Marie Skłodowska Curie, geboren am 7. November 1867 in Warschau, damals Teil des Russischen Kaiserreiches, zählt zu den bedeutendsten Wissenschaftlerinnen der Geschichte. In einer Zeit, in der Frauen von höherer Bildung weitgehend ausgeschlossen waren, erkämpfte sie sich mit unerschütterlicher Ausdauer ihren Weg in die Welt der Wissenschaft und veränderte mit ihrer Arbeit unser Verständnis der Materie grundlegend.
Maria Salomea Skłodowska war das jüngste von fünf Kindern des Lehrerehepaares Bronisława und Władysław Skłodowski. Beide entstammten dem niederen polnischen Landadel, der Szlachta, und gehörten zur polnischen Intelligenzija. Ihr Vater hatte an der Universität Sankt Petersburg studiert und unterrichtete Mathematik und Physik. Ihre Mutter leitete das Mädchenpensionat in der Fretastraße in Warschau, die einzige private Mädchenschule der Stadt, wo die Familie zum Zeitpunkt von Marias Geburt wohnte. 1868 wurde der Vater zum stellvertretenden Direktor einer öffentlichen Schule befördert, und die Familie zog in eine größere Dienstwohnung in der Nowolipki-Straße.
Das Schicksal traf die Familie früh und hart. Marias Mutter erkrankte an Tuberkulose und musste ihren Posten aufgeben. Als der Vater 1873 aus dem Schuldienst entlassen wurde, waren die Skłodowskis aus finanziellen Gründen gezwungen, ein Pensionat zu betreiben, das bis zu zehn Schüler beherbergte. Das russisch kontrollierte Polen betrieb nach dem gescheiterten Januaraufstand von 1863 zunehmend eine Russifizierungspolitik. Unterricht durfte nur in russischer Sprache erteilt werden, was den Polinnen und Polen ihre kulturelle Identität zu rauben drohte.
Da Frauen im russischen Teil Polens nicht zum Studium zugelassen waren, musste Maria Wege jenseits des offiziellen Bildungssystems suchen. Sie und ihre Schwester Bronisława vereinbarten einen gegenseitigen Pakt: Maria würde zunächst arbeiten und die Schwester in Paris finanzieren, während jene nach ihrem Abschluss Marie das Studium ermöglichen würde. So zog Maria als Gouvernante auf Landsitze wohlhabender polnischer Familien, um Geld zu verdienen. Ende 1891 konnte sie endlich nach Paris aufbrechen und begann ihr Studium an der Sorbonne, das sie mit Lizenziaten in Physik und Mathematik abschloss.
In Paris lernte sie den französischen Physiker Pierre Curie kennen, den sie 1895 heiratete. Die Ehe wurde zu einer fruchtbaren wissenschaftlichen Partnerschaft, die die Geschichte der Physik und Chemie verändern sollte. Im Dezember 1897 begann Marie Curie die systematische Erforschung der 1896 von Henri Becquerel entdeckten Strahlung von Uranverbindungen. Sie erkannte, dass diese Strahlung eine inhärente Eigenschaft des Atoms selbst war, unabhängig von äußeren chemischen Verbindungen — eine revolutionäre Einsicht. Für dieses Phänomen prägte sie den Begriff „radioaktiv".
Gemeinsam mit Pierre entdeckte sie zwei neue chemische Elemente: Polonium, benannt nach ihrem Heimatland Polen, und Radium. Diese Entdeckungen brachten dem Ehepaar zusammen mit Henri Becquerel im Jahr 1903 den Nobelpreis für Physik ein. Die Arbeit war jedoch nicht ohne Gefahr — die Curies hantierten täglich mit radioaktiven Substanzen, ohne die verheerende Wirkung ionisierender Strahlung auf den menschlichen Körper zu kennen.
Im April 1906 erlitt Pierre Curie einen tragischen Unfalltod, als er in Paris von einem Pferdefuhrwerk überfahren wurde. Für Marie bedeutete dies einen vernichtenden persönlichen Verlust. Dennoch übernahm sie mutig seine Lehrverpflichtungen an der Sorbonne und wurde 1908 auf den eigens für ihn geschaffenen Lehrstuhl für Allgemeine Physik berufen. Sie war die erste Frau und die erste Professorin, die an der Sorbonne lehrte — ein historischer Meilenstein in der Bildungsgeschichte.
1911 erhielt Marie Curie ihren zweiten Nobelpreis, diesmal für Chemie, für die Entdeckung von Radium und Polonium. Damit ist sie bis heute die einzige Frau unter den fünf Personen, die bisher mehrfach mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden, und neben dem Chemiker Linus Pauling die einzige Person überhaupt, die Nobelpreise auf zwei unterschiedlichen Fachgebieten entgegennahm. Doch das Jahr 1911 brachte auch persönliche Angriffe: Als sie sich um einen Sitz in der Académie des sciences bewarb und ihre Beziehung mit dem Physiker Paul Langevin bekannt wurde, erschienen in der Boulevardpresse bösartige Artikel, in denen sie als Fremde, Intellektuelle, Jüdin und sonderbare Frau verunglimpft wurde. Der Antisemitismus dieser Kampagne war umso absurder, als Marie Curie keine Jüdin war.
Während des Ersten Weltkrieges widmete sie sich als Radiologin der Behandlung verwundeter Soldaten. Sie entwickelte mobile Röntgenwagen, die es ermöglichten, radiologische Untersuchungen in unmittelbarer Nähe der Front durchzuführen, und bildete Techniker und Krankenschwestern für diese Arbeit aus. Nach dem Krieg engagierte sie sich in der Internationalen Kommission für Geistige Zusammenarbeit des Völkerbundes für bessere Arbeitsbedingungen von Wissenschaftlern und förderte an ihrem Pariser Radium-Institut weibliche und ausländische Studierende.
Marie Curie starb am 4. Juli 1934 bei Passy in Frankreich. Als Todesursache gilt aplastische Anämie, eine Knochenmarkserkrankung, die mit hoher Wahrscheinlichkeit durch die jahrzehntelange Exposition gegenüber radioaktiver Strahlung verursacht wurde. Ihre persönlichen Notizhefte und sogar Kochbücher gelten bis heute als so stark radioaktiv kontaminiert, dass sie in bleigefütterten Behältern aufbewahrt werden und nur mit Schutzausrüstung eingesehen werden dürfen. Ihr Leben und Werk stehen für die Kraft wissenschaftlicher Neugier, weiblichen Mut gegenüber gesellschaftlichen Schranken und die bleibende Bedeutung der Grundlagenforschung.

