Al-Hakam II., mit vollem arabischen Namen Abū l-Āṣ al-Mustanṣir bi-llāh al-Ḥakam ibn ʿAbd ar-Raḥmān, wurde im Jahr 915 geboren und gilt als einer der kulturell bedeutendsten Herrscher des islamischen Mittelalters. Als zweiter Kalif von Córdoba, der von 961 bis zu seinem Tod im Jahr 976 regierte, verkörperte er jenen seltenen Typus des Herrschers, der politische Macht mit intellektueller Leidenschaft verband. In seiner Amtszeit erreichte das Kalifat von Córdoba einen Höhepunkt sowohl an innerer Stabilität als auch an kultureller Strahlkraft.
Al-Hakam folgte seinem Vater Abd ar-Rahman III. nach, der das Emirat von Córdoba in das erste westlich-islamische Kalifat verwandelt und damit dem Umayyaden-Reich auf der Iberischen Halbinsel neue Legitimität und Bedeutung verliehen hatte. Abd ar-Rahman III. hatte durch jahrzehntelange Feldzüge und diplomatische Meisterschaft ein stabiles Reich aufgebaut. Sein Sohn al-Hakam erbte dieses Fundament und verstand es, darauf aufzubauen, ohne die Früchte durch unbeherrschten Expansionsdrang zu gefährden.
Eines der ersten und wichtigsten Anliegen al-Hakams war die Sicherung des Friedens mit den christlichen Königreichen im Norden der Iberischen Halbinsel. Die Reiche Navarra, Kastilien und León wurden durch Verträge und diplomatische Beziehungen in ein System relativer Koexistenz eingebunden. Diese Friedensperiode ermöglichte eine intensive Konzentration auf innenpolitische und wirtschaftliche Entwicklungen, die das Land nachhaltig veränderten.
Al-Hakam nutzte die Friedensjahre gezielt für die Förderung der Landwirtschaft. Der Ausbau von Bewässerungsanlagen war dabei ein zentrales Projekt: Durch künstliche Kanäle und verbesserte Wasserverteilungssysteme konnten trockene Landstriche urbar gemacht werden, was die agrarische Produktivität erheblich steigerte. Darüber hinaus ließ der Kalif Straßen ausbauen und Märkte einrichten, die den interregionalen Handel förderten und zur wirtschaftlichen Durchdringung des Landes beitrugen. Al-Andalus, wie die arabisch besiedelte Iberische Halbinsel genannt wurde, entwickelte sich in dieser Zeit zu einem der wohlhabendsten Territorien Europas.
Doch al-Hakam ist vor allem wegen seiner Förderung von Kunst und Wissenschaft in die Geschichte eingegangen. Die Bibliothek, die er in Córdoba aufbauen ließ, war eine der größten der damaligen Welt. Zeitgenössische Quellen sprechen von mehr als hunderttausend Bänden, eine für das 10. Jahrhundert kaum vorstellbare Zahl. In einer Epoche, in der europäische Klöster mit einigen Dutzend Handschriften als gut bestückt galten, war diese Ansammlung von Wissen schlechthin revolutionär. Der Kalif selbst soll ein begeisterter Leser gewesen sein und die Bücher gelegentlich persönlich kommentiert haben.
Die Bautätigkeit unter al-Hakam war ebenfalls außergewöhnlich. Die Hauptmoschee von Córdoba, die Mezquita, wurde zwischen 962 und 966 erheblich erweitert und mit einem prachtvollen Mihrab, der Gebetsnische, versehen, der zu den schönsten Beispielen islamischer Architektur überhaupt zählt. Die filigranen Bögen, die Mosaiken aus byzantinischer Werkstatt und die lichtdurchfluteten Hallen machten die Moschee zu einem Wallfahrtsort und einem Symbol islamischer Zivilisation im Westen. Ebenfalls unter al-Hakam wurde die Vollendung der Palaststadt Medina Azahara im Jahr 976 vorangetrieben, ein von seinem Vater Abd ar-Rahman III. im Jahr 936 begonnenes Bauprojekt von enormen Ausmaßen.
Die militärischen Angelegenheiten des Reiches lagen in den Händen des fähigen Generals Ghalib, der als Heerführer erheblichen Einfluss gewann, während die innere Verwaltung weitgehend dem Wesir al-Muschafi überlassen blieb. Ghalib hatte insbesondere die Aufgabe, das Reich gegen externe Bedrohungen zu sichern. Er schlug normannische Angriffe in den Jahren 966 und 971 zurück und führte Kämpfe gegen die Fatimiden und ihre Verbündeten, die Ziriden, in Nordmarokko. Im Jahr 974 gelang es ihm, die Ziriden im nördlichen Marokko zu besiegen und damit die südliche Flanke des Reiches zu sichern.
Die Fatimiden, Rivalen der Umayyaden, hatten auch innerhalb des Reiches selbst Sympathisanten. Einer von ihnen, ein Mann namens Abū l-Chair, wurde während der Herrschaft al-Hakams wegen Häresie und Ketzerei hingerichtet. Dieser Fall zeigt, dass die innere Kohärenz des Reiches nicht nur durch äußere Feinde, sondern auch durch religiöse Subversion bedroht wurde.
Über die Persönlichkeit al-Hakams berichten arabische und westliche Quellen einige für die Zeitgenossen anscheinend bemerkenswerte Details. Der Kalif wird oft als homosexuell beschrieben, obwohl diese Charakterisierung in der modernen Forschung als umstritten gilt. Die Chroniken überliefern die Geschichte, dass er erst Nachkommen zeugte, nachdem einer seiner Sklavinnen, einer Baskin namens Subh, Männerkleidung angelegt und der männliche Name Dschafar gegeben worden sei. Diese Erzählung spiegelt sowohl die höfischen Gepflogenheiten der Zeit als auch die komplizierten Vorstellungen von Geschlecht und Attraktion in der islamischen Hofkultur des 10. Jahrhunderts wider. Subh sollte nach al-Hakams Tod als Regentin für den minderjährigen Thronerben erheblichen politischen Einfluss ausüben.
Am 1. Oktober 976 starb al-Hakam II. Ihm folgte sein minderjähriger Sohn Hischam II. auf dem Thron, für den zunächst seine Mutter Subh die Regentschaft führte. Tatsächlich übernahm bald der mächtige Haushofmeister al-Mansur die faktische Kontrolle über das Reich und begann eine Politik aggressiver Expansion, die in krassem Gegensatz zur kulturellen Friedenspolitik al-Hakams stand. Die goldene Ära des zweiten Kalifen von Córdoba war unwiederbringlich vorbei.

