Bigfoot, im Englischen wörtlich „Großfuß", gehört zu den hartnäckigsten Mythen Nordamerikas. Seit Generationen kursieren Berichte über ein riesiges, zweibeiniges Wesen mit überdimensionalen Füßen und einem dichten Fell, das angeblich die Wälder und Gebirge der USA und Kanadas durchstreift. Besonders die Rocky Mountains, die Appalachen und die bewaldeten Regionen des Bundesstaates Washington sowie Texas werden als Sichtungsgebiete genannt. In Kanada und Washington trägt das Wesen den Namen Sasquatch, ein Begriff aus der Sprache einheimischer Völker, der so viel bedeutet wie „stark behaarter Mensch" oder „haariger Riese".
Die Wurzeln der Legende lassen sich mindestens bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen. Bereits in den 1850er Jahren berichteten indigene Gemeinschaften in Nordkalifornien von einem menschenähnlichen Wesen, das in den Wäldern hauste. Diese Überlieferungen wurden zunächst kaum außerhalb der betroffenen Regionen wahrgenommen, doch etwa um das Jahr 1958 erlebte die Bigfoot-Legende eine breite Wiedergeburt in der öffentlichen Wahrnehmung, als Berichte über riesige Fußspuren in nordkalifornischen Wäldern die Zeitungen füllten und das kollektive Interesse neu entfachten.
Das Phänomen ist keineswegs auf Nordamerika beschränkt. In weiten Teilen Asiens, darunter China, Vietnam, Malaysia und Indien, berichten Menschen von ähnlichen Kreaturen, die unter verschiedenen lokalen Bezeichnungen bekannt sind. In Vietnam etwa spricht man vom sogenannten Felsenaffen. Die Medien unterscheiden diese Wesen häufig durch einen geografischen Namensvorsatz, der das jeweilige Land oder die Region anzeigt. Der bekannteste asiatische Verwandte des Bigfoot ist zweifellos der Yeti, auch bekannt als „Schneemensch", der vor allem im Himalaja verortet wird.
In der Kryptozoologie, jener Disziplin, die sich mit dem Nachweis bisher unbekannter oder als ausgestorben geltender Tiere befasst und von der akademischen Zoologie als Pseudowissenschaft eingestuft wird, gilt Bigfoot manchen Forschern als lebender Überrest der ausgestorbenen Affengattung Gigantopithecus. Im Jahr 1985 unternahm der amerikanische Anthropologe Grover Krantz einen förmlichen Versuch, das Wesen wissenschaftlich zu beschreiben und ihm den Namen Gigantopithecus blacki zuzuweisen. Die International Commission on Zoological Nomenclature lehnte diesen Vorstoß jedoch ab, da der entsprechende Taxonname bereits anderweitig vergeben war und Krantz keinen Holotyp, also kein Belegexemplar, vorweisen konnte.
Der überwiegende Teil der wissenschaftlichen Gemeinschaft betrachtet Bigfoot als einen Mythos ohne reale zoologische Grundlage. Dennoch begeben sich immer wieder sowohl professionelle Forscher als auch enthusiastische Laien auf die Suche nach dem Wesen. Nicht selten enden diese Expeditionen mit der Entdeckung von Braunbären oder Grizzlybären, die sich wie Bigfoot auf den Hinterbeinen aufrichten können und so aus der Ferne eine verblüffende Ähnlichkeit mit einem aufrecht gehenden Humanoiden aufweisen.
Zwei Landkreise im Staat Washington, Skamania County im Jahr 1969 und Whatcom County im Jahr 1991, reagierten auf den anhaltenden Boom der Bigfoot-Legenden mit einer ungewöhnlichen Maßnahme: Sie erklärten sich offiziell zu Bigfoot-Schutzgebieten und machten die Bejagung des Kryptiden gesetzlich verboten. Ob diese Verordnungen tatsächlich einem lebendigen Wesen oder eher dem Tourismus zugutekommen, ist eine offene Frage.
Das bekannteste vermeintliche Beweisdokument für die Existenz von Bigfoot ist ein kurzes Filmchen, das Roger Patterson und Robert Gimlin im Jahr 1967 aufnahmen. Der 16-mm-Film zeigt ein großes, behaartess, zweibeiniges Wesen, das durch einen Wald schreitet und sich kurz zur Kamera umwendet. Während Befürworter in dem Film einen Beweis für die Realität des Bigfoot sehen, vertreten Skeptiker die Ansicht, dass es sich schlicht um einen Menschen in einem Gorillakostüm handelt. Bis heute konnte keine abschließende Einigung erzielt werden, obwohl zahlreiche Bildanalysen und biomechanische Studien durchgeführt wurden.
Im Dezember 2002 erschütterte eine Enthüllung die Bigfoot-Forschergemeinde: Michael Wallace, Sohn des 2002 verstorbenen Holzfällerunternehmers und Bigfoot-Enthusiasten Ray L. Wallace, gab öffentlich bekannt, dass sein Vater seit etwa 1958 Bigfoot-Fußspuren mit aus Holz geschnitzten Füßen in den Boden gedrückt hatte. Die Veröffentlichung dieser Geständnisse zusammen mit Fotos, die Michael Wallace mit riesigen Holzfüßen in den Händen zeigten, fand enormen Widerhall in amerikanischen und internationalen Medien. Der Tenor lautete vielerorts schlicht: „Bigfoot ist tot." Bigfoot-Forscher hielten dagegen, dass gefälschte Spuren leicht von echten zu unterscheiden seien, da die natürliche Gewichtsverlagerung eines lebendigen Wesens nicht durch einfache Holzstempel oder Latexabdrücke imitiert werden könne.
Die historischen Berichte über das Wesen reichen allerdings weit über die amerikanische Folklore hinaus. Bereits aus dem Jahr 1549 soll ein Kadaver des in Südamerika als Ukumar oder Ukumari bekannten Wesens in der Nähe der bolivianischen Stadt Caracas gefunden worden sein. Der spanische Chronist Pedro de Cieza de León berichtete in seiner Chronik von Peru von einem Ukumar, der in der Nähe des Tafi Valley sogar lebendig gefangen worden sei. Diese Berichte verdeutlichen, dass das Phänomen ähnlicher Fabeltiere tief in verschiedenen Kulturen verankert ist.
Im Juli 2008 sorgten zwei Männer erneut für Aufsehen, als sie behaupteten, in den Wäldern des US-Bundesstaates Georgia einen Bigfoot-Leichnam gefunden zu haben. Die Aufregung war groß, doch am 19. August desselben Jahres kam die ernüchternde Wahrheit heraus: Bei dem angeblichen Kadaver handelte es sich lediglich um ein handelsübliches Bigfoot-Kostüm, das die beiden offenbar in betrügerischer Absicht eingefroren hatten. Der Fall reihte sich nahtlos in eine lange Geschichte von Fälschungen und Täuschungen ein, die das Thema Bigfoot seit Jahrzehnten begleiten.
Bis heute konnten keine allgemein anerkannten Beweise für die tatsächliche Existenz von Bigfoot erbracht werden. Ton- und Bildaufnahmen entpuppten sich entweder eindeutig als Fälschungen oder bleiben so mehrdeutig, dass sie keine belastbaren Schlüsse erlauben. Dennoch hält die Faszination für das Wesen ungebrochen an. In Film, Fernsehen, Literatur und der Popkultur ist Bigfoot zu einer kulturellen Ikone geworden, die das menschliche Verlangen nach dem Unerklärlichen und dem Mysterium unberührter Wildnis widerspiegelt. Die Legende des Bigfoot ist damit weniger ein zoologisches Problem als ein Spiegel des menschlichen Wunsches, in einer aufgeklärten Welt noch Geheimnisse zu entdecken.
