Maria Anna von Österreich war weit mehr als die Gemahlin eines mächtigen Kurfürsten. In einer Zeit, in der Frauen politischen Einfluss oft nur verdeckt ausüben konnten, hinterließ sie als Kurfürstin von Bayern, als Ratgeberin, Briefschreiberin und zeitweise Regentin deutliche Spuren in der Geschichte des Hauses Wittelsbach.
Geboren am 13. Januar 1610 in Graz, war Maria Anna die älteste überlebende Tochter des späteren römisch-deutschen Kaisers Ferdinand II. (1578–1637) und seiner ersten Gemahlin Maria Anna (1574–1616), einer Tochter des Herzogs Wilhelm V. von Bayern. Von Jesuiten streng katholisch erzogen, galt die Erzherzogin als große Schönheit, und ihr wurden Klugheit, geordnete Lebensführung und Gemessenheit bescheinigt. Eine besondere Vorliebe hatte sie für die Jagd – ungewöhnlich für eine Frau ihres Standes. Neben ihrer Muttersprache sprach sie fließend Italienisch.
Am 15. Juli 1635 heiratete die 25-jährige Maria Anna in der Augustinerkirche in Wien ihren wesentlich älteren Onkel, Kurfürst Maximilian I. von Bayern (1573–1651), als dessen zweite Gemahlin. Die Trauung vollzog der Bischof von Olmütz, Franz Seraph von Dietrichstein. Der Ehevertrag, am 17. Juli 1635 unterzeichnet, enthielt eine ungewöhnliche Klausel: Kaiser Ferdinand verzichtete darauf, dass Maria Anna den üblichen Erbverzicht leistete, was ihr ein Miterberecht vorsah, sollten Ferdinands männliche Nachkommen aussterben. Für die Mitgift von 250.000 Gulden wurden ihr Stadt und Schloss Wasserburg sowie die Landgerichte und Märkte Kraiburg und Neumarkt zugesichert. Als künftigen Witwensitz hatte man Burg Trausnitz bei Landshut vorgesehen.
Die Ehe war nicht nur aus dynastischen Gründen geschlossen worden. Für Maximilian I. war die Verbindung mit einer Habsburgerin eine politische Demonstration seiner Haltung gegen Frankreich, das kurz zuvor einen Krieg gegen das Reich begonnen hatte. Trotz des großen Altersunterschieds – Maximilian war 62, Maria Anna 25 – wurde die Ehe nach zeitgenössischen Berichten sehr glücklich. Maximilian umsorgte seine junge Gemahlin liebevoll. Während ihrer ersten Schwangerschaft pilgerte das Paar gemeinsam nach Andechs, um für eine glückliche Geburt zu beten. Der erstgeborene Sohn Ferdinand Maria erhielt den Namen seines Taufpaten, Maria Annas Vaters Ferdinand. Die Geburt hatte die Kurfürstin jedoch so geschwächt, dass sie vorübergehend ihr Sprachvermögen verlor. Die Heilung soll durch Reliquien des Heiligen Franz de Paula beschleunigt worden sein, weshalb Maximilian diesem Heiligen in Neunburg vorm Wald ein Kloster stiftete.
In ihren Charaktereigenschaften ergänzten sich die Eheleute gut. Maximilian war religiös, gebildet und politisch realistisch. Maria Anna erwies sich als fähig, wohlerzogen und energisch, mit einer praktischen Ader in ökonomischen Belangen und einer etwas weltlicheren Geisteshaltung als ihr Gemahl. Sie unterstützte Maximilian aktiv bei den Regierungsgeschäften, nahm persönlich an Sitzungen des Ministerrates teil und führte eine ausgedehnte Korrespondenz – sowohl mit Hofbeamten als auch mit ihrem Bruder Kaiser Ferdinand III., in der sie stets den bayerischen Standpunkt vertrat.
Ihr politisches Gewicht zeigte sich besonders nach der Eroberung von Philippsburg durch die Franzosen 1644. Im Auftrag ihres Mannes drängte Maria Anna ihren Bruder Leopold Wilhelm, der seit 1639 Oberbefehlshaber der kaiserlichen Armee war, zu Friedensverhandlungen. Kurz vor seinem Tod hatte Maximilian 1650 für seine Gattin die Treuherzige Information verfasst – einen Leitfaden für ihre künftige vormundschaftliche Regentschaft. Als er 1641 sein Testament verfasst hatte, hatte Maria Anna darin bereits ein Mitunterzeichnungsrecht für Landessachen beansprucht – ein ungewöhnlicher Schritt für eine Kurfürstin in einer Zeit, in der Frauen laut Goldener Bulle von Verwaltungsämtern in Bayern wie in Sachsen ausgeschlossen waren.
Maria Anna überlebte ihren Mann und führte nach dem Tod Maximilians I. im Jahr 1651 die Regentschaft für ihren minderjährigen Sohn Ferdinand Maria weiter. Sie starb am 25. September 1665 in München. Ihr Wirken verbindet das habsburgische Kaisertum mit dem bayerischen Kurfürstenhaus in einer der entscheidenden Phasen des Dreißigjährigen Krieges und seiner Nachwirkungen.

