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Anatoli Nikolajewitsch Bukrejew

Russisch-kasachischer Extrembergsteiger und Bergführer

6 min01/01/2024
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Anatoli Nikolajewitsch Bukrejew wurde am 16. Januar 1958 in Korkino geboren, einer Industriestadt am Südural in der Oblast Tscheljabinsk innerhalb der damaligen Sowjetunion. Er wuchs in dieser kargen Bergregion auf und entdeckte früh seine Faszination für die Höhe. Als Zwölfjähriger begann er 1970 mit dem Klettern im Ural, wo er Höhen zwischen 1600 und 1800 Metern erklomm. Diese frühen Erfahrungen im Gebirge legten den Grundstein für eine der außergewöhnlichsten Bergsteigerkarrieren des 20. Jahrhunderts.

Nach der Hochschulreife im Jahr 1975 schrieb Bukrejew sich an der Staatlichen Pädagogischen Universität Tscheljabinsk ein und belegte als Hauptfach Physik. 1979 erlangte er den Bachelor of Science, schloss parallel dazu eine Trainerausbildung für den Skilanglauf ab und zog danach nach Alma-Ata, der Hauptstadt der Kasachischen SSR am Nordfuß des Tian-Shan-Gebirges. Diese geografische Verlagerung eröffnete ihm eine völlig neue Dimension des Höhenbergsteigens.

Die Entwicklung vollzog sich konsequent und in großen Schritten: 1974 hatte er sich an Höhen bis 5000 Meter herangetastet, 1980 erstieg er zum ersten Mal Berge jenseits der Siebentausender-Marke – den Pik Kommunismus und den Pik Lenin. In den 1980er Jahren bis 1993 bestieg er als Mitglied kasachisch-russischer Teams mehr als 30 Siebentausender. Am Pik Lenin vollzog er 1987 seinen ersten Versuch im Stil des high-speed ascent: Für knapp 3000 Höhenmeter benötigte er vom Basislager bis zum Gipfel acht Stunden, für den Abstieg sechs.

Im Jahr 1989 gelang ihm die Besteigung des Kangchendzönga, des dritthöchsten Berges der Erde. Bukrejew war Teil der zweiten sowjetischen Himalaya-Expedition, wobei alle Teilnehmer angewiesen worden waren, oberhalb von 8000 Metern zusätzlichen Sauerstoff zu benutzen. Noch im gleichen Monat bestieg er den mittleren Gipfel des Kangchendzönga über eine neue Südroute. 1990 folgten Speed-Solos auf dem Denali über die Kassinroute sowie die Westführe, dem Khan Tengri und dem Pik Pobeda.

Insgesamt bestieg Bukrejew neun der vierzehn Achttausender, die meisten davon ohne Flaschensauerstoff: Kangchendzönga über eine neue Route, Dhaulagiri, den Mount Everest, K2, Makalu, Manaslu, Lhotse, Cho Oyu sowie den Gasherbrum II. Zusätzlich erreichte er zwei Nebengipfel mit mehr als 8000 Metern, den Broad-Peak-Vorgipfel und den Shishapangma-Zentralgipfel. Den Mount Everest bestieg er viermal, dreimal davon als Bergführer; den Lhotse und den Dhaulagiri jeweils zweimal.

Das tragischste und zugleich bekannteste Kapitel seiner Karriere spielte sich im Mai 1996 am Mount Everest ab. Bukrejew war zweiter Bergführer in der Mannschaft des Expeditionsleiters Scott Fischer und war im Oktober 1995 in Kathmandu für 25.000 US-Dollar als erfahrener Höhenkletterer engagiert worden. Was dann folgte, zählt zu den dunkelsten Tagen in der Geschichte des Höhenbergsteigens: Ein plötzlicher Wetterumschwung kostete acht Bergsteiger das Leben.

Bukrejews Rolle in dieser Katastrophe wurde zum Gegenstand einer heftigen öffentlichen Kontroverse. Jon Krakauer stellte in seinem Buch In eisige Höhen eine zwiespältige Darstellung des Russen vor: Einerseits warf er ihm mangelnde Teamarbeit und Alleingänge vor, andererseits pries er die selbstlosen Rettungsaktionen, die Bukrejew auf dem Südsattel des Everest unternahm und bei denen er mehrere vollkommen erschöpfte Expeditionsmitglieder aus dem Schneesturm rettete. Bukrejew selbst hielt dem entgegen, er habe lediglich den gemeinsam mit Scott Fischer ausgearbeiteten Akklimatisierungsplan umgesetzt.

Dieser Streit zwischen Krakauer und Bukrejew wurde in der Bergsteigergemeinde intensiv verfolgt und offenbarte die fundamental unterschiedlichen Philosophien, die bei Expeditionen dieser Größenordnung aufeinandertreffen: das Ideal der Teamverantwortung auf der einen Seite, das Prinzip individueller alpiner Exzellenz auf der anderen.

Am 25. Dezember 1997 kam Anatoli Bukrejew an der Annapurna in Nepal ums Leben. Er wurde 39 Jahre alt. Sein Tod durch einen Lawinenabgang während einer Winterbesteigung ist bis heute einer der größten Verluste, den die Bergsteigerwelt des 20. Jahrhunderts erlitten hat. Bukrejews Vermächtnis ist das eines unerschrockenen Mannes, der die Grenzen des Möglichen im Höhenbergsteigen immer wieder neu definierte und dessen Mut und Können bis heute bewundert werden.

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