Als die drei Schiffe Susan Constant, Godspeed und Discovery im Mai 1607 in die Mündung des James River einliefen und 104 englische Siedler an Land gingen, hatte niemand an Bord ahnen können, welch historische Bedeutung dieser Moment einmal haben würde. An diesem Flusslauf in Virginia legten die Männer der Virginia Company of London den Grundstein für Jamestown, die erste dauerhafte englische Siedlung in Nordamerika. Benannt wurde die Siedlung nach König James I. von England, der ihr mit der Royal Charter von 1606 erst die rechtliche Grundlage geschaffen hatte.
Die Geschichte Jamestowns beginnt jedoch nicht im Jahr 1607. Bereits 1570 hatten Spanier in der Nähe des späteren Jamestown versucht, auf der Virginia-Halbinsel eine Mission zu errichten. Acht Jesuiten und ein Ministrant setzten dabei auf die Hilfe eines einheimischen Häuptlingssohnes der Powhatan, der unter dem Namen Don Luis bekannt war. Er war 1561 in dieser Region aufgegriffen und in Spanien und Mexiko erzogen worden. Doch Don Luis, zurück bei seinem Volk, veranlasste schließlich die Tötung der Missionare mit ihren eigenen Äxten. Die spanische Vergeltungsexpedition im Jahr darauf tötete über 20 Indianer und hängte sie an den Schiffsmast, was tiefe Wunden in der Beziehung zwischen den Völkern hinterließ. Diese traumatischen Erfahrungen bildeten den historischen Hintergrund, vor dem die ersten englischen Siedler auf ein zutiefst misstrauisches und gleichzeitig die technische Überlegenheit der Fremden fürchtendes Volk stießen.
England hatte sich in der Seefahrt an die amerikanischen Küsten lange Zeit hinter Portugal, Spanien und Frankreich gehalten. Erst unter Königin Elisabeth I. erwachte das Interesse an einer Besiedlung des amerikanischen Kontinents. Wesentlichen Anteil daran hatte der englische Geograf und Schriftsteller Richard Hakluyt, der leidenschaftlich für englische Kolonien in Amerika eintrat. Er argumentierte, dass englische Kolonien nicht nur die Macht des spanischen Königs schwächen würden, sondern auch Millionen indianischer Seelen zum Christentum führen könnten. Zugleich versprach er sich neue Absatzmärkte für englische Waren und neue Quellen des Reichtums. Die ersten Versuche englischer Expeditionen an die nordamerikanische Küste verliefen jedoch katastrophal: Martin Frobishers drei Reisen zwischen 1576 und 1578 führten ihn in den finanziellen Ruin, Sir Humphrey Gilberts Versuch in Neufundland endete mit seinem Tod auf See, und auch die Raubzüge von John Hawkins und Francis Drake änderten nichts daran, dass England bis 1580 noch keine feste Präsenz in Amerika etabliert hatte.
Die Gründung von Jamestown als James Fort im Jahr 1607 war deshalb ein Novum, dem von Anfang an erhebliche Erwartungen aufgebürdet wurden: die Bekehrung der Ureinwohner zum Christentum, die Entdeckung von Gold und Silber sowie der Export wertvoller Güter nach England. Nichts davon gelang in den ersten Jahren. Stattdessen kämpften die Siedler ums blanke Überleben. Kämpfe mit den Powhatan-Indianern, Ausbrüche von Krankheiten, die von Seuchen wie Typhus und Ruhr ausgelöst wurden, sowie eine chronische Nahrungsmittelknappheit brachten die Kolonie mehrfach an den Rand des Untergangs. Der erste Winter 1607/08 und besonders der sogenannte Starving Time genannte Winter 1609/10 kosteten Hunderten von Siedlern das Leben, und nur wenige Überlebende hielten standhaft durch.
Die Rettung kam nicht durch Gold, sondern durch Tabak. Als John Rolfe ab 1612 mit dem Anbau karibischer Tabaksorten begann, änderte sich die wirtschaftliche Lage der Kolonie fundamental. Tabak entwickelte sich rasch zum wichtigsten Exportgut Virginias und trieb die wirtschaftliche Erschließung des Landes voran. Plantagen wurden angelegt, und mit ihnen wuchs auch der Bedarf an Arbeitskräften, der schließlich den transatlantischen Sklavenhandel nach Virginia befeuerte.
Ein Meilenstein in der Kolonialgeschichte Nordamerikas ereignete sich am 30. Juli 1619: In Jamestown trat die erste Generalversammlung von Virginia zusammen. Diese gesetzgebende Versammlung englischer Siedler gilt als Vorläufer der demokratischen Selbstverwaltung in dem, was später die Vereinigten Staaten werden sollte. Im selben Jahr wurden die ersten aus Afrika verschleppten Menschen nach Virginia gebracht, was den Beginn einer verhängnisvollen Geschichte markiert.
Im Jahr 1624 verwandelte die Krone die von der Virginia Company verwaltete Kolonie in eine Kronkolonie. Jamestown blieb zunächst der politische Mittelpunkt Virginias, doch Konflikte, Brände und wiederholte Verwüstungen schwächten die Siedlung. 1699 wurde der Regierungssitz in das rund sechs Kilometer entfernte Williamsburg verlegt und Jamestown danach aufgegeben.
Im kollektiven Gedächtnis der Vereinigten Staaten spielt Jamestown heute eine seltsam randständige Rolle. Es ist die Geschichte der Pilgerväter, die 1620 mit der Mayflower in Plymouth landeten, die das populäre Gründungsmythos der Nation dominiert. Dabei war Jamestown ihnen um 13 Jahre voraus. Die Überreste der ursprünglichen Siedlung sind heute Teil des Colonial National Historical Park und werden durch den National Park Service gepflegt und erforscht, wobei archäologische Ausgrabungen seit den 1990er Jahren immer neue Erkenntnisse über das frühe Kolonialamerika liefern.
