John Lubbock, 1. Baron Avebury, verkörpert wie kaum ein anderer den viktorianischen Typus des universell gebildeten Gentleman-Wissenschaftlers. Am 30. April 1834 in London geboren, hinterließ er Spuren in der Anthropologie, Paläontologie, Botanik, Entomologie und der Politik, und prägte mit einigen seiner Begriffe das Vokabular der modernen Vorgeschichtsforschung bis in die Gegenwart.
Er entstammte einer privilegierten, intellektuell aktiven Familie. Sein Vater, Sir John William Lubbock, 3. Baronet, war Astronom, Bankier, Mathematiker und Physiker, ein Mann, der das ererbte Bankhaus Lubbock & Co. führte, dabei aber stets den Wissenschaften mehr Neigung entgegenbrachte als dem Geschäftsleben. Die Familie bewohnte ein Haus am Eaton Place Nr. 29 in London, und John war der älteste von elf Geschwistern.
Als Kind faszinierten ihn bereits Insekten, eine Leidenschaft, die ihn sein ganzes Leben begleiten sollte. Mit acht Jahren kam er 1842 zunächst zu einem Privatlehrer in der Abingdon Abbey, wo er aristokratische Mitschüler hatte, darunter Söhne des 5. Duke of Buccleuch, des 4. Earl of Dartmouth und des 6. Earl of Chesterfield. Von 1845 bis 1848 besuchte er das renommierte Eton College, doch dann änderte sich sein Lebensweg abrupt.
1848 entschied sein Vater, ihn von der Schule zu nehmen, da zwei Geschäftspartner des Bankhauses erkrankt waren und Unterstützung benötigt wurde. Anstatt sich einen anderen Lehrjungen zu suchen, führte der Vater seinen ältesten Sohn ins Bankgeschäft ein, das zu dieser Zeit unter dem Namen „Lubbock, Forster & Co." firmierte. 1849 begann Lubbock seine Banklehre und sollte später selbst bedeutende Verbesserungen im britischen Bankwesen einführen.
Ein entscheidender Einfluss auf seine wissenschaftliche Laufbahn kam aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Charles Darwin zog mit seiner Familie nach Down House, unweit des Familiensitzes der Lubbocks, und die beiden Familien wurden enge Freunde. Darwin erkannte das Talent des jungen Mannes und ermutigte ihn aktiv: Er veranlasste seinen Vater, ihm ein Mikroskop zu schenken, und ließ ihn für seine eigenen Bücher Zeichnungen anfertigen. So erschien bereits im Januar 1853 Lubbocks erste wissenschaftliche Arbeit, die sich mit einigen von Darwins Sammlungen befasste, im Natural History Magazine.
In seiner wissenschaftlichen Laufbahn erlangte Lubbock vor allem durch seine archäologischen und vorgeschichtlichen Arbeiten internationalen Ruhm. Auf ihn gehen die heute noch gebräuchlichen Begriffe Paläolithikum und Neolithikum zurück. Er definierte das Paläolithikum als die Epoche des geschlagenen Steins und das Neolithikum durch die Verwendung geschliffener Steinbeile. Mit seiner Unterscheidung der Funde aus den glazialen Moränen und den dänischen Muschelhaufen nahm er sogar die spätere Trennung zwischen Paläolithikum und Mesolithikum vorweg, die offiziell auf Hodder M. Westropp im Jahr 1866 zurückgeht. Zusammen mit dem Sammler John Evans erwarb er zudem bedeutende Fundstücke aus Hallstatt.
Parallel zur Wissenschaft betätigte er sich in der Entomologie und Botanik. Für die Ray Society verfasste er eine grundlegende Monographie über Springschwänze und Zottenschwänze, zwei wenig beachtete, aber für die Ökologie wichtige Insektengruppen. Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1865 erbte er den Adelstitel als 4. Baronet of Lammas und kehrte auf den Familiensitz High Elms in Farnborough zurück. Er war zudem ein versierter Autor populärwissenschaftlicher Werke, die in viele Sprachen übersetzt wurden und einem breiten Publikum Zugang zu den Naturwissenschaften verschafften.
Ab 1870 betrat Lubbock auch die politische Bühne. Als Abgeordneter der Liberal Party gewann er den Sitz für das Borough Maidstone im House of Commons, den er bis 1880 innehatte. Anschließend vertrat er bis 1900 die Universität London, an der er früher als Vizekanzler fungiert hatte. 1890 wurde er ins Privy Council aufgenommen, die höchste beratende Körperschaft der britischen Krone.
Am 22. Januar 1900 wurde er in Anerkennung seiner außerordentlichen Verdienste als Baron Avebury, of Avebury in the County of Wilts, zum erblichen Peer erhoben und damit Mitglied des House of Lords. Er starb am 28. Mai 1913 in Kingsgate Castle in Broadstairs, Kent. Sein intellektuelles Erbe lebt in den Grundbegriffen der Vorgeschichtsforschung fort, die er einst der Welt gegeben hat.


