Lucius Aelius Caesar, geboren um das Jahr 101, zählt zu den merkwürdigsten Figuren in der Reihe der römischen Thronfolger. Als Sohn des Lucius Ceionius Commodus, der im Jahr 106 das Konsulat bekleidet hatte, entstammte er der altrömischen Familie der Ceionier, einer angesehenen, aber nicht zur höchsten Aristokratie zählenden Sippe. Sein Leben hätte in den Annalen der Geschichte kaum eine Fußnote hinterlassen, wäre er nicht von dem greisen Kaiser Hadrian als Thronfolger auserkoren worden.
Der Kaiser Hadrian, einer der fähigsten und weitgereisten Herrscher Roms, stand vor einem dynastischen Problem: Er hatte keinen leiblichen Sohn. Das System des Adoptivkaisertums, das Kaiser Nerva am Ende des ersten Jahrhunderts begründet hatte, sah vor, dass der Herrscher den würdigsten verfügbaren Mann als Nachfolger adoptierte, anstatt das Reich blind einem leiblichen Erben zu überlassen. Dieses System hatte unter Traian, Hadrian selbst und dessen Vorgängern bemerkenswert gut funktioniert und Rom eine lange Periode der Stabilität beschert.
Im Jahr 136 traf Hadrian die überraschende Entscheidung, Lucius Ceionius Commodus zu adoptieren. Damit nahm dieser den Namen Lucius Aelius Caesar an. Die Wahl stieß in vielen Kreisen auf Unverständnis, denn der Auserwählte besaß keinerlei militärische Erfahrung und hatte sich weder als Feldherr noch als Verwaltungsbeamter besonders hervorgetan. Er war ein zivilgeprägter Senator, der vor allem durch sein gepflegtes Äußeres, seinen luxuriösen Geschmack und seinen extravaganten Lebensstil auffiel. Antike Quellen beschreiben ihn als gutaussehend, aber von schwacher Gesundheit, mit einem Hang zu Ausschweifungen, der an die späteren Exzesse seines Sohnes erinnern sollte.
Einige antike und moderne Gelehrte spekulierten, ob hinter Hadrians Entscheidung möglicherweise eine persönliche Verbindung steckte und ob Aelius womöglich ein unehelicher Sohn des Kaisers gewesen sein könnte. Belege für diese These gibt es jedoch keine, und sie bleibt im Reich der Spekulation. Wahrscheinlicher ist, dass Hadrian in Aelius eine für das Reich nützliche Persönlichkeit sah, die er durch gezielte Aufgaben formen wollte.
Nach der Adoption im Jahr 136 wurde Aelius mit der Statthalterschaft über die Provinzen Pannonia inferior und Pannonia superior betraut, also über die Gebiete entlang der mittleren und unteren Donau, die heute Teile Ungarns, Kroatiens und Österreichs umfassen. Diese Aufgabe erforderte militärisches und administratives Geschick, denn die Donauprovinzen waren ein sensibles Grenzgebiet des Imperiums. Gleichzeitig bekleidete Aelius in den Jahren 136 und 137 das Konsulat und erhielt zudem die tribunizische Gewalt, eine der wichtigsten Machtgrundlagen der römischen Herrscher. Ob diese Verleihung am 10. Dezember 136 oder erst am 25. Februar 137 erfolgte, ist in der modernen Forschung noch immer umstritten.
Die tribunizische Gewalt war weit mehr als ein symbolischer Titel. Sie verlieh ihrem Träger die Unverletzlichkeit eines Volkstribunen und die Befugnis, Senatssitzungen einzuberufen sowie Gesetze einzubringen. Zusammen mit dem Prokonsulat über die Provinzen war sie der Kern der kaiserlichen Machtstellung in Rom. Durch ihre Übertragung auf Aelius signalisierte Hadrian eindeutig, wen er als seinen Nachfolger betrachtete.
Doch die Geschichte verlief anders als geplant. Aelius' ohnehin geschwächte Gesundheit verschlechterte sich zunehmend. Am 1. Januar 138 starb er nach einem Blutsturz, der in der modernen Medizin entweder als Hämoptyse, also Bluthusten infolge einer Lungenerkrankung wie Tuberkulose, oder als Hämatemesis, das heißt Bluterbrechen infolge einer Magen- oder Speiseröhrenblutung, gedeutet wird. Er starb mit nicht einmal vierzig Jahren, noch bevor er die Kaiserwürde tatsächlich hatte übernehmen können. Hadrian selbst lebte ihm noch einige Monate nach und starb im Juli desselben Jahres.
Der kurze Thronfolger fand seine letzte Ruhestätte im Mausoleum Hadriani, dem gewaltigen Rundbau am Tiber, den Hadrian als monumentales Grabmal für sich und seine Nachfolger hatte errichten lassen und der heute als Castel Sant'Angelo bekannt ist. Aelius wurde damit in die Reihe der Verstorbenen eingeschrieben, für die dieses imposante Bauwerk errichtet worden war.
Nach dem Tod des Aelius sah sich Hadrian gezwungen, schnell einen neuen Nachfolger zu bestimmen. Diesmal wählte er den erfahrenen und bewährten Titus Aurelius Fulvus Boionius Arrius Antoninus, geboren im Jahr 86. Als Bedingung für die Adoption verlangte Hadrian jedoch, dass Antoninus seinerseits zwei junge Männer adoptieren sollte: den noch minderjährigen Lucius Verus, den Sohn des Aelius, und seinen eigenen angeheirateten Neffen Marcus Annius Verus, der später als Mark Aurel in die Geschichte eingehen würde.
Lucius Verus, der Sohn des Aelius Caesar, lebte von 130 bis 169 und regierte als Mitkaiser Mark Aurels von 161 bis zu seinem frühen Tod. Wie sein Vater galt auch er als wenig energisch, genusssüchtig und militärisch wenig begabt, wenngleich er in den Partherkriegen zumindest nominell das Heer anführte. Das Schicksal des Vaters schien sich im Sohn zu wiederholen.
Aelius hinterließ neben Lucius Verus noch zwei Töchter: Ceionia Fabia und Ceionia Plautia. Über deren Leben und Schicksale ist wenig bekannt, doch durch die Adoption ihres Bruders waren sie mit dem kaiserlichen Haus verbunden. Lucius Aelius Caesar blieb damit eine Gestalt, die mehr durch ihre dynastische Funktion als durch eigene Leistungen in die Geschichte eingegangen ist. Er war der Thronfolger, der nie regierte, der Vater eines Kaisers und das Bindeglied zwischen Hadrian und dem goldenen Zeitalter der Antoninen.

