Die Begegnung zweier Schiffe mitten im Atlantik im Dezember 1872 lieferte der Seefahrtgeschichte eines ihrer beständigsten Rätsel. Die Mary Celeste, eine 31 Meter lange Schonerbrigg mit einer Verdrängung von 282 Tonnen, wurde am 4. Dezember 1872 von der Bark Dei Gratia treibend und scheinbar führerlos zwischen den Azoren und Portugal entdeckt. An Bord befand sich niemand. Kapitän Briggs, seine siebenköpfige Besatzung und die mitreisenden Passagiere waren spurlos verschwunden und wurden nie wieder gesehen. Was mit ihnen geschehen war, gehört bis heute zu den ungelösten Rätseln der Nautik.
Das Schiff hatte eine bewegte Geschichte hinter sich. Ursprünglich im Jahr 1861 auf der Spencer-Insel in Neuschottland, Kanada, unter dem Namen Amazon auf der Dawis-Werft gebaut, maß es anfangs 99,3 Fuß und hatte eine Verdrängung von 198 Tonnen. Schon der erste Kapitän, der Auftraggeber Robert McLellan, starb, bevor das Schiff zu seiner Jungfernfahrt aufbrach. Die Amazon unternahm in den Folgejahren Fahrten nach Europa, entlang der amerikanischen Ostküste und zu den Westindischen Inseln. Nach mehreren Verkäufen erhielt das Schiff schließlich im Jahr 1869 den Namen Mary Celeste.
Am 7. November 1872 legte die Mary Celeste in New York City ab, beladen mit 1.701 Fässern Industriealkohol im Auftrag der Firma Meissner, Ackermann und Co, mit Ziel Genua in Italien. An Bord befehligte Kapitän Benjamin Briggs das Schiff, begleitet von seiner Frau, seiner kleinen Tochter und einer erfahrenen Besatzung von sieben Mann. Die Dei Gratia verließ New York sieben Tage später. Als sie die Mary Celeste schließlich im Atlantik sichtete, beobachteten Kapitän Morehouse und seine Männer das Schiff über zwei Stunden hinweg. Es wurde schnell deutlich, dass es führerlos trieb und keine Notsignale gesetzt hatte.
Der Erste Offizier der Dei Gratia, Oliver Deveau, setzte mit einem kleinen Kommando in einem Ruderboot über, um das verlassene Schiff zu untersuchen. Was er vorfand, war ein beunruhigendes Bild. Eine Lenzpumpe war defekt, und zwischen den Decks hatte sich eine erhebliche Menge Wasser angesammelt. Das Innere des Schiffes befand sich in einem chaotischen, durchnässten Zustand: Das Bett des Kapitäns war vollständig durchweicht, in der Kombüse war der Ofen von seinem Platz gerissen worden, und Küchenutensilien lagen verstreut herum. Verschiedene Luken und die Lazaretttür standen offen, die Borduhr funktionierte nicht mehr, und der Kompass war zerstört.
Sextant und Chronometer fehlten, was darauf hindeutete, dass die Besatzung das Schiff bewusst und geordnet verlassen hatte, zumindest mit dem Gedanken, auf Rettung zu hoffen. Das einzige Rettungsboot schien absichtlich zu Wasser gelassen worden zu sein, auch wenn es hierzu widersprüchliche Berichte gibt. Die Fracht von 1.701 Fässern Ethanol wirkte im Wesentlichen intakt, obwohl bei der späteren Entladung in Genua neun Fässer als leer festgestellt wurden. An Bord befand sich genügend Nahrung und Wasser für sechs Monate. Mit Ausnahme des Logbuches waren keinerlei Schiffspapiere zu finden. Der letzte Eintrag im Logbuch datierte auf den 25. November 1872.
Kapitän Morehouse kannte Kapitän Briggs persönlich und schätzte ihn als erfahrenen und umsichtigen Seemann. Die Tatsache, dass ein Mann von Briggs' Kaliber sein Schiff in anscheinend gutem Zustand und ohne erkennbaren zwingenden Grund verlassen hatte, machte das Rätsel noch tiefer. Sicher war, dass das Schiff nach dem letzten Logbucheintrag noch fast zehn Tage lang durch den Atlantik getrieben war, bevor es von der Dei Gratia aufgefunden wurde.
Im Laufe der Jahrzehnte wurden zahlreiche Theorien aufgestellt, um das Verschwinden der Besatzung zu erklären: Meuterei, Seebeben, ein plötzlicher Druckausgleich durch die teils fermentierenden Alkoholfässer, Panik nach einem Wassereinbruch oder ein Wirbelwind wurden ebenso diskutiert wie esoterischere Erklärungen, die das Schiff mit dem Bermuda-Dreieck in Verbindung brachten. Keine dieser Theorien konnte je vollständig überzeugen.
Das literarische Nachleben der Mary Celeste begann schon bald nach dem Vorfall. Der Schriftsteller Arthur Conan Doyle, bekannter als Schöpfer von Sherlock Holmes, verwendete das Schiff als Vorlage für seine 1884 erschienene Erzählung J. Habakuk Jephson's Statement. Doyle änderte den Namen in „Marie Céleste" und reicherte das Geschehen mit fiktiven Elementen an. Diese fiktionalisierte Version wurde so populär, dass die fehlerhafte Schreibweise jahrzehntelang auch in seriösen Berichten auftauchte.
Die Mary Celeste ist bis heute das bekannteste Geisterschiff der Seefahrtgeschichte. Ihr Schicksal steht exemplarisch für die Unberechenbarkeit des Meeres und die Grenzen menschlichen Wissens. Der Atlantik hat seine Geheimnisse nie vollständig preisgegeben, und die Mary Celeste bleibt ein Symbol für jene Momente, in denen die See Menschen verschluckt, ohne eine Spur zu hinterlassen.
