beendete er auf seinem Sterbebett. Ein unvollendeter Entwurf einer Naturphilosophie, der parallel zur Arbeit an Wider den Methodenzwang entstanden war, wurde 2016 postum veröffentlicht und enthält Feyerabends Rekonstruktion der Geschichte der Naturphilosophie von der homerischen Zeit bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts.
Paul Feyerabend starb am 11. Februar 1994 in Genolier im schweizerischen Waadtland. Er hinterließ ein Werk, das unbequeme Fragen stellt und bis heute provoziert – das Zeichen eines echten Philosophen.

